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Serie Denkanstoss
Plädoyer gegen die Gleichzeitigkeit

Mönchengladbach. Ulrich Clancett beschreibt, warum die Komplexität der modernen Welt nur Schritt für Schritt zu bewältigen ist. Von Ulrich Clancett

Manchmal fasse ich es nicht mehr, habe Schwierigkeiten mich zurechtzufinden: Einerseits wird alles immer größer, andererseits konzentriert sich alles in immer kleiner werdenden Einheiten. Einerseits ist es kein Problem, heute hier und morgen da unterwegs zu sein, andererseits habe ich die ganze Welt ständig und in Echtzeit auf meinem Smartphone und brauche mein Zimmer dafür nicht zu verlassen. Einerseits weiß ich, wie wohltuend Ruhe sein kann, andererseits gibt es keine Ecke in meiner Wohnung, in der nicht mindestens eine Möglichkeit besteht, diese Stille mit diversen Geräten zu durchdringen, zu beenden. Widersprüche über Widersprüche, soweit mein Blick reicht.

Nun könnte man meinen: Nun ja, die Welt hat sich seit ihrem Bestehen immer wieder verändert. So ist es gerade 150 Jahre her, seit Mediziner vor dem Zugfahren warnten, weil die hohe Geschwindigkeit auf den Schienen sicher gesundheitsschädlich sei. Eine These, die wir heute lächelnd zur Kenntnis nehmen und mit dem ICE zum nächsten Flieger nach Übersee fahren.

Was allerdings viele Menschen regelrecht krank macht, ist die Gleichzeitigkeit, in der unser Leben zunehmend abläuft. War es in allen früheren Epochen der Geschichte so, dass wir allein schon aus technischen Gründen eines nach dem anderen erledigen mussten, hat sich das Tempo hier wesentlich erhöht. Und wir sind technisch in der Lage, immer mehr gleichzeitig erledigen zu können. Ich etwa nutze zunehmend Autofahrten und Fußwege zum Telefonieren. Ich kenne viele, die draußen unterwegs sind, und von ihrem Weg und den möglichen Begegnungen dort nichts mitbekommen, weil sie gleichzeitig in den virtuellen Welten der "Sozialen Netzwerke" unterwegs sind. Damit nicht genug: der Termin, der vereinbart wird, die Information, die man sich gerade mal eben aus dem Netz holt, um eine Unterhaltung fortführen zu können, während man im richtigen Leben durch eine Fußgängerzone läuft und nebenbei Einkäufe erledigt. Dass da nebenbei vielfach noch eine Zigarette glimmt und beiläufig Menschen gegrüßt werden, macht die Situation nicht übersichtlicher.

Manchmal erwische ich mich auch in genau einer solchen Situation - und frage mich: Geht das nicht auch anders? Was mache ich eigentlich mit der gewonnenen Zeit - denn wenn ich vieles gleichzeitig erledigen kann, müsste ich ja am Ende des Tages noch viel Zeit übrig haben?

Wir alle wissen, dass es nicht so ist - und auch das baut sich zu einem der ungelösten Widersprüche auf: Obwohl wir, technisch unterstützt, vieles gleichzeitig erledigen können, haben wir immer weniger Zeit.

Das Krankmachende daran: Die gewonnene Zeit wird gleich wieder mit Aktivitäten gefüllt. Und das, obwohl wir (nächster Widerspruch!) eigentlich eine aufgrund der Errungenschaften der modernen Medizin erheblich verlängerte durchschnittliche Lebenserwartung haben...

Die Fastenzeit 2016 ist fast zur Hälfte vorbei - aber es ist noch nicht zu spät, zumindest einige Wochen "ohne" auszuprobieren. Ich versuche bis Ostern einmal, zumindest hier und da mein Leben wieder "Schritt für Schritt" zu gehen. Und wenn mir einige Zeitgenossen vorwerfen, das sei weltfremd - ich versuche, diese Art von Verzicht noch konsequenter durchzuziehen. Hier und da ist es mir schon gelungen. Schritt für Schritt. Und auch das geht eben nur so.

Vielleicht wächst dann in uns das Bewusstsein dafür, dass wir nicht alle Krisen und Probleme dieser Welt gleichzeitig und gut lösen können. Vielleicht hilft es uns zu verstehen, dass wir die Komplexität der modernen Welt, in die wir gestellt sind, nicht durch solchen blinden Aktionismus beherrschen können. Schritt für Schritt voran, eines nach dem anderen - auch, wenn's langsamer geht - es wird besser gehen. Es wird uns auch helfen, die Probleme sauberer zu unterscheiden und nicht ständig alles in einen Topf zu werfen. Gerade in der aktuellen Herausforderung wäre das sicher mehr als hilfreich.

Quelle: RP
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