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Mensch Gladbach
Ordnung ist das halbe Leben

Mönchengladbach. Die Nasa hat 2008 einen Beatles-Song ins All gebeamt, um Außerirdischen zu zeigen, wie wir auf der Erde so ticken. Ich hätte das Organigramm eines deutschen Ordnungsamts geschickt. Dann kennt man zwar nur das halbe Leben, aber das ganze Dilemma.

Der Deutsche hat zwei Verhaltensmuster im Repertoire, um der Welt zu begegnen. Er gründet entweder einen Verein. Oder ein Amt. Bei der Ordnung haben wir uns für letzteres entschieden. Ein Amt für Ordnung zu haben - da muss man erst mal drauf kommen. Ordnung ist ja bekanntlich nur das halbe Leben. Drum kommt der Kommunale Ordnungs- und Servicedienst - das ist eine Unterabteilung des Ordnungsamts - folgerichtig im Moment auch nur mit der Hälfte der Stellen aus. Das Halbieren hat bei den Männern und Frauen in blauen Uniformen Tradition. Sie arbeiten nämlich eh nur in der einen Hälfte des Tages. Warum? Nun nachts schlafen alle Gewerkschaftsfunktionäre ermattet vom Kampf gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt und können darum nicht kontrollieren, ob die Stadt gut ist zu ihren Mitarbeitern.

Blödes Argument? Saublödes Argument! Benutzt auch niemand. Habe ich mir nur ausgedacht. Aber ist immer noch besser als gar kein Argument. So ist es nämlich tatsächlich. Seit seiner Gründung darf der Kommunale Ordnungs- und Servicedienst nachts nicht arbeiten. Also auch nicht in der Altstadt, wo die Anwohner belegen können, wie viel Unordnung da nachts und nur nachts herrscht. Altstadt ist wohl die andere Hälfte des Lebens. Natürlich geht es dabei nicht darum, einzelne Mitarbeiter zu zwingen, nachts in der Altstadt zu patrouillieren. Nein, für die Gewerkschaften geht es ums Prinzip. Für das man übrigens auch mal ein Amt gründen sollte. Und dieses Prinzip heißt: Ein städtischer Mitarbeiter arbeitet nach Mitternacht nicht. Dä!

Ein Mitarbeiter der Stadt tut ja so manches nicht. Ab Freitagmittag ist für die Verwaltung Mitternacht. Es gibt sie noch, die guten alten Dinge. Also Arbeitszeiten und Veränderungsbereitschaft wie in den 60-er Jahren. Aber eben nur noch bei der Stadtverwaltung. Deswegen fällt das mittlerweile ziemlich auf. Selbst das, was früher mal Stadtwerke hieß, und das, was heute noch immer Post und Sparkasse heißt, weiß: Du musst die Kunden bedienen, wenn sie Zeit haben. Aber wer bringt das einer Verwaltung bei: Was ist das, ein Kunde? Ein Außerirdischer, der mich aus meinem Vorgang zu reißen droht? Wenn so ein Außerirdischer bei der Verwaltung ankäme, würde er erst mal zu hören bekommen: Ziehen Sie eine Nummer und setzen sich in den Wartebereich. Und wenn er nach vielen Stunden zurück zu seiner fliegenden Untertasse käme, hätte er ein fettes Knöllchen.

Sie müssen mir einmal einen Gefallen tun. Lesen Sie mal einen der Briefe, die sie von der Stadtverwaltung bekommen, bevor sie sie abheften oder wegwerfen. Versuchen Sie zu verstehen, was da erschlagen von einem Wust an Paragrafen und kaum verhohlenen Drohungen steht. Atmen Sie den Geist, den Ton ein. Vorsichtig. Und stellen Sie sich vor, das würden Sie in Ihrem Job auch so machen. Bitte beachten Sie: Diese Übung ist nicht geeignet für Bundeswehroffiziere und Metzgermeister.

Übrigens: Ich kenne tolle Mitarbeiter der Verwaltung. Und zwar gar nicht so wenige. Engagierte, freundliche, sympathische Menschen, die ihrem Gegenüber kompetent und gern helfen. Aber sie tun das trotz und nicht wegen des Systems. Lasst genau sie für Ordnung sorgen - in der Verwaltung.

Quelle: RP
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