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Serie Genuss Aus Gladbach (1)
Muscheln ohne Meer

Serie Genuss Aus Gladbach (1): Muscheln ohne Meer
Avdulj Ramaj (v.l.), Nora und Peter Alex Sliepen und Tima Ramaj im Ladenlokal an der Alsstraße. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Gladbach liegt nicht eben an der Nordsee. Dennoch gibt es an der Alsstraße einen Groß- und Einzelhandel für Muscheln, der dieser Tage 100 Jahre alt wird. Von Jan Schnettler

An Eiweißmangel wird Avdulj Ramaj so schnell nicht leiden: Er isst jeden Morgen mehrere Miesmuscheln. Weniger aus Genussgründen, vielmehr als Qualitätskontrolle. Denn auch seine Arbeitstage verbringt Ramaj von früh bis spät mit Muscheln. Seit 2014 ist er Inhaber des Traditionsbetriebs Alex Wüllenweber Muschelhandel an der Alsstraße 97. "Über's Jahr gesehen verkaufen wir 100 Tonnen davon", sagt er, wobei man diese Zahl mitnichten durch Zwölf teilen sollte: Denn noch immer hält sich der Rheinländer an die Tradition, in den Monaten, in denen ein "R" vorkommt, größtenteils auf Muscheln zu verzichten: "Dann haben wir geschlossen."

Einer, der diesen Kreislauf von der Pike auf kennt, ist Peter Alex Sliepen, Enkel des Firmengründers Alex Wüllenweber. "Lebenslänglich Muscheln", laute die Diagnose bei ihm, sagt er scherzend. Bis 2014 verantwortete er das Geschäft noch selbst, als "graue Eminenz" steht er Ramaj und dessen Frau Tima noch immer mit Rat und Tat zur Seite. Er weiß noch davon zu berichten, wie man die Muscheln, die damals noch aus Norddeutschland geliefert wurden, einst mit dem Pferdewagen vom Güterbahnhof abholte, und er selbst verdiente sich als kleiner Junge sein Taschengeld, indem er Eickener Gaststätten per Fahrrad mit Muscheln belieferte.

Heute kommen die Tiere fast ausschließlich aus den Niederlanden - gekauft werden sie telefonisch bei der "Muschelbörse" in Yerseke in der Provinz Seeland, geliefert von einer Spedition. "Sieben Tage die Woche", sagt Ramaj. Denn Muscheln müssen vor allem eines sein: frisch. Man könne sie zwar lagern, bis zu acht Tage, doch dann schrumpfe das Fleisch. "Gastwirte sprechen uns spätabends auf den Anrufbeantworter, was sie für den nächsten Tag benötigen. Den Morgen verbringt man dann am Telefon", sagt Ramaj. Großkampftag sei naturgemäß der Sonntag, wenn viele Leute Essen gehen.

Wüllenweber besteht im Herbst seit genau 100 Jahren. Mitten im Ersten Weltkrieg war es gegründet worden, nicht zuletzt als Maßnahme gegen besagten Eiweißmangel. Heute sind Muscheln aus der rheinischen Küche nicht mehr wegzudenken, auch wenn Sliepen sagt: "Das Gasthaussterben hat uns umsatzmäßig schon zu schaffen gemacht." Auch die Konkurrenz durch Groß- und Supermärkte spüre man deutlich. Doch wer es am Niederrhein mit frischen Mies-, Venus-, Jakobsmuscheln oder Austern halte, komme an dem Vier-Mitarbeiter-Betrieb kaum vorbei. "Wir beliefern Restaurants von Düsseldorf bis Kaldenkirchen und Heinsberg", sagt Ramaj. Mittlerweile seien auch Italiener auf den Muschel-Geschmack gekommen, ebenso China-Restaurants. Das kompensiere den Verlust an traditionellen "Kneipen" etwas. Die Hoffnung, dass sich die Geschmäcker weiter internationalisieren, ist zudem auch nicht ganz abwegig: In Spanien, aber auch in Belgien und den Niederlanden, werden Muscheln längst ganzjährig gegessen. "Wegen der geschlossenen Kühlkette ist das, anders als früher, auch gar kein Problem", sagt Sliepen. Echte Gründe für eine Muschelsaison abseits der R-Monate gibt es also gar nicht. Aber eben gefühlte. "Die Deutschen essen Muscheln nur, wenn es kalt ist", sagt Sliepen, daher warte man bei Wüllenweber auch endlich auf "gutes Muschelwetter": "Morgens Regen, abends kühl, aber trocken - so dass die Leute ins Lokal gehen."

Doch auch viele Vereine und Privatleute kaufen in dem Feinkostgeschäft ein, wo es auch Suppengemüse, Wein, Schwarzbrot und etwas Fisch zu erstehen gibt; die machten sogar zwei Drittel des Umsatzes aus. Und für die soll es, sobald es "endlich" etwas kühler ist, also Ende September, Anfang Oktober, auch eine Aktion zum 100-jährigen Bestehen geben: "Wir wollen hier zusammen Muscheln kochen", sagt Ramaj. Auch Internetseite und Facebook-Auftritt sollen entsprechend aufgehübscht werden.

Dann werden auch die Ramajs und die Sliepens mitessen. Denn obwohl sie jeden Morgen Muscheln probieren, haben sie oft auch abends noch Hunger drauf. "Am liebsten gekocht, dann leicht angebacken mit Speck, mit einem Sößchen aus Cognac und Crème fraîche und mit Baguette", sagt Sliepen. Weitere Rezeptideen - und Zubereitungstipps - gibt es im Laden zum Mitnehmen.

ADRESSE: ALSSTRASSE 97, ÖFFNUNGSZEITEN: MO.-FR. 9 BIS 18.30 UHR, SA. 9-14.30 UHR, TELEFON 02161 21426, INTERNET: WWW.ALEX-WUELLENWEBER.DE.

Quelle: RP
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