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Mönchengladbach
Neue Debatte über NS-Straßennamen

Mönchengladbach: Neue Debatte über NS-Straßennamen
FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Lettow-Vorbeck, Diem, Lersch: Viele Straßen ehren Persönlichkeiten, die mit der Nazi- oder Kolonialzeit in Verbindung gebracht werden. Die SPD will die Geschichtswerkstatt einschalten, um eine Strategie für den Umgang damit zu erarbeiten. Münster verbannte jüngst Hindenburg vom Stadtplan. Von Anne Peters und Jan Schnettler

Der Name Paul von Hindenburg ist in Münster nicht länger willkommen. Der dortige Stadtrat hat am 21. März – im sechsten Anlauf seit dem Jahr 1947 – beschlossen, dass der nach dem letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik benannte Platz in der Studentenstadt künftig Schlossplatz heißt. In der Mönchengladbacher City ist die zentrale und markante Einkaufsstraße nach dem Mann benannt, der am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Regierungschef ernannte und somit vielen Historikern heute als Steigbügelhalter des späteren "Führers" gilt.

Konkrete Bestrebungen, die Straße umzubenennen, gibt es nicht – wohl aber ist in der Stadt, nachdem Jusos und Grüne bereits vor Jahren eine Neubenennung der Lettow-Vorbeck-Straße anregten, durch die Münsteraner Entscheidung eine neue Debatte entbrannt, wie mit Straßen umzugehen ist, deren Namenspaten mit dem NS-Regime in Verbindung gebracht werden.

Die SPD will deswegen nun die Geschichtswerkstatt einschalten. Mit ihr und der Stadt wolle man eine Strategie zum Umgang mit "belasteten" Straßennamen erarbeiten. "Die Zusage des Oberbürgermeisters, einen Experten vom Fachbereich Geoinformationen in dieser Sache freizustellen, haben wir bereits", sagt Reinhold Schiffers, Bezirksvorsteher Nord. "Bevor man Straßen umbenennt, sollte man eher den historischen Hintergrund erarbeiten und öffentlich wahrnehmbar machen." So könne er sich etwa vorstellen, Informationsblätter zu den Straßennamen zu veröffentlichen oder vermehrt Hinweise unter den Straßenschildern selbst anzubringen. Für ihn sind außerdem die Anwohner betroffener Straßen aufgefordert, eine Umbenennung zu initiieren. "Sie sind von dem Namen betroffen und sollten entscheiden, ob sie weiter damit leben möchten oder nicht."

In zahlreichen Städten wurden in jüngerer Zeit "belastete" Straßen und Plätze umbenannt. Personen, die in Münster von einer eigens eingerichteten Kommission Straßennamen diskutiert wurden, sind neben Paul von Hindenburg beispielsweise die Schriftstellerin Agnes Miegel, eine bekennende Bewunderin Hitlers, und der Kesselschmied und Arbeiterdichter Heinrich Lersch – Letzterer gebürtig in Mönchengladbach und hier mit einer Straße und einer Gemeinschaftshauptschule geehrt. Auch der Sportfunktionär Carl Diem, Vertreter der NS-Sportpropaganda, und der bereits erwähnte Kolonialoffizier und Schriftsteller Paul Emil von Lettow-Vorbeck sind in Gladbach auf Straßenschildern verewigt. Speziell letztgenannter ist den Grünen ein Dorn im Auge. "Er war ein Völkermörder, der Name ist längst nicht mehr tragbar", sagt Ratsherr Thomas Diehl. Deshalb habe Lettow-Vorbecks Geburtsstadt Saarlouis den Namen im Mai 2010 vom Straßenschild gestrichen – ebenfalls auf Betreiben der dortigen Grünen. Ginge es nach deren Gladbacher Parteifreunden, wäre auch am Bunten Garten längst ein neues Schild montiert: "Das Thema ist bei uns auf der Tagesordnung und wird weiter verhandelt." Es gelte jedoch grundsätzlich zu klären, "wie man zu diesen Persönlichkeiten steht", sagt Diehl – da eine Umbenennung auch stets einen enormen Verwaltungsaufwand und hohe Kosten nach sich zieht.

"Umbenennungen von Straßennamen dürfen nur dann erfolgen, wenn sie aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung erforderlich sind", sagt auch Walter Schröders aus der städtischen Pressestelle. Man handle dabei nach einem Ratsbeschluss von 2000 und wolle so eine wahllose Umbenennung von Straßen vermeiden. Schließlich habe eine solche Änderung Folgen für die Anwohner und den Einzelhandel und sei deshalb genauestens zu prüfen, ergänzt Wilhelm Palmen vom Fachbereich Geoinformationen der Stadt.

Und was urteilte die Kommission Straßennamen in Münster über Heinrich Lersch? Sie empfahl "keine Umbenennung des Heinrich-Lersch-Weges, sondern die Anbringung einer Erläuterungstafel". Und das, obwohl Lersch sich öffentlich zum Nationalsozialismus bekannt, eine "Rede zu Ehren des Führers" gehalten und einige seiner Gedichte ideologiegemäß umgeschrieben habe. Die Begründung der Kommission für die Beibehaltung? "Ausschlaggebend für dieses Votum ist, dass Lersch nicht Parteimitglied war und sein Werk nicht zu hoch zu bewerten ist."

(RP/jco)
 
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