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Arno Theilmeier
Nicht direkt die Krankenhaus-Ambulanzen aufsuchen

Mönchengladbach. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung MG über den Run auf die Ambulanzen, Wartezeiten und die Vorteile der Notfallpraxis.

Herr Dr. Theilmeier, in letzter Zeit häufen sich die Meldungen über überlaufene Krankenhausambulanzen. Patienten ziehen die Ambulanzen anscheinend den Praxen der niedergelassenen Ärzte vor. Gibt es dieses Phänomen auch in Mönchengladbach?

Arno Theilmeier Ja, es ist sogar noch ausgeprägter. Während landesweit ungefähr die Hälfte der Notfallpatienten direkt in Klinikambulanzen gehen, ist dieses in Mönchengladbach in 75 Prozent der Fälle so. Das heißt, obwohl wir eine super ausgestattete Notfallpraxis hier in Mönchengladbach vorhalten, gehen die Patienten direkt, ohne vorherige ärztliche Untersuchung und sehr oft ohne Notfallindikation in eine der vier Klinikambulanzen.

Was, glauben Sie, bewirkt denn diesen Run auf die Krankenhausambulanzen. Sind es die Sprechzeiten der Ärzte? Oder ist es die im Krankenhaus vorgehaltene technische Ausstattung?

Theilmeier Es gibt unterschiedliche Gründe. Sicher haben viele Patienten tatsächlich einfach Angst, dass etwas Ernsthaftes, also ein Notfall, vorliegen könnte. Das ist natürlich verständlich. Dann glauben viele, dass im Krankenhaus alles schneller gehe. Aber das ist schlicht falsch. Die Wartezeiten dort sind für Patienten teilweise unerträglich lang. Es gibt aber auch eindeutige Hinweise darauf, dass Bequemlichkeit oder der Irrglaube an eine vermeintlich qualitativ bessere Behandlung in einer Klinikambulanz dazu führt, dass Patienten teils stundenlang dort warten. Befragungen und Studien belegen diese Einschätzung.

Liegen Daten aus den Krankenhausambulanzen vor?

Theilmeier Wir konnten in Mönchengladbach die Ambulanzdaten des Krankenhauses mit der größten Inanspruchnahme der Klinikambulanz auswerten. Die Ergebnisse sind interessant. Es zeigt sich zum Beispiel, dass die Zeit der maximalen Inanspruchnahme der Klinikambulanz zwischen 10 und 20 Uhr liegt, also überwiegend in einer Zeit, in der die Praxen geöffnet sind und die Patienten dort behandelt werden könnten, und zwar angemessen und gut. Außerdem sind natürlich die verschlüsselt dokumentierten medizinischen Diagnosen sehr aufschlussreich. In bis zu achtzig Prozent der Fälle sind es Bagatellen, die die Patienten veranlassen, sich dort in die überfüllte Wartezone der Krankenhausambulanzen zu setzen. Es ist nicht nur der berühmte eingewachsene Zeh-Nagel, sondern vor allem auch banale, nicht-fieberhafte Magen-Darminfekte, Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Sodbrennen und leichte depressive Episoden. Sogar die unfallbedingten Verletzungen würden sich in mindesten fünfzehn Prozent der Fälle ambulant durch die jeweiligen Fachpraxen ambulant schnell und kompetent behandeln lassen.

Wie reagieren die Mönchengladbacher Krankenhäuser auf diesen Ansturm?

Theilmeier Unterschiedlich. Es gibt tatsächlich auch in Mönchengladbach Krankenhäuser, die mit ihren (überfüllten) Ambulanzen werben. Man muss wissen, dass wir in der Stadt laut Landesbettenplan 420 Betten mehr als geplant vorhalten. Das heißt im Klartext, dass hier ein ganzes Krankenhaus zu viel am Markt und die Konkurrenz entsprechend groß ist. Wir merken das täglich in den Praxen, vor allem, wo die Anzahl der über die Ambulanz rekrutierten stationären Fälle steigt.

Was meinen Sie damit? Nutzen die Krankenhäuser Ihrer Meinung nach die Ambulanzen, um ihre Auslastung zu erhöhen?

Theilmeier Ja selbstverständlich. Die den gesetzlichen Krankenkassen vorliegenden Daten belegen eindeutig, dass die Zahl der stationären Aufnahmen mit der Ambulanztätigkeit des Krankenhauses korreliert, so genannte ,Selbsteinweisungen'. Es werden so leider Betten gefüllt, die wir planmäßig in Mönchengladbach nicht brauchen.

Viele Patienten ziehen die Krankenhausambulanzen vor, weil in den Krankenhäusern eine entsprechende technische Ausstattung vorgehalten wird.

Theilmeier Auch die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung, die im Krankenhaus Bethesda untergebracht ist, ist sehr gut ausgestattet. Und dort machen keine Assistenzärzte, sondern Fachärzte Dienst, die sogar die Bezeichnung Arzt im Rettungsdienst führen. Dorthin können die Patienten direkt kommen, wenn die Praxen geschlossen haben. Die Wartezeiten sind im allgemeinen sehr kurz. Unter der Telefonnummer 116117 kann man sich auch von kompetenten Mitarbeitern der Arztnotrufzentrale beraten lassen. Bei orthopädisch-chirurgischen, kinderärztlichen und augenärztlichen Notfällen haben wir in Mönchengladbach sogar einen eigenen fachärztlichen Notdienst. Bei echten Notfällen wie Schlaganfällen oder Herzinfarkten muss man natürlich die 112 wählen.

Quelle: RP
 
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