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Serie Gladbacher Lesebuch (20)
Nachkriegsjahre im zerstörten Rheydt

Mönchengladbach. Drei Autorinnen erinnern sich an ihre Jugend, die vom Krieg geprägt war, an einen Zwangsarbeiter und die Nahrungsnot in den 1940er Jahren. Von Helga Meyer-Ristau

Rheydt Es gab wenig zu essen! Unsere Mutter, alleine mit zwei Kindern - unser Vater war noch vermisst, später erfuhren wir, dass er gefallen war - musste viel improvisieren, damit wir relativ satt wurden. Es gab Lebensmittelbezugskarten. Für Frauen gab es auch Zigarettenrationen. Da meine Mutter nicht rauchte, tauschte sie die Marken gegen Lebensmittel ein, zum Beispiel Brot. Es gab dafür Maisbrot, ganz frisch, welches sofort gegessen werden musste. Am nächsten Tag hätte man damit jemandem den Kopf einschlagen können. Das war dann ein Freudentag! Für jeden mindestens vier Scheiben Brot mit Margarine und Zuckerrübenkraut. Zusätzlich wurde alles, was Wert hatte, getauscht.

Einmal war ich mit meiner Mutter auf einem Bauernhof, irgendwo im Bereich Rheindahlen. Wir hatten ein Federbett zum Tauschen und die Bäuerin war interessiert. Wir bekamen für das Federbett zehn Kilogramm Mehl und ein paar Eier. So gab es dann etwas Selbstgebratenes. Gemüse und Kartoffeln gab es selbst angebaut auf einer angemieteten Gartenparzelle. Brennmaterial zum Kochen und Heizen war sehr knapp. Da ging es dann eben zum Kohlenklau. Lokal und am nächsten war das Kohlendepot an der Eisenbahnstraße. Hier wurden die Lokomotiven mit Kohlen versorgt. Es war der Winter 1947 oder 1948, so genau weiß ich das nicht mehr. Es war eisig kalt, es lag Schnee und war sehr glatt. Da war der Berg entlang der Bahn auf der Eisenbahnstraße für Kinder von nah und fern die ideale Schlittenabfahrt. Damals war ich etwa zehn Jahre alt. Alleine von der heutigen Dahlener Straße, Nähe Stadtwald bis zur Eisenbahnstraße durfte ich nicht. Schade. Aber mein Vetter, drei Jahre älter als ich, durfte mich mitnehmen. Er hatte einen großen Schlitten und so durfte ich mit ihm öfter den Berg hinunterrodeln bis zur Hubertusstraße.

Gegen die Kälte hatte mir meine Mutter aus einem weißen Nesselrucksack einen Muff genäht, gefaltet und geheftet. Wir hielten lange beim Rodeln aus. Es wurde schon dunkel. Da kam unsere Vermieterin mit zwei Töchtern zum Kohlenklau. Sie überredeten mich, doch mitzugehen. Mein Muff wurde mit ein paar Handgriffen wieder zum Rucksack und ich musste mit, ob ich nun wollte oder nicht. Es ging bergab zu den Gleisen und dem höher gelegenen Kohlendepot. Die Nachbarn nahmen meinen Rucksack, und wir stiegen hoch, um alle Behältnisse zu füllen. Nach nicht allzu langer Zeit brachten sie mir meinen prall gefüllten Rucksack wieder zurück. Sie riefen: "Komm, wir müssen weg, da kommt einer!" Fort waren sie und ich wusste nichts mit dem schweren Rucksack anzufangen. Es kam ein Aufsichtsbeamter. Er fragte, was ich denn hier machte. Ich erzählte, wie alles gewesen sei. Auch, dass meine Mutter krank sei - sie hatte sich am Fuß verletzt - und dass wir nichts zum Heizen hätten. Er war sehr nett. Ich versprach ihm, nie wieder auf Kohlenklau zu gehen. Der nette Herr half mir noch, meinen Rucksack anzuziehen. Dann ging ich über gefrorene Erde und Steine vom Bahngelände runter. Auf der Eisenbahnstraße bergab habe ich den Rucksack hinter mir her gezogen bis zur Hubertusstraße.

An der Ecke Eisenbahnstraße/ Hubertusstraße habe ich an diesem dunklen und eisigen Abend auf ein Wunder gewartet. Und das Wunder geschah! Jugendliche aus der Nachbarschaft hatten aus einem Versteck beim Kohlenklau alles mit angehört, und hatten, nachdem der Aufsichtsbeamte weitergegangen war, die Flucht ergriffen. Ohne Kohle. Sie luden meinen Rucksack auf ihren Schlitten und gemeinsam ging es nach Hause. Auf halber Strecke hörte ich meine Mutter meinen Namen rufen. Wieder andere Nachbarn, die zum Kohlenklau wollten, hatten sie auf ihrem Schlitten mitgenommen. Sie stieg dann um auf einen Schlitten der Jugendlichen. Dann ging es nach Hause. Im Rucksack war ein ganzer Eimer Kohle.

Wenn ich heute überlege, waren an diesem Abend mindestens zwölf Nachbarn unterwegs zum Kohlenklau! Ob das damals jeden Abend der Fall war?

Quelle: RP
 
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