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Mönchengladbach
Nur noch "Rosinen" fürs Monforts-Quartier

Mönchengladbach: Nur noch "Rosinen" fürs Monforts-Quartier
Übersichtsplan des Quartiers mit Hausnummern. Der eigene Straßenname trägt zur Adressbildung bei, ebenso wie der markante, mit neuer LED-Technik für nächtliche Beleuchtung versehene alte Schornstein, das Direktorenhaus, der repräsentative Eingangsbereich und das Textiltechnikum. FOTO: Zeichensaele (5), Stadt
Mönchengladbach. Zwei Drittel des Areals sind vermietet, 2016 wird der Branchenmix noch bunter. Und dank Masterplan wird's dann erst richtig interessant. Von Jan Schnettler

Hätte schlechter laufen können: Mit Aufträgen im Wert von 4,5 Millionen Euro und mehr als 80 Angeboten ist Jagenberg Textile von der Textilmaschinenmesse ITMA in Mailand zurückgekehrt. Es war der Premierenbesuch für das Mönchengladbacher Unternehmen. Das verwundert kaum - die ITMA findet nur alle vier Jahre statt, und Jagenberg Textile gibt es erst seit Mai 2014. Es handelt sich bei dem Hersteller von Anlagen für den Nassveredlungsprozess von Web- und Maschenwaren nämlich um eine echte Rarität in diesen Tagen - um die Neugründung eines produzierenden Unternehmens. Eine Neugründung aus der Krefelder Jagenberg AG heraus, um genau zu sein, mit der der Bau der renommierten Küsters-Textilmaschinen neu aufgenommen wurde. Produziert wird im Monforts-Quartier an der Schwalmstraße. Mit - siehe oben - beachtlichem Erfolg. "Sie sind gut unterwegs", sagt Reinhard Körsmeier. Und er spricht von einem "kleinen Pflänzchen, das man hegen und pflegen muss."

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Körsmeier muss es wissen. Er ist Geschäftsführer des Quartierbetreibers MQ Management GmbH, deren Alleingesellschafterin die Jagenberg AG ist. Er war einst lange Geschäftsführer von Monforts Werkzeugmaschinen, die ebenfalls noch im Quartier produzieren. Und er leitet gleichzeitig die Immobiliensparte der Kleinewefers Beteiligungs GmbH, die wiederum 100 Prozent der Aktien der Jagenberg AG hält. Jagenberg wiederum hielt vor der ersten von mittlerweile zwei (überwundenen) Monforts-Werkzeugmaschinen-Insolvenzen, einst bereits 51 Prozent an Monforts. Angesichts all dieser nicht zuletzt auch persönlichen Verbundenheiten kann Körsmeier glaubhaft begründen, dass das Engagement der Krefelder im Monforts-Quartier langfristig angelegt ist - und nicht nur strategischer, sondern auch emotionaler Natur. "Das ist hier kein Gewerbepark, sondern ein Quartier", sagt er. Und: Man sei niemand, der nur kauft, entwickelt und mit Gewinn weiterverkauft. "Unsere Stärke ist es, im Bestand zu entwickeln. Zu halten, zu pflegen und mit der Immobilie Geld zu verdienen."

Und das scheint im Falle des Monforts-Quartiers bestens zu funktionieren. "Wir schreiben schwarze Zahlen", sagt Körsmeier. Zwei Drittel der Flächen seien vermietet (das Gelände der ehemaligen Eisengießerei, dessen Verwendung erst noch in Planung ist, ist dabei nicht einberechnet). Und für den Rest hat der Quartiersmanager, nach dem "zarten Pflänzchen", noch ein weiteres Sprachbild aus der Botanik auf Lager. "Wir können uns erlauben, ab jetzt nur noch ,Cherry-Picking' zu machen", sagt Körsmeier. Frei übersetzt: Für 100 oder 500 Quadratmeter "nehmen wir nicht jeden"; man sucht sich nur noch die Rosinen raus. Darunter könnte beispielsweise eine private Musikschule sein, mit der Gespräche laufen. Oder ein großes internationales Unternehmen aus der Sportartikelbranche, das Interesse an Flächen zeigt. Und darunter wird der IT-Dienstleister BSI Systeme sein, der ab Jahresmitte Flächen bezieht - bereits das dritte Unternehmen übrigens, das von der Eickesmühle ins "MQ" wechselt.

Schon jetzt ist der Branchenmix, der sich dort angesiedelt hat, wohl einzigartig. 1897 wurde die Eisengießerei gebaut, 1916 die Maschinenfabrik, Erweiterungsbauten entstanden in der Nachkriegszeit. Doch auf dem in weiten Teilen denkmalgeschützten Areal werkeln heute nahezu ausschließlich Zukunftsbranchen vor sich hin. Werbung, Dekor und Design, Finanzdienstleister, Event-Gastronomie, studentische Start-ups - und das alles garniert mit Industrie, Handwerk und dem quasi-musealen Angebot des Textilmaschinendepots und der Farbsammlung der Hochschule Niederrhein. Die Räume des Medizingeräteherstellers Rein Medical zeigen zudem, was aus unansehnlichen, nackten Hallen so alles hergerichtet werden kann: lichtdurchflutete Räume mit hellen Materialien, hohen Decken und schönem Blick auf die üppigen Grünanlagen, die ein Viertel des 100.000 Quadratmeter großen Geländes ausmachen. "Wir sanieren immer erst bedarfsgerecht, wenn ein Mieter gefunden ist", sagt Körsmeier. "So erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass der Topf zum Deckel passt." Vermarktet werden die Flächen exklusiv durch die Gladbacher Bienen & Partner.

Fünf Millionen Euro seien so bereits investiert worden, zuvorderst in energetische Sanierung, Heizung und neue Dächer. Von "historischen Gebäuden, die technisch auf dem neuesten Stand sind" spricht Körsmeier. Dadurch, durch das eigene Gebäudemanagement und etwa die Tatsache, dass man innerhalb der Jagenberg-Gruppe über gute Stromkonditionen verfüge, gelinge es, die Mietnebenkosten bei 75 Cent pro Quadratmeter zu halten. "Wir sind damit ziemlich wettbewerbsfähig. Wir legen Wert auf Transparenz in der Abrechnung und halten insbesondere die Zweitmiete gering, während die Nettomiete vielleicht ein, zwei Euro höher ist als anderswo." Eine weitere Besonderheit: Seitdem seinerzeit mit Rolf Tellmann Industrietechnik der allererste Mieter einzog, siedeln sich immer mehr Unternehmen an, die irgendwie miteinander verbunden sind. Die Spedition Wessig etwa ist für GE Grid tätig, Mocken & Heinen liefert Jagenberg zu, ein im Kreis Viersen ansässiger Zulieferer von Rein Medical interessiert sich aktuell für Flächen vor Ort. Das Wahrzeichen des Areals ist der Turm, der zu Zeiten der ehemaligen Eisengießerei das Kühlwasser bereithielt. Letztes Jahr wurde er neu mit moderner LED-Technik für die nächtliche Illumination ausgestattet, der historische Schriftzug hingegen wurde bewusst nicht durch das neue Quartiers-Signet ausgetauscht. Zentraler Punkt des Quartiers, in dem mittlerweile nach Körsmeiers Schätzung rund 500 Menschen arbeiten, ist zweifelsohne der Caterer Noi! mit seinem Restaurant "Kette & Schuss", der auch die weiteren Eventflächen betreibt - bis zu 600 Menschen finden dabei Platz - und hier seinen Hauptsitz hat. Im Restaurant trifft man sich zum Mittagessen, oder auch mal auf einen Cappuccino zum Plausch am Nachmittag. Auch Interaktion auf dem Außengelände, etwa in Form von Grillfesten, ist erwünscht.

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Einen Vermietungsstand von 80 Prozent hat sich das kleine Team um Körsmeier für 2016 als Ziel gesetzt - "das werden wir schnell erreicht haben", ist er sich sicher. Momentan liege der Fokus ohnehin mehr auf dem "K2 Tower und Industriepark" in Krefeld. Dabei handelt es sich um das ehemalige, traditionsreiche Voith-Firmengelände, das die Kleinewefers-Beteiligungsgesellschaft im letzten Sommer zurückkaufte und nun entwickelt. Ein "Monforts-Quartier 2.0"? Nein, das Projekt sei gänzlich anders gelagert; bei dem Industriekomplex mit Bürohochhaus handele es sich schließlich um einen reinen Gewerbepark.

Und wie geht's weiter mit dem Monforts-Quartier? Es bleibt spannend. Nicht umsonst haben die Masterplaner das Areal als Herzstück ihrer Überlegungen identifiziert. Das räumliche Andocken an die Hochschule (kommen Fraunhofer-Institute?), die Möglichkeiten durch das bald freie Polizeipräsidium - und dann sind da ja noch die Freiflächen wie der alte Sportplatz. "Für die zweite Entwicklungsphase des Quartiers lassen wir derzeit noch einiges liegen - wie eine gute Flasche Rotwein", sagt Körsmeier.

Quelle: RP
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