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Redaktionsgespräch Gert Fischer
Ich rechne mit 4000 neuen Flüchtlingen

Mönchengladbach: Gert Fischer rechnet mit 4000 neuen Flüchtlingen
Gert Fischer kümmert sich bei der Stadt um die Unterbringung der Flüchtlinge. Der Dezernent für Schule, Sport und Kultur rechnet damit, dass die Einrichtungen im JHQ (oben) und im Nordpark bald vom Land belegt werden. FOTO: ikr/web/hpr
Mönchengladbach. Der zuständige Dezernent erklärt, was das Land an der Krefelder Straße plant. Außerdem erläutert er, warum er Turnhallen auch weiter am liebsten nicht als Unterkünfte nutzen will und was ihm bei dem Thema Asylbewerber Sorgen macht.

Herr Fischer, wir haben den Eindruck, Mönchengladbach kommt mit der Herausforderung, viele Asylbewerber zu beherbergen, gut klar. Stimmt das?

Gert fischer Ja, das stimmt - im Moment noch. Aber ich traue mich kaum, das laut zu sagen. Zum einen, weil schon die jetzigen Fallzahlen von den Kollegen in der Sozialverwaltung nicht mehr zu stemmen sind. Zum anderen, weil es jeden Tag ganz anders werden kann. Und wir sind in der Verwaltung weniger mit dem beschäftigt, was wir bisher schon geschafft haben, als mit den Aufgaben, die noch auf uns zukommen.

Mit wie vielen weiteren Flüchtlingen rechnen Sie im Laufe des Jahres?

Fischer Das ist ganz schwer zu sagen, weil es so viele Unbekannte gibt, die wir auch nicht beeinflussen können. Wir wissen nicht, ob weniger, genauso viele oder mehr Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Wir wissen nicht, wie viele der Flüchtlinge, die aktuell in Gladbach leben, dauerhaft bleiben. Ein Teil hat keinen Anspruch auf Asyl; wir wissen nicht, wie schnell sie abgeschoben werden, auch nicht, wer freiwillig geht. Ein anderer Teil macht sich eigenständig auf den Weg in andere Städte, zum Beispiel zu Verwandten. Und dann wissen wir noch nicht, welche Landeseinrichtung auf Mönchengladbacher Boden wie viele Asylbewerber aufnehmen wird und ab wann diese angerechnet werden.

Bekommen wir an der Krefelder Straße eine große Einrichtung mit bis zu 1000 Plätzen?

Fischer Das kann ich nicht verbindlich sagen, denn es geht um eine Landeseinrichtung, und das Land entscheidet. Es hat Interesse, auf einem Grundstück, das ihm gehört, eine solche Einrichtung aufzubauen. Und wir als Stadt haben auch ein Interesse daran.

Wann könnten dort Flüchtlinge einziehen?

Fischer Meiner Meinung nach ist das noch im ersten Halbjahr möglich. Aber letztlich bin ich für die Frage der falsche Ansprechpartner. Das Land wird sich sicher bald dazu äußern.

Seit drei Jahren reden wir darüber, dass Flüchtlinge ins JHQ einziehen. Bisher sind nur wenige dort. Wann ändert sich das?

Fischer Das Land sagt: im Sommer. Dann könnten dort laut Plan 400 Asylbewerber pro Tag registriert und innerhalb von fünf Tagen in die Kommunen weiter verteilt werden.

Wie schwer ist es zu erklären, dass Unterkünfte wie im Nordpark gerade leer stehen?

Fischer Das ist der Öffentlichkeit schon ziemlich schwer zu erklären. Aber ehrlich gesagt habe ich an der Stelle lieber ein Kommunikationsproblem als 700 zusätzliche Flüchtlinge in städtischer Verantwortung. Es ist so: Die Plätze, die das Land in Gladbach als Reserve vorhält, werden der Stadt angerechnet. Und zwar unabhängig davon, ob die Betten tatsächlich belegt sind oder nicht. Das bedeutet also: Hätten wir die 700 Plätze im Nordpark nicht an das Land vermietet, müssten wir sofort entsprechend mehr Asylbewerber unterbringen, um unsere Quote zu erfüllen. Und das wäre im Moment praktisch unmöglich.

Wie viele Asylbewerber leben im Moment in Mönchengladbach?

Fischer Es sind mehr als 2600 in städtischer Obhut. Dazu kommen die Plätze, die wir dem Land zur Verfügung stellen. Zusammen sind das dann 3.800 und in der Summe gerade mal 1,5 Prozent der Bevölkerung. Die Dramatik resultiert nicht aus dieser Zahl, sondern aus dem Zeitdruck, unter dem wir stehen. Ich bin davon überzeugt: Wenn wir das zwei Jahre hätten vorbereiten können, würden die Menschen nicht einmal merken, dass da Asylbewerber kommen. In Realität haben wir aber oft nicht mal Tage und manchmal nicht mal Stunden Zeit.

Bei allen verständlichen Unwägbarkeiten, die Sie erklärt haben, noch mal die Frage: Von wie vielen Flüchtlingen, die in diesem Jahr nach Gladbach kommen, gehen Sie aus?

Fischer Orientiert man sich am zuständigen Landesminister: 4000. Und das heißt: mehr als 2015. Wir müssen von erneut 3000 Asylbewerbern ausgehen plus 1000, weil das Land den großen Städten mehr zuweisen will als den kleinen Kommunen.

Und wie viele Plätze fehlen Ihnen aktuell noch?

Fischer Ich hoffe, es fehlen "nur" 1000. Das wäre dann der Fall, wenn das Land die große Einrichtung an der Krefelder Straße betreibt und im JHQ im Sommer fertig wird.

Müssen Sie weitere Turnhallen für die Unterbringung nutzen?

Fischer Unser Ziel ist es, das zu vermeiden. Denn 50 Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und unterschiedlicher Herkunft auf so engem Raum ohne jegliche Privatsphäre zusammenzulegen, ist immer die schlechteste von allen Lösungen. Das ist die allerletzte Option, die wir nur dann ziehen, wenn sonst nichts mehr geht. Ab März schließe ich aber nichts aus.

Was ist Ihnen lieber?

Fischer Grundstücke, auf denen wir weitere Strukturen in Leichtbauweise errichten können. Wir haben gerade ein weiteres Projekt in der Pipeline, das uns hoffentlich weitere rund 300 Plätze bringen würde. Und natürlich bestehende Gebäude mit der nötigen Infrastruktur wie Hotels, wie wir sie jetzt gerade belegen. Von beidem werden wir in diesem Jahr noch mehr brauchen.

Was macht das mit dem städtischen Haushalt?

Fischer Das Mieten und Kaufen kostet Geld und natürlich die Versorgung der Flüchtlinge. Insofern belasten die Asylbewerber unseren städtischen Haushalt. Aber diese Belastung scheint noch beherrschbar. Mehr Sorge als der Haushalt machen mir andere Dinge.

Welche?

Fischer Mehr Sorge macht mir, dass ich mich, wenn es um Zuweisungen geht, inzwischen auf das Wort der Bezirksregierung Arnsberg nicht mehr wirklich verlassen kann. Mehr Sorge macht mir, dass viele Mitarbeiter in der Verwaltung und sicher auch viele Ehrenamtler schon zu lange über ihr Limit hinaus arbeiten. Und mehr Sorge machen mir diejenigen, die bewusst zündeln und Lügen in die Welt setzen.

Was meinen Sie damit?

Fischer Da erfindet z.B. irgendwer, dass am Gathersweg 280 junge, syrische Männer untergebracht werden sollen. Es weiß aber im Moment noch niemand, wer kommen wird. Und die Erfahrung sagt: Am wahrscheinlichsten ist es, dass es sehr unterschiedliche Menschen, Alleinreisende und Familien und das aus verschiedenen Herkunftsländern, sein werden. Einige Leute erfinden solche Geschichten, weil sich das, was sie für Wahrheit halten, nicht mit Tatsachen illustrieren lässt. Das ist bösartig und gefährlich.

Machen Sie sich Sorgen, dass so etwas wie Silvester vor dem Kölner Hauptbahnhof auch in Gladbach passieren könnte?

Fischer Natürlich gibt es auch, zu einem kleinen Prozentsatz, kriminelle Asylbewerber. Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass das in Mönchengladbach ein wesentliches Problem ist.

RALF JÜNGERMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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