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Streit um Sexualerziehung
Das sagen Kinder über Sexualkunde-Unterricht

Pornos und Periode: So finden Kinder Sexualkunde
Wie wichtig ist Sexualkundeunterricht in der Schule? Wir haben uns bei Schülern einmal umgehört. FOTO: Shutterstock/Jackfoto
Mönchengladbach. Experten kritisieren, es werde an Schulen nicht genug darüber gesprochen: Sexualität. Wie stehen Schüler und Lehrer zu dem Thema? Wir haben mit Betroffenen aus Mönchengladbach darüber gesprochen. Von Sabine Kricke

Leon kichert. Er schaut beschämt auf den Boden und dann ins Nichts. Nachdem er zunächst recht förmlich über das Thema Sexualkundeunterricht spricht, traut sich der 16-Jährige langsam doch zu erzählen. "Es ist schon wichtig. Aber wie das geht, kenne ich aus Pornos. Den ersten habe ich bei einem Freund geschaut, damit meine Eltern das nicht mitbekommen", erzählt Leon.

Das Thema Sexualkundeunterricht an Schulen wird derzeit kontrovers diskutiert. Am Niederrhein hatten Organisationen wie die Aids-Hilfe oder pro familia beklagt, dass Schulen das Thema Sexualkunde vernachlässigen würden. Eltern hingegen wehren sich gegen den Unterricht. Sie kritisieren, der Unterricht sei teils schamverletzend. 

Der Sexualkundeunterricht sei wichtig, damit Jugendliche lernen, Dinge richtig einzuordnen, sagt Thomas Hollkott, Stellvertretender Schulleiter des Stiftischen Humanistischen Gymnasiums in Mönchengladbach. Kurzum: Sexualkunde dürfe in der Schule nicht fehlen.

"Es geht nicht nur darum, dass Jugendliche etwas über die Verschiedenheit der Geschlechtsorgane lernen, sondern auch um die emotionale Entwicklung der Kinder. Das muss auch in der Schule aufgegriffen werden", sagt Hollkott. Im Lehrplan für das Gymnasium ist vorgesehen, dass Schüler in der sechsten und neunten Klasse im Fach Biologie im Thema Sexualkunde unterrichtet werden. Aber auch in der Grundschule wird das Thema unterrichtet. 

Getrennter Unterricht für Mädchen und Jungen

"In der dritten Klasse freuen sich die Jungs darüber, das Wort 'Penis' zu sagen", erzählt die 15-jährige Charlotte. Zum ersten Mal wurde in der Grundschule das Thema behandelt, dann wieder in der sechsten Klasse. "In der Dritten war es allen total peinlich, die Jungs haben gekichert und die Mädchen waren einfach still", erzählt die Gladbacherin.

Auch in der Sechsten seien die Jungs aktiver gewesen als die Mädchen. Gut fand Charlotte, dass Jungen und Mädchen für eine Stunde getrennt wurden. Eine Biologie-Lehrerin hat sich in dieser Zeit mit den Mädchen unterhalten, ein Lehrer mit den Jungen. "Da konnte man dann auch mal Themen ansprechen, die einem vor den Jungen peinlich waren", sagt die 15-Jährige.

Fest im Stundenplan verankert ist am Gymnasium zwar der Sexualkundeunterricht - eine getrennte Unterrichtsstunde mit Jungen und Mädchen sei jedoch keine Pflicht, berichtet Hollkott. Ob es solche Stunden gibt, liegt in der Hand der Lehrer.

Vor dem Unterricht werden Eltern per Brief informiert

Schulen sind beim Thema Sexualkunde um Transparenz bemüht. "Bevor wir in der sechsten und neunten Klasse mit dem Unterricht beginnen, werden die Eltern vorher in einem Brief darüber informiert. Da werden auch die behandelten Themen aufgelistet", sagt Hollkott. Ein solcher Elternbrief sei für die Schulen verpflichtend. Eltern haben so die Möglichkeit, ihren Kindern bereits vor dem offiziellen Unterricht ihre religiösen Ansichten oder ihre Weltanschauung zu diesem Thema zu vermitteln.

Die Politik ist mit dem Vorgehen der Gladbacher Schulen zufrieden. "Die Aids-Hilfe und andere Organisationen kooperieren erfolgreich mit vielen Schulen und tragen so zu einer offenen Sexualerziehung in der Stadt bei. Das ist wichtig, um neben der gesundheitlichen Komponente auch für Toleranz und Vielfalt zu werben", sagt Felix Heinrichs, Vorsitzender der SPD-Fraktion in Mönchengladbach. Die Sexualkunde nehme "einen wichtigen und unverzichtbaren Teil der Gesamterziehung" ein. 

Sexuelle Aufklärung nicht an Negativ-Beispielen

Die dreizehnjährige Vanessa wurde bereits vor dem Sexualkundeunterricht von ihren Eltern aufgeklärt. "Da kam in den Nachrichten, dass Frauen in Mönchengladbach vergewaltigt wurden", erzählt Vanessa. Ihre Eltern sprachen mit ihr.

Experten halten dieses Vorgehen für falsch. "Sexuelle Aufklärung an etwas Negativem wie einer Vergewaltigung oder sexuellem Missbrauch aufzuhängen, halte ich für schwierig. Kinder sollten an das Thema nicht über etwas Negatives herangeführt werden", erklärt Hollkott.

Hin und wieder käme es vor, dass Eltern ihre Kinder nicht am Unterricht teilnehmen lassen wollten. "Jedes Kind muss jedoch am Sexualkundeunterricht teilnehmen, das ist so im Lehrplan verankert und da werden auch keine Ausnahmen gemacht", sagt der Biologie-Lehrer. 

Dass Sexualkundeunterricht in der Schule nicht fehlen darf, findet auch die 14-Jährige Nicole. "Zwar hab ich schon viel von meinen älteren Geschwistern mitbekommen, aber so richtig erklären, was zum Beispiel bei meiner Periode abläuft, konnten die mir nicht", sagt sie. Zwar habe ihre Mutter ihr Binden gegeben, als es soweit war, aber wie oft sie diese wechseln muss, habe sie im Sexualkundeunterricht gelernt.

"Man ist hin und wieder doch sehr überrascht, dass manche Dinge bei den Schülern bereits bekannt sind und doch einige noch gar nicht thematisiert wurden", sagt Hollkott. Auch auf die Übertragung von Geschlechtskrankheiten gehe man intensiv im Unterricht ein. Wie man jedoch ein Kondom benutzt, werde nicht gezeigt. 

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