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Mönchengladbach
Nächster Halt - woanders

Mönchengladbach: Nächster Halt - woanders
Wo sonst an den Haltestellen der Hindenburgstraße die einfahrenden Busse angezeigt werden, läuft fortan ein Text in Endlosschleife. Der Tenor ist überall fast gleich: Die Haltestelle wird nicht mehr angefahren, die nächste ist aber nicht weit weg. Manche Fahrgäste brauchen etwas, bis ihnen das auffällt. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Der neue Bus-Fahrplan für die Hindenburgstraße sorgt für Verwirrung und geteilte Meinungen bei den Fahrgästen. Die einen freuen sich über die Verkehrsberuhigung, die anderen klagen über zu lange Wege. Aber: Man hilft sich. Von A. Artz, E. Da Silva, C. Jeschka, M. Keller, und L. Krause

Die Ratlosigkeit dauert im Schnitt 20 Sekunden. Wer auf sein Handy starrt, braucht vielleicht ein paar Augenblicke länger. An die Bushaltestelle gesetzt, Einkäufe abgeladen, umgeschaut - und schon fällt der Groschen. Es ist Montag in Mönchengladbach, Mittagszeit, ein ganz normaler Start in die Woche, sollte man meinen. Und doch ist irgendwie alles ein bisschen anders, zumindest für jene, die mit dem Bus unterwegs sind: Seit gestern fahren die Linien in der Innenstadt von Mönchengladbach neue Wege, die Hindenburgstraße nur noch rauf, wer runter und in Richtung Hauptbahnhof möchte, muss zu neuen Haltestellen laufen. Die liegen zwar oft nur ein paar Schritte entfernt, so einfach ist es dann manchmal aber eben doch nicht.

Rentnerin Ida Winzen aus Waldniel wusste zwar über die Fahrplanänderung Bescheid, trotzdem steht sie vor dem Minto und schimpft. "Die Wege von den neuen Haltestellen zu den Läden sind zu weit. Vor allem für ältere Menschen", sagt sie. Das Einkaufszentrum sei noch im Vorteil, weil man es von beiden Seiten - und somit auch von den neuen Haltestellen - erreiche, vor allem aber die kleinen Läden an der Hindenburgstraße hätten nun das Nachsehen, meint die Rentnerin.

Das sieht Achim Schmitz anders. "Ich glaube nicht, dass das große Auswirkungen auf die Geschäfte haben wird", sagt er. Mit dem Verkehrsaufkommen auf der Hindenburgstraße argumentieren jene, die einen Teil der Busse verbannen wollen. Richtig so, wie Tomasz Spalik meint: "Ich wohne hier. Dass die Straße jetzt entlastet wird, finden viele der Anwohner gut, mit denen ich gesprochen habe."

In den vergangenen Wochen hat die NEW informiert, über Aushänge, in den Medien, in den Kundencentern. "Wir haben versucht, so viel Aufklärungsarbeit wie möglich zu betreiben", sagt eine NEW-Sprecherin. Befürchtungen, dass es an den ersten Tagen zu einem Verkehrschaos kommt, hätten sich nicht bestätigt. "Da spielt natürlich auch der Ferienbeginn eine Rolle", sagt die Sprecherin.

Allen Informationen zum Trotz: Dennis Kaumanns wurde von der Umstellung trotzdem kalt erwischt. Zweimal in der Woche arbeitet er in Mönchengladbach, nutzt dafür eigentlich den öffentlichen Nahverkehr. Jetzt steht er an der Haltestelle "Alter Markt", möchte zurück zum Hauptbahnhof und weiß nicht so recht, wo er lang muss. Zur Aachener Straße schickt ihn die elektronische Hinweistafel, auf der normalerweise eingeblendet wird, wann die nächsten Busse einfahren. Die neue Haltestelle ist auch eigentlich direkt um die Ecke - wenn man denn weiß, wo es lang geht. Ein Ausdruck weist zwar den Weg, der ist aber ungefähr so groß wie ein DIN-A4-Blatt Papier und fügt sich - ganz in den Farben der NEW gehalten - unauffällig in die anderen Aushänge ein. Nach kurzem Fußmarsch geht es auch für Kaumanns in den Bus und Richtung Hauptbahnhof. Lange warten muss er nicht, alle paar Minuten fährt eine Linie in die Richtung. "Alles halb so wild", meint er noch und lässt sich auf seinen Platz sinken. Im Bus sind die Meinungen dann aber geteilt: Wildfremde Menschen kommen ins Gespräch, diskutieren das Für und Wider des neuen Fahrplans. Einigkeit besteht am ersten Tag des Experiments vor allem darin, dass man sich irgendwie noch uneinig darüber ist, ob man den neuen Fahrplan denn nun gut findet - oder eben nicht.

Die neue Bushaltestelle hat Alfred Probst zwar auch gefunden, gelöst ist sein Problem damit aber noch nicht. Denn eigentlich hätte sich für die Fahrtrichtung des Rentners gar nichts geändert. Die Umstellung hatte ihn dann aber derart verunsichert, dass er zur neuen Haltestelle gelaufen ist. "Da muss man sich erstmal dran gewöhnen", sagt er noch und läuft zurück zur altbekannten Stelle.

Probleme haben gestern aber vor allem jene, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind. Keiner der Hinweise findet sich auf Englisch, im Deutschen klingt die Warnung dann so: "Sehr geehrter Fahrgast, aufgrund einer einjährigen Testphase ist diese Haltestelle aufgehoben! Bitte nutzen Sie die Haltestelle ,Kapuzinerplatz' in Richtung MG Hbf/Europaplatz. Danke für Ihr Verständnis."

Am Ende sind es dann vor allem aber Szenen wie diese, die gestern den Tag bestimmen: Eine ältere Frau beobachtet minutenlang, wie Menschen an der verwaisten Haltestelle vor dem Kaufhof sitzen. Dann nimmt sie sich ein Herz, läuft hinüber und fragt: "Warten Sie auf den Bus? Da müssen Sie ab heute nämlich eine andere Haltestelle nehmen." Ihr Gegenüber lächelt sie freundlich an, schüttelt den Kopf und sagt: "Ich ruhe mich nur vom ganzen Einkaufen aus." Die Haltestellen kurzerhand zu kleinen Ruhe-Oasen umfunktioniert: Man weiß sich eben zu helfen in Mönchengladbach.

Quelle: RP
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