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Serie Denkanstoss
Praktizierte Menschlichkeit

Serie Denkanstoss: Praktizierte Menschlichkeit
Miteinander in Gottes Liebe menschlich zu leben, ganz gleich welcher Hautfarbe - das benennt unser Autor als das globale Ziel. FOTO: Pixabay
Mönchengladbach. 500 Jahre Reformation heißt für uns heute: Transformation der Religion zu uneingeschränkter Menschlichkeit. Darüber schreibt der evangelische Pfarrer im Ruhestand, Hans-Ulrich Rosocha. Von Hans-Ulrich Rosocha

Im Kontext des 500-jährigen Reformationsjubiläums las ich ein Zitat des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der die zeitgemäße Transformation der Lutherschen Rechtfertigungslehre im Modus ihrer philosophischen Umformung folgendermaßen formuliert: "Jeder Mensch, ohne Ausnahme, dadurch, dass er ein Mensch geboren ist, und solches Angesicht trägt, ist fähig, ins Himmelreich zu kommen: Gott ist bereit, ihn zu beleben und zu begeistern; denn nur dazu eben ist jeder Mensch da, und nur unter dieser Bedingung ist er ein Mensch."

Das bedeutet für uns heute, dass sich alle Religionen daran prüfen lassen müssen, ob praktizierte Menschlichkeit im Mittelpunkt ihres Glaubens, Denkens und Handelns steht, so, wie es exemplarisch von Jesus gelebt und gelehrt wurde, oder ob falsche Gottesvorstellungen dem Durchbruch zu praktizierter Menschlichkeit im Wege stehen. Wenn nämlich die Vorstellung eines richtenden und strafenden Gottes das Glauben, Denken und Handeln der Menschen bestimmt, bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Es werden dann Menschen im Namen eines imaginären Gottes, der nur in der Vorstellung derjenigen existiert, die in seinem Namen Macht über andere Menschen ausüben wollen, ausgegrenzt, abgestraft, gerichtet und oft genug auch vernichtet in ihrer physischen und psychischen Existenz. Menschen, die in der Angst vor einem richtenden Gott leben, denen die Strafen der Hölle ständig vor Augen gemalt werden, wie es leider auch heute noch in manchen Religionen geschieht, leiden darunter unendlich und versuchen dann häufig, auf Kosten ihrer Mitmenschen diesem Richtergott gerecht zu werden, indem sie selbst wieder andere Menschen unter psychischen oder auch physischen Druck setzen und manchmal sogar im Namen ihres Gottes töten.

Das kann und darf jedoch im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums nicht sein - im Gegenteil! Wir müssen uns - und das gilt für jede Religion ohne Ausnahme - auf den alle Religionen verbindenden Konsens verständigen, dass Gott die Liebe ist und nichts anderes von den Menschen will, als dass sie in seiner Liebe leben und Gottes Liebe an ihre Mitmenschen weitergeben. Dieser religiöse Grundkonsens ist in seiner Wurzel in allen Religionen vorhanden. Und es geht nun vor allem darum, gemeinsam nach Wegen zu suchen, um diese religiöse Wurzel aller Religion zu entdecken, zur Sprache zu bringen und unter den Menschen im Sinne praktizierter Menschlichkeit wirksam werden zu lassen.

Unser globales Ziel ist es doch, dass kein Mensch auf dieser Erde mehr wegen seiner Hautfarbe, seiner Religion, seiner nationalen und sozialen Herkunft und seiner sexuellen Orientierung ausgegrenzt oder sogar abgestraft wird, sondern dass wir alle gemeinsam lernen, endlich miteinander in Gottes Liebe menschlich zu leben.

DER AUTOR IST EVANGELISCHER PFARRER IM RUHESTAND.

Quelle: RP
 
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