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Mönchengladbach
O, ihr Fröhlichen!

Mönchengladbach: O, ihr Fröhlichen!
FOTO: Ilgner
Mönchengladbach. Vor neun Monaten flüchtete Familie Baha aus Albanien nach Deutschland. In ihrer Heimat wurden sie politisch verfolgt. Jetzt freuen sie sich auf das erste Weihnachtsfest in ihrem neuen Zuhause Mönchengladbach. Von Tim Specks

Zugegeben: Die Geschichte von Adela, Jürgen, Orion und Megi Baha gleicht eher Homers Odyssee als der biblischen Erzählung von Maria, Josef und ihrem in Bethlehem geborenen Sohn. Und dennoch: Was die Familie, die im März aus ihrer albanischen Heimat nach Deutschland flüchtete, in den vergangenen Wochen erlebte, was die vier Menschen wenige Monate nach der Vertreibung aus ihrem Heimatland zu sagen haben, das passt zu sehr in den Kontext der Adventszeit, um sie nicht als eine an die heutige Zeit angepasste, moderne Version der Weihnachtsgeschichte zu sehen.

Rückblick: Vor rund neun Monaten lebt die Familie noch in Fier, einer Stadt mit rund 50.000 Einwohnern, 100 Kilometer südlich der albanischen Hauptstadt Tirana. Dort hat sie ihre Wurzeln, doch dort wird sie aufgrund ihrer politischen Ansichten auch verfolgt. Für sich selbst und ihren Sohn Orion, acht Jahre alt, und ihre zweijährige Tochter Megi sehen Adela und Jürgen Baha keine sichere Zukunft in der südost-europäischen Republik. Sie entschließen sich, ihr Leben in Albanien hinter sich zu lassen und fliehen nach Deutschland.

Dort angekommen, beginnt für die vierköpfige Familie eine Odyssee, wie sie so viele Flüchtlinge, die auf der Suche nach Sicherheit in die Bundesrepublik fliehen, antreten müssen. Zunächst führt ihr Weg sie nach Frankfurt, von dort nach Gießen und dann nach Dortmund, wo sie als Asylbewerber registriert werden. Den folgenden Monat lebt Familie Baha in einem Flüchtlingsheim in Essen, danach eine Woche in einer Notunterkunft in Wickede. Zu guter Letzt kommen die vier in Mönchengladbach an, leben hier zunächst einen Monat im TIN, danach im Flüchtlingsheim am Fleener Weg. "Vielleicht hatten wir einfach nur Glück, aber uns ging es in all der Zeit gut", sagt Adela im Rückblick. Während der ersten Wochen in der neuen Umgebung habe die Familie bereits gespürt, dass die Koordination der verschiedenen Ämter, die sich um die Verteilung und Integration der Flüchtlinge kümmern, gut funktioniere, sagt Familienvater Jürgen. "Auf alle Fragen, die wir hatten, bekamen wir schnell eine Antwort. Alles lief sehr seriös ab."

Doch in den Notunterkünften erlebte die Familie auch, was die Unterbringung von hunderten Menschen auf engstem Raum bewirken kann. Eine Zeit lang lebten die vier selbst mit fünf anderen Menschen in einem rund 15 Quadratmeter großen Zimmer. Eine Szene aus dem Flüchtlingsheim ist den Bahas besonders in Erinnerung geblieben: Eines Tages griff ein Flüchtling einen anderen mit einem Messer an. Sohn Orion musste die Szene nicht selbst mit ansehen, habe sich aber tagelang nicht aus dem Zimmer getraut, erinnert sich Adela.

Das ist unser größter Wunsch... FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Zurück in die Gegenwart. Seit ein paar Wochen leben Adela, Jürgen, Orion und Megi in einer eigenen Wohnung. Noch sind die Zimmer spartanisch eingerichtet, die Wände nackt. Doch für die vier sind diese vier Wände mehr, als nur ihre nächste Unterkunft. Es ist ihre neue Heimat. Hier wollen sie sich ihr neues Leben aufbauen, ein Teil der Gesellschaft werden.

Adela und Jürgen Baha sind gut ausgebildet. Beide sind Akademiker. Jürgen ist Ingenieur und hat einen Bachelortitel in Informationstechnik. Seine Frau Adela ist studierte Geologin. In ihrer Heimat war sie Promotionskandidatin. In Deutschland will sie nun ihren Doktor machen. Man kann den Ehrgeiz der beiden spüren. "Wir wollen auf unseren eigenen Beinen stehen und nicht vom Geld des Staates leben", sagt Adela. Sie und ihr Mann wollen so schnell wie möglich ins Arbeitsleben zurückkehren. Doch zwischen den beiden und einem Leben als selbstverdienende Bürger steht derzeit noch eine nicht zu unterschätzende Hürde. Die Sprachbarriere. "Wir besuchen zusammen zwei Deutschkurse", erzählt Jürgen. Einer davon findet dreimal wöchentlich in der Volkshochschule statt. Der Kurs ist speziell für Flüchtlinge angelegt worden. Jürgen und Adela gehören zu den besten Schülern. "Unsere Lehrerin hat gesagt, dass wir einen zusätzlichen Kurs machen sollen, weil wir so schnell Fortschritte machen", sagt Adela. Im VHS-Kurs helfen sie ihrer Lehrerin auch bei der Kommunikation mit anderen Teilnehmern."Die Sprachkurse", sagt Jürgen, "sind wirklich das Beste, das der Staat uns anbieten konnte. Ich wollte das vom ersten Tag an." Auch neben dem Unterricht setzen Jürgen und Adela alles daran, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. "Am meisten hilft es, wenn wir uns einfach mit vielen Menschen, die von hier kommen, unterhalten", sagt Jürgen. Und auch zuhause geht der Deutschunterricht weiter - auf dem heimischen Fernseher der Bahas sind nur deutsche Programme gespeichert. Dass Jürgen und Adela so hartnäckig daran arbeiten, ins Berufsleben zurückzukehren, hat neben dem Stehen auf den eigenen Beinen einen weiteren Zweck, sagen sie. "Wir wollen der Gesellschaft hier etwas zurückgeben", sagt Jürgen. "Im Moment investiert der Staat in mich, bezahlt zum Beispiel den Deutschunterricht. Aber in ein paar Monaten, wenn ich die Sprache gelernt habe und anfange, zu arbeiten, kann ich etwas für den Staat tun. Damit zahlt sich die Investition dann vielleicht zurück."

Am Wochenende, wenn weder ihre Kinder, noch Jürgen und Adela selbst in der Schule sind, besuchen die vier regelmäßig den Gottesdienst. "Wir gehen jeden Sonntag in die Kirche", sagt Adela. Ihr Mann Jürgen ist Christ, sie selbst Muslimin. "Ich möchte meinen Kindern die christlichen Traditionen, den Glauben ihres Vaters zeigen", sagt sie. Auch ihr selbst ist der Gang in die Kirche wichtig: "Ich fühle mich dort geborgen, friedvoll."

Jetzt, wo die vier die Strapazen ihrer Flucht nach Deutschland hinter sich gelassen haben und Schritt für Schritt in der Gesellschaft ankommen, freuen sie sich vor

allem auf eins: ihr erstes Weihnachtsfest in ihrer neuen Heimat. Und das soll möglichst traditionell ausfallen. In der kleinen Wohnung der Bahas steht ein Weihnachtsbaum, darunter sollen am Heiligen Abend ein paar Geschenke für die Kinder liegen. "Ich möchte vor allem meinen Kindern ein schönes Weihnachtsfest bereiten", sagt Adela. Tochter Megi hat schon kennengelernt, was die Erinnerungen an Weihnachten jeden Kindes hierzulande prägt. Vater Jürgen präsentiert ein Video, auf dem die Kleine zu "In der Weihnachtsbäckerei" durch die Wohnung tanzt. "Das lief rauf und runter. Als ich das Lied angehalten habe, fing Megi an zu weinen", erzählt der stolze Papa. Seinen deutschen Namen hat er übrigens von seinem Vater erhalten. Der ist Fan der deutschen Nationalmannschaft. Namensgeber seines Sohnes: Jürgen Klinsmann.

Ganz neu ist das Weihnachtsfest für Familie Baha nicht, auch in Albanien haben sie schon gefeiert. Aber: "Ich habe in meinen 33 Lebensjahren noch nie eine solche Glückseligkeit gesehen, wie hier in Deutschland zur Weihnachtszeit. Das ist alles echt, das kommt von Innen", sagt Jürgen über die deutschen Bräuche in der Adventszeit. Einen dieser Bräuche werden Adela, Jürgen, Orion und Megi zu diesem Weihnachtsfest in jedem Fall übernehmen: Am Heiligen Abend gibt es Gans.

Quelle: RP
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