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Karneval in Mönchengladbach
Die Materialschlacht der Pulvermeister

Generalappell 2016 mit den Pulvermeistern in Mönchengladbach
Generalappell 2016 mit den Pulvermeistern in Mönchengladbach FOTO: Ilgner Detlef
Mönchengladbach. Die Lokalprominenten mit der Lizenz zum Blödeln auf höchstem Niveau haben beängstigende Qualität erreicht. Sie rockten den Generalappell – der aber auch vor dem fulminanten Schlusspunkt einen Gänsehaut-Moment hatte. Von Ralf Jüngermann

Der Moment, der am längsten nachhallen wird von diesem denkwürdigen Generalappell der Prinzengarde der Stadt Mönchengladbach, ist einer, der nichts mit den Pulvermeistern zu tun hat. Und das ist eine gute Nachricht!

Denn die Pulvermeister blödeln, rocken und tanzen ja seit längerem in ihrer eigenen Umlaufbahn. Man könnte sie wahrscheinlich auch nachts um 3 Uhr auf die Bühne der KFH stellen, und der Saal wäre trotzdem voll und nach ein paar Minuten außer Rand und Band über dieses eigenwillige Naturereignis, das da über die Bretter fegt.

Darüber verliert man manchmal ungerechterweise ein bisschen den Rest dieser Veranstaltung – wie die Ernennung des neuen Generalappellmeisters Christoph Ferrari – aus den Augen. Das war diesmal anders. Denn diesmal kam Horst Trumm, der 14 Jahre lang Vorsitzender der Garde war, auf die Bühne und war sichtlich von seiner Krankheit gezeichnet. An seiner Seite seine Frau Hilde, die nicht nur den Generalappell seit ebenso vielen Jahren charmant managte. Zu sehen, wie sich die beiden von Herzen freuten, über ihre Ernennung zum Ehrenvorsitzenden und Ehrenmitglied, aber auch über eine tolle Sitzung, die sie noch mit vorbereitet hatten, das rührte jeden an diesem Abend in der Kaiser-Friedrich-Halle.

Die Karnevalszüge in Mönchengladbach

Und dann also die Pulvermeister! Die wichtigsten Nachrichten zuerst: Elvis lebt! Er heißt Ulli Hillekamp, war in einem früheren Leben mal Ärztlicher Direktor der Kliniken Maria Hilf, könnte vom Geburtsdatum her mit Elvis in der Schule gewesen sein – ist aber im Gegensatz zum King noch lebendig. Aber so was von! Er hüpfte, rannte, tanzte als Elvis wie ein Irrwisch über die Bühne, ließ sich elegant die Treppen in den Bühnenraum hinuntergleiten. Wo immer dieser Jungbrunnen sein mag, dem er entstiegen ist – die Adresse hätte man nur zu gerne.

Zweite Auferstehung: Freddie Mercury. Das heilige Pathos, das Radiologie-Professor Christoph Müller-Leisse in das Duett "Barcelona" mit Gabi Teufel als Montserrat Caballé legte, wäre allein das Eintrittsgeld wert gewesen. Dritte Wiederbelebung: Tina Turner is back. Unnachahmlich rotes Irgendwas am Leib, wuschiges Irgendwas auf dem Kopf – wer Gabi Teufel als Rockröhre erlebte, ahnt, wie viele Stunden Arbeit in der Vorbereitung dieser tollen Performance gelegen haben müssen.

Das ist ja das Besondere an diesen Pulvermeistern: Sie übertragen ihren hohen Anspruch, den sie in ihren Berufen ausleben, eins zu eins auf den Karneval, machen sich ohne Rücksicht auf Verluste zum Affen und allen anderen damit größtmögliche Freude.

Friedhelm Kirchhartz hätte sein Geld ja statt als NEW-Chef genau so gut als komödiantische Rampensau oder als Animateur verdienen können. Am Ende des Abends hat er jeden einzelnen Tisch höchstpersönlich zum Mitsingen animiert, hat mit jeder Frau einzeln getanzt und auf der Bühne Stage Diving gemacht. Seine Energie dürfte das Abschalten des einen oder anderen Atomkraftwerks locker kompensieren.

Selfies vom Veilchendienstagszug FOTO: Britta Hrsn

Längst sind die Pulvermeister ja ein eigenes Unternehmen, das ohne ein mittelgroßes Heer an Schneiderinnen, Make-up-Künstlern und Tanzlehrern nicht so perfekt funktionieren würde. Jedes Jahr denkt man: Jetzt sind sie an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angekommen. Und dann kommt das nächste Jahr. Und statt einem prächtigen Kostüm trägt dann jeder in schnellem Wechsel gleich mehrere.

Dringend noch erwähnt werden müssen: Bolten-Chef Michael Hollmann als Harald Glööckler. Christoph Müller Leisse als Jorge Gonzales. IHK-Präsident Heinz Schmidt als ganz wunderbarer Thomas Rath. Reisebüro-Chef Gert Kartheuser und Chefarzt Ralf Dürselen als höchst agile Blues Brothers. Zahnarzt Heinz Schnock als Andreas Gaballer. Moderator Horst Thoren als wortgewandter Schä. Sparkassen-Chef Hartmut Wnuck, der als Cool Boy Tina Turner umgarnt. All das ist richtig stark, auch weil es bei allem Anspruch den lausbubenhaftem Charme einer sonst kreuzbraven Abiturientia hat, die dem Affen dann so viel Zucker auf einmal gibt, das man einfach mitprusten muss.

Da sitzt mancher Angestellte mit offenem Mund im Parkett und bittet sein Gegenüber fassungslos: Kneif mich, das da oben ist mein Chef! Und das ist die allerbeste Nachricht, die die Pulvermeister mitbringen: Viele haben Talente, die dringend auf die Bühnen dieser Stadt gehören. Traut Euch! Unser Jubel ist Euch sicher!

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