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Jugendliche bedrohen Anwohner
"Abends trauen wir uns nicht vor die Tür"

Mönchengladbach: Jugendliche bedrohen Anwohner
Der Kirchplatz liegt idyllisch und trotzdem mitten in der Stadt – eigentlich die perfekte Wohnlage. Am Wochenende wird sich das kleine Paradies allerdings immer wieder zum Treffpunkt für aggressive und pöbelnde Jugendliche. FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Die Anwohner des Kirchplatzes und der Rathausstraße in Mönchengladbach sind verzweifelt. Jedes Wochenende werden sie von Jugendlichen vor ihrer Tür belästigt und bedroht. Jetzt wollen sie auf ihre Situation aufmerksam machen - aber anonym. Von Laura Schameitat

Eigentlich wohnt Marianne Zimmermann (Name von der Redaktion geändert) so idyllisch - in einem kleinen Backsteinhaus am Kirchplatz, mit Blick auf die Citykirche und das St. Vith. Eine kleine Oase abseits der lauten Hindenburgstraße. "Unter der Woche ist es das auch", sagt Zimmermann.

Am Wochenende wird das Kleinod jedoch regelmäßig zum Treffpunkt von lärmenden, pöbelnden und gewaltbereiten Jugendlichen. "Es sind fast immer die selben: eine Gruppe 13- bis 20-Jähriger. Sie werfen mit Flaschen, brüllen rum, urinieren in Hauseingänge und an Autos. Außerdem werden Drogen verkauft und konsumiert. Selbst Geschlechtsverkehr im Hauseingang um 5 Uhr morgens habe ich schon erlebt,", erzählt Zimmermanns Nachbarin Ute Schultz (Name von der Redaktion geändert).

Die Angst der beiden Anwohnerinnen vor den aggressiven Ruhestörern ist mittlerweile so groß, dass sie ihre Geschichte nur noch anonym erzählen wollen. "Mir wurde gedroht, dass sie mir eine Flasche über den Kopf ziehen, wenn ich noch einmal das Ordnungsamt oder die Polizei rufe", erzählt Schultz. Früher sei sie mutig gewesen, habe sich den Jugendlichen in den Weg gestellt. "Heute traue ich mich abends nicht mehr vor die Tür." Ähnlich geht es ihrer Nachbarin, die nur noch mit Pfefferspray unterwegs ist. "Selbst mein Sohn, der erst 25 und gut trainiert ist, wartet bis die Luft rein ist und geht erst dann raus", berichtet Zimmermann. Sie selbst hofft jede Woche, dass es am Wochenende regnet. "Dann ist es immer ein bisschen ruhiger."

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Im April schrieben Zimmermann, Schultz und einige andere Nachbarn an den Oberbürgermeister, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und ihrem Wunsch nach stündlichen Kontrollen Nachdruck zu verleihen. "Alle sprechen über die Waldhausener Straße. Aber hier bei uns ist es auch schlimm", sagt Zimmermanns. Zurück kam ein Schreiben der Ordnungsamtsleiterin Annegret Ketzer. Der Ordnungsdienst kümmere sich nach Möglichkeit darum, "störendes Verhalten von Altstadtbesuchern einzudämmen". Allerdings sei die Dienstzeit des kommunalen Ordnungs- und Servicedienstes (KOS) auf 10 bis 24 Uhr beschränkt, danach sei die Polizei zuständig. Zudem müsse der Ordnungsdienst auch den Lärmbelästigungsmeldungen aus anderen Stadtteilen nachgehen. Bei einer Ortsbegehung in der Nacht auf den 1. Mai sei der Bereich um die City-Kirche völlig leer vorgefunden worden.

Ähnliches ist von der Polizei zu dem Thema zu hören. "Der Kirchplatz ist uns nicht als Kriminalitätsbrennpunkt bekannt", sagt Polizeisprecher Willy Theveßen. Dass vorwiegend junge Männer auf dem Mäuerchen am St. Vith sitzen und Alkohol konsumieren, gehöre laut Theveßen "zu einem urbanen Leben dazu". Einmal stündlich am Kirchplatz zu patrouillieren sei personell nicht machbar, eine Kameraüberwachung nicht geplant. Die Altstadtwache, die ganz in der Nähe des Kirchplatzes liegt, sei am Wochenende nur mit zwei Polizisten besetzt und die könnten die Dienststelle nicht verlassen. Rufe einer der Anwohner die Polizei, käme der sogenannte Interventionsdienst, der bisher aus vier Beamten besteht, demnächst aber verstärkt werden soll.

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Die Pfarre St. Vitus, zu der die Citykirche gehört, bezahlt seit einigen Monaten einen Wachdienst, der am Wochenende rund um die Kirche patrouilliert. Trotzdem seien erst kürzlich im Westportal zwei Scheiben eingeschlagen worden, berichtet Pastoralreferent Uwe Reindorf. Die kleine Kapelle habe er im Sommer schließen müssen, weil dort "kleinere und größere Geschäfte" erledigt wurden. Er schlägt vor, den Platz besser auszuleuchten. Außerdem müsse man mit pastoralen Angeboten dafür sorgen, dass die Menschen sich gar nicht erst radikalisieren. Marianne Zimmermann und Ute Schulz werden so lange weiterhin jedes Wochenende auf schlechtes Wetter hoffen.

Quelle: RP
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