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Redaktionsgespräch Dörte Schall
"Prävention im Sozialen wäre billiger"

Redaktionsgespräch Dörte Schall: "Prävention im Sozialen wäre billiger"
FOTO: Ilgner Detlef (ilg)
Mönchengladbach. Die neue Sozialdezernentin der Stadt, Dörte Schall, ist seit rund 100 Tagen im Amt. Sie spricht über den Kita-Streik und über Sozialarbeit, die Unterbringung von Flüchtlingen im ehemaligen Hauptquartier Rheindahlen und über Kinderarmut.

Der Kita-Streik hat sich vier Wochen hingezogen. Haben Sie Verständnis für das Ansinnen der Erzieherinnen? Sie sind ja doppelt betroffen, als Sozialdezernentin und als Mutter.

dörte Schall Ich habe großes Verständnis. Erzieherin ist ein harter Job, der zu gering bezahlt wird - wie übrigens die anderen sozialen Berufe auch. Es streiken ja nicht nur die Erzieherinnen, sondern auch die kommunalen Sozialarbeiter.

Der Streik hat viel Verärgerung bei Eltern ausgelöst, die bei der Tagesbetreuung ihrer Kinder ziemliche Probleme bekamen.

Schall Der Kita-Streik wird am stärksten wahrgenommen. Die Eltern sind inzwischen an der Grenze ihrer Belastbarkeit angekommen. Wir haben als Stadt eine Hotline eingerichtet, die eifrig genutzt wird. Es gibt Notgruppen und unsere Mitarbeiter arbeiten hart. Zum Teil steigen sie selbst ein und leiten Gruppen, wenn sie die nötige Qualifikation haben. Aber wirklich zufrieden ist natürlich niemand. Die Eltern haben ebenfalls durchaus Verständnis für die Erzieherinnen, aber inzwischen fürchten sie, dass ihre Kinder unter dem Streik leiden. Zum Beispiel, weil die Aktionen in den Kitas, die sonst den Wechsel der Großen in die Schule begleiten, wegfallen könnten.

Konnten Sie denn Ihre Tochter unterbringen?

Schall Ich musste sie auch einmal mit ins Büro nehmen. Das hat ihr gut gefallen, denn ich sitze auf dem gleichen Flur wie das Jugendamt, und es gibt Spielmöglichkeiten. Aber so etwas kann natürlich immer nur eine Notlösung sein.

Wie sieht es mit einer Kostenerstattung für die Eltern aus? Es heißt, die Kommunen verdienten an dem Streik?

Schall Es gab jetzt insgesamt 4000 Streiktage und die Stadt spart die Gehälter, das ist richtig. Deshalb ist eine Kostenerstattung geplant, als einmalige Rückzahlung einer Monatspauschale. Als HSP-Kommune müssen wir aber eine entsprechende Deckung nachweisen und das Ganze mit der Bezirksregierung abstimmen.

Auch die Unterbringung der Flüchtlinge fällt in den Bereich des Sozialdezernats. Es gab zu Jahresbeginn einen riesigen Ansturm. Entspannt sich die Lage jetzt langsam?

Schall Im Februar hatten wir die höchsten Flüchtlingszahlen seit mehr als 20 Jahren. Der extreme Zuwachs ist jetzt vorbei, aber es kommen weiterhin zehn bis fünfzig Flüchtlinge pro Woche. Die Unterbringung ist immer noch schwierig, aber wir haben es geschafft, auf die Turnhallen verzichten zu können, so dass sie wieder dem Sport zur Verfügung stehen. Die neuen Container am Fleener Weg werden inzwischen bezogen. Beim TiN müssen wir über das weitere Vorgehen entscheiden. Wenn es weiter ausgebaut wird, ist das natürlich mit Kosten verbunden. Darüber wird in einem fachbereichsübergreifenden Arbeitskreis entschieden. Insgesamt werden wir in diesem Jahr voraussichtlich noch 400 neue Plätze brauchen. Wir denken über einen weiteren neuen Standort nach.

Wie erleben Sie die Haltung der Mönchengladbacher? Ist die Hilfsbereitschaft noch immer so groß, oder hören Sie auch Negatives?

Schall Es gibt viele Menschen, die helfen wollen, das ist wirklich enorm. Das beschränkt sich auch nicht auf einzelne Stadtteile, sondern in jedem Stadtteil, in dem Flüchtlinge untergebracht werden, bilden sich direkt Arbeitskreise, die helfen. Es gibt jetzt die Internetplattform Asyl-in-Mönchengladbach.de, auf der sich die Helfer austauschen. Das ist eine tolle Idee. Von Ablehnung der Flüchtlinge höre ich kaum etwas.

Was tut sich in Sachen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes im JHQ? Gibt es neue Entwicklungen?

Schall Das Finanzministerium hat die Mittel freigegeben. Es wird jetzt etwas passieren. Bei der nächsten Ratssitzung wird die Verwaltung eine Vorlage vorlegen. Wir gehen davon aus, dass dort 500 Menschen untergebracht werden, aber es kann theoretisch auch bis zu 1000 gehen.

Was bedeutet das für die Stadt Mönchengladbach?

Schall: Es werden dann keine zusätzlichen Flüchtlinge mehr zugewiesen, aber wer da ist, bleibt natürlich da. Das Thema Flüchtlinge wird uns in jedem Fall noch die nächsten fünf Jahre begleiten. Die Kriege und das Elend werden leider nicht weniger. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, bringen traurige Erfahrungen mit und versuchen, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Dabei versuchen wir zu helfen.

Mönchengladbach hat insgesamt eine eher schwierige Sozialstruktur. Würden Sie sich mehr Prävention wünschen?

Schall: Ja, es wäre sicher sinnvoller, metaphorisch gesprochen vorher in Brandschutz zu investieren als hinterher zu löschen, was in Flammen steht. Prävention wäre insgesamt gesehen billiger, aber diese Maßnahmen werden als erstes eingespart. Das Problem ist natürlich auch, dass es sehr schwierig ist, präventive Maßnahmen zu evaluieren und ihre Wirksamkeit nachzuweisen.

Steigt der Unterstützungsbedarf insgesamt an?

Schall Die Fallzahlen steigen tendenziell überall. Besonders der Bereich Erziehung bleibt problematisch. Das ist inzwischen ein Generationenproblem: Was man selbst zu Hause nicht gelernt hat, kann man nicht an die eigenen Kinder weitergeben. Erfreulicherweise gibt es aber auch hier viel Unterstützung durch Nachbarn oder die Familie, so dass wir nicht überall gefordert sind. Aber unsere Sozialarbeiter leisten eine großartige Arbeit unter hoher psychischer Belastung. Man merkt auch, dass das Bewusstsein sich verändert hat. Wenn heute das Kind nebenan verprügelt wird, reagieren die Leute schneller. Früher hat man eher weggeguckt.

Das Thema Kinderarmut und Tagesobdachlosigkeit wurde in letzter Zeit diskutiert. Ein Problem, das besonders in Mönchengladbach auftritt?

Schall Armut und Tagesobdachlosigkeit haben nicht zwingend miteinander zu tun. Bei Kindern, die in Armut leben, muss in ganz Deutschland etwas geschehen. Aber Mönchengladbach ist sicher überrepräsentiert. Das Thema Tagesobdachlosigkeit ist etwas schwieriger. Es gibt Kinder und Jugendliche, die tagsüber nicht nach Hause können oder wollen. Denen müssen wir Angebote machen. Gleichzeitig aber gibt es für Jugendliche immer weniger Freiräume. Wenn einige den Nachmittag auf einer Bank verbringen, fühlen sich die Anwohner gleich gestört. Das hat nicht unbedingt etwas mit Tagesobdachlosigkeit zu tun.

Sie wohnen nicht in Mönchengladbach. Welches Bild haben Sie von der Stadt?

Schall Ich komme jeden Tag gern her und habe hier viele nette und offene Menschen kennengelernt. Ich komme auch an freien Tagen, denn es gibt sehr viel Programm, das mich anspricht. Ich finde, Mönchengladbach hat einen hohen Wohlfühlfaktor.

DAS GESPRÄCH MIT DÖRTE SCHALL FÜHRTEN RALF JÜNGERMANN UND ANGELA RIETDORF

Quelle: RP
 
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