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Mensch Gladbach
Nörgel-Monopoly, bis die Ärzte kommen

Mönchengladbach. Wenn man keine echten Probleme mehr hat, macht man sich halt selber welche. Und schraubt zum Beispiel die eigenen Ansprüche so weit hoch, dass man das vertraute Gefühl des Scheiterns weiter ab und an erleben darf. Reden wir also über Nobelpreise, Weltcups, Ebay und Borussia. Selbst, wenn es gefährlich ist.

Einen Langzeit-Platz in der geschlossenen Abteilung hätte ich mir gesichert, wenn ich vor zehn Jahren an dieser Stelle folgendes geschrieben hätte: Gladbach wird die Stadt sein, in die ein Nobelpreisträger nach dem anderen kommt. Es wird die Stadt der Winter-Weltcups sein. Die Stadt, in der Ebay seine innovativen Projekte ausprobiert, um sie von hier aus in die Welt zu tragen. Die Stadt, in der Champions-League-Partien gespielt werden. Ich hab's nicht geschrieben, weswegen ich immer noch an meinem Schreibtisch sitze und, statt mir die Zukunft auszudenken, die Gegenwart betrachte.

Und in der stelle ich folgendes fest: Wenn denn ein Nobelpreisträger, der kommt, mal nicht zu den 100 bekanntesten Menschen des Planeten gehört, wie der Dalai Lama, Gorbatschow oder Kofi Annan, sondern einen schwer aussprechbaren Namen hat - dann bleibt man vielleicht lieber zu Hause und wartet, bis endlich Bill Clinton kommt. Oder der Papst. Oder beide zusammen. Singend. Und dabei jonglierend. Auf einem Einhorn. Und verpasst leider einen inspirierenden Menschen, der Tausenden ihre Kindheit gerettet hat.

Haben Sie Lust auf eine Runde Nörgel-Monopoly? In einer prosperierenden Stadt, wie es Gladbach längst eine ist, kann man das über viele Runden spielen. Borussia? Könnte, wenn es in den letzten Spielen richtig schlecht läuft, mal ein Jahr Europa verpassen. Was sich in dieser überhitzten Branche mindestens so schmählich anfühlt wie ein Jahr am Rande des Abstiegs. Ebay? Bei nur zwei Millionen Umsatz für die Gladbacher Händler kann sich der ganze Aufwand ja kaum lohnen. Weltcup von der Riesenrampe? Da wird der Nordpark wegen der Aufbauarbeiten glatt für ein paar Tage Baustelle sein. Und laut wird es bei dem Event bestimmt auch.

Minto? Also ich war mal an einem Dienstagabend um 19.33 Uhr da -und da war es gar nicht so voll. Bau der Roermonder Höfe? Da liegt bestimmt der Stein der Weisen mitten im Bersteinzimmer drunter. Neubau an der Beethovenstraße? Sind nicht die alten Häuser viel schöner, wertiger, charmanter? Hugo-Junkers-Hangar? Ganz schön weit draußen. Karstadt-Gebäude in Rheydt? Wie - nur Aldi, nicht Käfer? Esprit und Zalando im Regiopark? So viel Fläche für so wenig Arbeitsplätze. Und nicht mal eine Busverbindung rund um die Uhr. Rheydter Marktplatz? Da liegen ein paar Zigarettenkippen im Pflaster. Masterplan? Da will sich doch nur wieder wer die Tasche voll machen.

Jetzt sind Sie langsam fit für den Profi-Level. Ich male uns mal schnell aus, was in zehn Jahren in der Stadt los ist, und Sie finden ganz allein die Perücken in der Suppe. Also 2026. Der Riesen-Freizeitpark zieht Millionen von Besuchern an, von denen viele am frisch ausgebauten Flughafen ein- und auschecken. Außer den holländischen Gästen. Die kommen direkt über die Fahrrad-Autobahnen. Borussia spielt um Titel. Die Innenstädte sind state of art und voll. Immer mehr Menschen, die in Düsseldorf ihr Geld verdienen, ziehen nach Gladbach, weil es sexy ist. Und Haus Westland ist ... Moment, da kommen Menschen in weißen Kitteln. Auf meinen Schreibtisch zu. Finger weg! Das ist Pressefreiheit!!! Ich kenne den Oberbürgermeister. Den Polizeipräsidenten. Rolf Königs. Hiiillfffeeee!!!

Quelle: RP
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