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Mensch Gladbach
Ordnung muss sein. Aber bitte nicht übertreiben!

Mönchengladbach. Es wird aufgeräumt in Mönchengladbach. Schilder, Fahrradständer, Pflanzenkübel und Bäume, ja, sogar in Bögen gelegte Pflastersteine - alles muss raus! Doch könnte das Lebenswerte und Besondere verloren gehen. Von Denisa Richters

Na, haben Sie heute auch Ihren Aufräumtag? Dann liegen sie voll im Trend. Denn ganz Mönchengladbach wird aufgeräumt. Und das ist auch gut so. Wilder Müll, übervolle Abfalleimer, verdreckte Grünanlagen, vom Winde verwehte Gelbe Säcke - damit kann eine Stadt nicht attraktiv sein. Auch unansehnliche Werbebanner (wie noch vor gar nicht so langer Zeit vor der Kaiser-Friedrich-Halle), schrille Klebereklame auf Schaufenstern oder Ständern gehören weg. Doch wie bei allem im Leben sollte man auch beim Aufräumen nicht übers Ziel hinaus schießen. Weshalb?

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an den Hedonismus, der sich durch die ausgehenden 1980er Jahre zog. Die Mode war edel, reduziert und schwarz. Möbel ebenso, dazu ein weißer Teppich und gerne ein Tisch aus Glas. Sah gut aus - nur leben durfte man darin nicht. Jede Berührung hinterließ einen Fingerabdruck, jede Bewegung schwarze Flusen auf dem Weiß des Bodens. Putztuch und Sauger waren ständige Begleiter. Stressig! Und wie entspannend war es, als mit den 90ern wieder Leben in die Bude kommen durfte.

Kommen wir zur Stadtgestaltung. Wo fühlen Sie sich wohler? An der Frankfurter Allee oder am Kollwitzplatz in Ost-Berlin? Auf den breiten Tangenten in Moskau oder den verwinkelten Gassen von Barcelona? Auf der Gladbacher Straße stadtauswärts Richtung Rheindahlen oder oder auf der Brucknerallee in Rheydt? Das Weite, Steinige und Leere ist selten der Ort, an dem sich Menschen wohlfühlen. Dabei kommt es gerade in Städten auf das Lebenswerte und das Besondere an. Kluge Stadtplaner halten das in der Balance.

Deshalb ist es gut, dass der Marktplatz in Rheydt umgebaut wurde. Er wurde den Bürgern zurückgegeben, ist Aufenthaltsort, mit toller Atmosphäre an Markttagen, bei den zahlreichen Veranstaltungen oder einfach nur so zum Flanieren und Verweilen. Warum aber soll es stören, wenn ein Gastwirt seine gewohnte Außengastronomie aufbaut? Weshalb dürfen Pflanzen nur der aus dem Rathaus vorgegebenen Norm entsprechen?

Oder am Abteiberg: Beleidigt es wirklich den Blick, wenn Pflastersteine in Bögen und nicht in geraden Linien gelegt sind? Widerspricht eine Vielfalt von Bäumen dem Ordnungssinn? Müssen Schirme und Markisen cremefarben sein? Soll Straßenbeleuchtung die Form alter Laternen haben oder die geometrischer Leuchtobjekte? Und sind die alten ausrangierten Lampenschirme über der Waldhausener Straße nicht auch überraschend schön? Über Geschmack lässt sich am Ende doch trefflich streiten.

Oder die Asphaltierungswut: Ja, es ist kostspielig, schmale Grünstreifen auf Verkehrsinseln zu pflegen. Aber gäbe es nicht attraktivere Lösungen, als das Grün einfach mit pflegeleichtem Grau zu versiegeln? Wie wäre es mal mit einer kleinen sommerlichen Blumenwiese? Sieht nett aus, macht wenig Arbeit. Apropos Arbeit: Wir müssen jetzt wirklich aufräumen. Schönes Wochenende!

Quelle: RP
 
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