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Mönchengladbach
Nur Hund Moses überlebt im Körbchen

Mönchengladbach. "Dogville", Lars von Triers Dogma-Film, bringt fast das gesamte Ensemble unter der Regie von Matthias Gehrt auf die Bühne von Gabriele Trinczek. Eine stoische Versuchsanordnung. Von Armin Kaumanns

Am liebsten wären alle gut. Besonders Tom, der Schreiber, der intellektuelle Kopf der Wohngemeinschaft namens Dogville, irgendwo am Ende der Welt am Fuße der Rocky Mountains. Regelmäßig läuten die Kirchturmglocken, regelmäßig schleifen die Glasbläser ihre Gläser, bewegt der Fuhrunternehmer sein Fuhrwerk, pflegt und erntet der Apfelbauer seine Äpfel, töpfert die Töpferin Figürchen, kuschelt sich der alte Thomas Edison in seinen Polstersessel.

Doch Etliches stört die Harmonie in diesem Nest, aus dem keine Straße herausführt. Genau genommen alles. Im Missionshaus fehlt der Pfarrer, die Kantorin hat ein Alkoholproblem, der Kutscher ist ein Puffgänger, der Bauer ein Sadist, seine Frau ein Moralapostel und Edison, der Erfinder der Glühbirne, blind. Selbst Moses, der Hund, knurrt nur.

Lars von Trier, der große Dogma-Filmer, hat in "Dogville" die Sehnsucht des Menschen nach Harmonie - mit sich, der Natur und der Gemeinschaft - in einer bemerkenswerten Versuchsanordnung erzählt. Er schickt die schöne Grace (= Anmut, Gnade) in dieses Dorf, ein Mensch auf der Flucht. Tom verbirgt sie vor den Häschern, verleibt sie der Gemeinschaft ein. Und alles könnte gut sein . . .

Schauspieldirektor Michael Gehrt verkleinert von Triers Personal ein wenig, übernimmt aber die an Brecht'sches Theater erinnernde Reduktion auf eine nur markierte Bühne und angedeutete Requisiten, sowie die Figur des Erzählers. Die Bühne von Gabriele Trinczek ist eine Schräge, auf der das ganze Ensemble immer präsent ist. Für die filmischen Perspektivwechsel findet sie ein raffiniert schlichtes Äquivalent. Gehrt selbst findet Gefallen an theatralen V-Effekten, wenn er etwa das von den Schauspielern markierte Tür-auf-Tür-zu mit entsprechenden Geräuschen illustriert; Umbauten finden offen statt, zum Showdown spazieren Techniker mit Nebelmaschinen über die Rampe. Alles könnte gut sein . . .

Dass Gehrts "Dogville" nur halbwegs überzeugt, hat mehrere Gründe. Da ist etwa die Figur des Erzählers. Intendant Michael Grosse schreitet dazu in Rock, Seidenschal und Gehstock durch die Szene. Statt die Chronologie des Grauens kühl zu berichten, gerät er zunehmend in Rage und vereinnahmt die Emotionen, die besser ins Publikum gehören. Da beißt sich die Katze (oder der Hund) in den Schwanz, was ähnlich auch auf den barocken Soundtrack zutrifft. Auf Seite der Schauspieler ist Licht und Schatten. Esther Keil hat sich die Figur der Grace für die Übernahme aus Krefeld angeeignet. Die stoische Ruhe und moralische Überlegenheit, mit der sie ihr zunehmend entwürdigtes Schicksal erträgt, an einen Gullideckel gekettet und von der gesamten Dorfgemeinschaft missbraucht, hat große Kraft.

Jonathan Hutter legt den Wahrheitssucher Tom (bezeichnenderweise der Sohn des blinden Edison) unentschieden naiv, sympathisch an. Seine Täter-Dimension bleibt bis zum Schluss unklar. Das mag aber auch eine Stärke in diesem philosophisch-moralisch vertrackten Stück sein. Was das Profil der übrigen Figuren angeht - und in Dogville steht fast das gesamte Ensemble auf der Bühne - so mag man durch die Bank Mehrschichtigkeit vermissen. Gleichwohl erzählt Gehrt die starke Geschichte stringent, spannend, bisweilen fesselnd.

Und wenn am Ende - deus ex machina - Grace's Vater (Joachim Henschke), der große Verbrecher, nach Dogville kommt, um alle Bewohner zu töten in dem Bewusstsein, dadurch die Welt ein Stück besser zu machen, dann bleiben, Dog sei Dank, viele Fragen offen. Nur Hund Moses überlebt im Körbchen.

Das war, im sehr mäßig besetzten Großen Haus, dem Premieren-Publikum herzlichen Beifall wert.

Quelle: RP
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