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Dietrich Denker
Müssen lauter für verfolgte Christen eintreten

Mönchengladbach. Dietrich Denker, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Gladbach-Neuss, über Veränderungen in der Kirche, die große Hilfe für Flüchtlinge und warum er nicht neidisch auf die katholische Kirche ist. Denker lobt die gute Zusammenarbeit mit katholischen Seelsorgern.

Herr Denker, Sie sind seit fast einem Jahr Superintendent des Kirchenkreises und seit mehr als zwanzig Jahren Pfarrer in Rheydt. Wann haben Sie sich entschieden, Pfarrer zu werden?

Denker: Ich bin in einem evangelisch-pietistischen Umfeld im Siegerland aufgewachsen und kirchlich sozialisiert. Noch in der Unterprima wollte ich Pilot werden oder Luft- und Raumfahrttechnik an der Bundeswehrhochschule studieren. Aus der Gemeinde heraus wurde mir vorgeschlagen, Prediger zu werden. Das zusammen mit Erfahrungen auf Jugendfreizeiten hat mich dazu gebracht, Theologie zu studieren und Pfarrer zu werden.

Sehen Sie sich denn immer noch als Prediger?

Denker: Prediger bin ich immer noch, ja. Predigen kann etwas bewegen, die Herzen berühren, trösten, darf auch Mahnung sein. Predigen ist mir nach wie vor wichtig, aber heute kommen natürlich noch viele andere Tätigkeiten hinzu, die Seelsorge in Lebenskrisen etwa. Oder die Begleitung von Ehrenamtlern. Und ich habe auch eine Funktionärsfunktion inne, in der ich mich um Verwaltung und Strukturen kümmere. Das macht den Beruf reizvoll, er verbindet viele verschiedene Bereiche.

Beide christliche Kirchen verlieren Mitglieder. Was hält die Menschen Ihrer Erfahrung nach in der Kirche?

Denker: Es gibt drei Gruppen von Menschen in der Kirche. Die einen haben eine enge Bindung an die Gemeinde. Sie wollen ihren Glauben leben, Gleichgesinnte treffen und gemeinsam Aufgaben übernehmen. Dann gibt es eine Gruppe, die grundsätzlich der Überzeugung ist, dass die Kirche mit dem ihr anvertrauten Geld Gutes tut. Diese Gruppe bleibt so lange dabei, wie es uns gelingt zu zeigen, dass wir verantwortlich handeln und sorgfältig haushalten. Und schließlich gibt es eine Gruppe, die mit der Tendenz groß geworden ist, immer zu fragen: Was brauche ich und was habe ich davon? Und was bringt mir dabei die Kirche? Diese Gruppe braucht manchmal nur einen kleinen Schubs von außen, dann kehrt sie der Kirche den Rücken. Man kann sie, wenn überhaupt, nur halten, wenn es gelingt, die gesellschaftliche Relevanz von Kirche bewusst zu machen: Dies geschieht zum Beispiel in der Bildungsarbeit und dem Bewahren des kulturellen und christlichen Erbes. Es geschieht auch in der Jugendarbeit und in der Kirchenmusik. Nicht zu vergessen sind die Funktionspfarrer und -pfarrerinnen, die mitten drin sind in den Schulen, den Krankenhäusern oder bei der Notfallseelsorge. Die Stärkung des Glaubens und der Glaubwürdigkeit von Kirche trägt also dazu bei, Menschen in der Kirche zu halten.

Wie ist der Stand der Ökumene in Mönchengladbach? Wie gut arbeiten evangelische und katholische Gemeinden zusammen?

Denker: Die Ökumene ist stabil und weit fortgeschritten. Mit der Teilnahme der Protestanten an der Heiligtumsfahrt im vergangenen Jahr wurde ein starkes Signal gesetzt. 2017 wollen wir gemeinsam das Reformationsjubiläum feiern, obwohl das aus katholischer Sicht sicher nicht ganz einfach ist. Aber wir sind gemeinsam auf einem guten Weg. Die Zusammenarbeit und das Verhältnis zwischen evangelischer und katholischer Geistlichkeit in Mönchengladbach ist sehr gut.

Kommen Sie häufiger mit Regionaldekan Ulrich Clancett zusammen?

Denker Ich treffe ihn mindestens einmal im Quartal, im Allgemeinen aber viel öfter. Eddi Erlemanns sozialpolitisches Engagement ist bewundernswert und Albert Damblons Eintreten für die Ökumene sehr mutig und sehr offen. Ganz persönlich erlebe ich auch die regelmäßigen ökumenischen Bibelgespräche mit Pfarrer Klaus Hurtz als Bereicherung.

Welches Ziel der ökumenischen Bewegung sehen Sie? Werden wir noch erleben, dass es nur eine Kirche gibt?

Denker: Es gibt nur eine Kirche und den einen Leib Jesu Christi. Im Himmel wird keiner unterscheiden, ob jemand katholisch oder evangelisch war. Allerdings glaube ich nicht, dass wir noch einen vollständigen Zusammenschluss der Kirchen erleben werden. Es wird noch manchen Sturm geben und noch manche Krise zu bewältigen sein. Unsere jeweils unterschiedlichen konfessionellen Profile sind für unser Miteinander eine große Bereicherung. Je mehr wir zusammenarbeiten, desto besser wird es.

In der evangelischen Kirche gibt es viele Umstrukturierungen und Veränderungsprozesse auch im Hinblick auf die zurückgehenden Mitgliederzahlen. Damit gehen sehr viele Diskussionen einher. Beneiden Sie nicht manchmal die katholische Kirche, wo die Veränderungen einfach angeordnet werden können?

Denker (lacht): Neid ist eine Todsünde. Nein, ich beneide die katholische Kirche nicht, obwohl bei Strukturprozessen eine straffe Organisation auf den ersten Blick einfacher wäre. Aber auch dann muss man die Basis nachholen, und das macht genauso viel Mühe, wie sie zu Anfang einzubinden. Es ist gut, wie es ist: Die Presbyterien haben das Sagen, der Superintendent ist kein "Durchregierer", der einfach anordnet. Gerade Kooperationen und Vernetzungen kann man nicht von oben verordnen. Es muss gelingen, die Gemeinden rechtzeitig zum Wohle miteinander ins Gespräch zu bringen. Das braucht Zeit. Das braucht Führung und Moderation.

Welche Veränderungen wird es geben? Werden Kirchen oder Gemeindehäuser geschlossen?

Denker: Dazu kann ich nichts sagen. Eine Prognose abzugeben wäre der größte Fehler, damit würde ich Lösungspotenzial kaputt machen. Wir brauchen erst einmal transparente Zahlen, um dann über Veränderungen zu diskutieren. Sicher kann ich sagen: Es wird vieles anders werden, aber es muss bestimmt nicht schlechter werden.

Man hört immer nur vom Mitgliederschwund. Gibt es auch Wiedereintritte?

Denker: Ja, durchaus. Aufnahmen und Taufen gleichen die Austritte annähernd wieder aus. Der relativ starke Rückgang ist auch ein demografisches Problem und hängt mit der Altersstruktur unserer evangelischen Gemeindeglieder zusammen.

Warum treten Menschen wieder in die Kirche ein? Befinden sie sich in Lebenskrisen?

Denker: In Lebenskrisen wird oft die Begleitung durch Pfarrer und Pfarrerinnen gewünscht. Aber das heißt nicht zwangsläufig, dass die Menschen in die Kirche eintreten. Pfarrerinnen und Pfarrer werden als kompetente Gesprächspartner wahrgenommen. Ich habe viele Gespräche mit Menschen geführt, die ausgetreten sind Und auch mit Muslimen. Pfarrerinnen und Pfarrer sind als Seelsorgerinnen und Seelsorger für die Menschen da, die Hilfe brauchen. Das Angebot wird angenommen.

Flüchtlingshilfe ist das aktuelle gesellschaftliche Thema. Was tut die evangelische Kirche in diesem Bereich?

Denker: Evangelische Christen sind überall in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagiert. Wir tun, was wir können, um sie zu unterstützen, denn Ehrenamtler sind oft überfordert mit der Vielzahl der Aufgaben. Das bindet bei unseren Mitarbeitern viele Ressourcen. Unsere Philippus-Akademie hilft dabei, Ehrenamtler für die Arbeit kompetent zu machen. Die Kreissynode hat im Vorjahr 100 00 Euro bereitgestellt, um ehrenamtliches Engagement zu unterstützen. Wir brauchen aber dringend eine Koordinierungsstelle bei der Stadt.

Was ist Ihnen besonders wichtig?

Denker Christen sind weltweit die am meisten verfolgte religiöse Gruppe. Wir müssen lauter für die verfolgten Christen eintreten. Dazu gehört auch, dass wir uns nicht für unser christliches Bekenntnis und unsere christliche Kultur entschuldigen. Ich wünsche mir mehr Klarheit beim Eintreten für unsere Überzeugungen. Auch dann, wenn es zum Beispiel um das Begehen christlicher Feste in Schulen geht.

Was macht der Superintendent in seiner Freizeit? Fiebern Sie mit der Borussia? Können Sie mit Karneval und Schützenbrauchtum etwas anfangen?

Denker Ich bin kein Fußballfan. Aber ich freue mich immer, wenn die Borussia gewonnen hat. Dann sind die Leute in meiner Umgebung besser gelaunt. Ich habe kein Problem mit dem Karneval, aber ich komme aus dem protestantischen Siegerland, da wurden wir als Jugendliche noch vor dem Karneval gewarnt. Inzwischen hat sich mein Verhältnis zu Karneval und Schützenwesen entspannt. Ich muss da nicht mitmarschieren, aber es gibt auch kein Problem. Privat gehe ich lieber wandern oder fahre Rad.

ANGELA RIETDORF, RALF JÜNGERMANN UND DIETER WEBER FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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