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Serie Denkanstoss
Probleme sind Herausforderungen

Mönchengladbach. Pfarrer Stephan Dedring würdigt in seinem Beitrag die Leistungen der Sportler bei den Paralympics. Von Stephan Dedring

Immerhin: Die Berichterstattung ist besser geworden. Aber noch gibt es von den Paralympics in Rio de Janeiro nur späte Zusammenfassung im Fernsehen - kein Vergleich mit den stundenlangen Übertragungen von den Spielen der nicht behinderten Sportlerinnen und Sportler. Dabei kann man bei den Paralympics die Helden sehen, die mich am meisten beeindrucken! Beispielsweise Markus Rehm und Vanessa Low. Sie sind beide als Jugendliche verunglückt: Markus Rehm geriet mit seinem Bein in eine Schiffsschraube beim Wasserski, Vanessa Low fiel unter einen Zug und verlor beide Unterschenkel. Das ganze Leben und alle Zukunftsperspektiven waren für sie mit einem Schlag verändert.

Alles auf Null: noch einmal laufen lernen mit Prothesen, Bewältigung des Schulalltags, eingeschränkte Berufswahl - und doch haben die beiden auch noch mit Leistungssport begonnen. Beide mit Weitsprung, er läuft zudem auch. Können wir auch nur annähernd nachfühlen, wie groß der Schock des Unfalls war, wie die Prothesen geschmerzt haben, wie groß anfänglich die Angst war, auf ihnen zu laufen, wie viele Tränen geflossen sind, wie dunkel und deprimiert so mancher Tag war, wenn das Gefühl übermächtig wurde, alles sei doch sowieso sinnlos und die Plackerei beim Training ohnehin vergeblich?

Und doch haben sie nicht aufgegeben. Haben vielleicht so manches Mal Gott um die Kraft gebeten, die sie in sich nicht mehr spürten. "Ich kann das schaffen", "Ich will das schaffen": Dieser Wille war schließlich größer. Sie haben sich nicht beleidigt zurückgezogen, haben nicht alles auf die Ungerechtigkeit des Schicksals oder auf die böse Gesellschaft geschoben, sie haben sich durchgebissen. Jetzt haben beide in Rio eine Goldmedaille gewonnen.

Können sie und auch alle anderen, die keine Medaille gewinnen, nicht für uns alle Vorbilder dafür sein, nicht immer nur zu lamentieren, sondern Probleme als Herausforderungen zu begreifen? Wir schaffen das, wenn wir uns gemeinsam bemühen, auch wenn uns manchmal der Mut sinkt. Für so viele Herausforderungen kann das helfen.

Aber eins steht noch aus: Behinderte und nicht behinderte Sportler trainieren inzwischen in den Leistungszentren gemeinsam. Gewöhnlich gibt es dabei einen deutlichen Unterschied zwischen den Leistungen: Mit zwei Prothesen springt es sich rein physikalisch nicht so weit wie mit zwei Beinen. Aber der durchtrainierte Markus Rehm springt an guten Tagen mit einem Bein und einer Prothese so weit wie die nicht behinderten Freunde -oder sogar weiter. Er wäre gern zu den Olympischen Spielen der nicht behinderten Sportler gefahren. Das deutsche Olympische Komitee hat das aber nicht erlaubt. Er müsse nach den Statuten erst nachweisen, dass seine Sportprothese keinen unlauteren Vorteil biete. Kein Arzt und kein Physiker kann das eindeutig belegen. Warum aber diese Beweisumkehr? Müsste nicht das Olympische Komitee beweisen, dass die Prothese Vorteile verschafft? Inklusion wäre hier so einfach wie sonst selten! Und das Olympische Komitee hätte endlich Wichtiges und Sinnvolles zu tun und müsste nicht in teuren Hotels Korruptionsgelder zählen.

Manches ist besser geworden, vieles steht noch aus, mit Gottes Hilfe dürfen wir rechnen: bei der Inklusion, bei der Integration, bei kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen. Packen wir's an.

Schaffen wir das?

DER AUTOR DES HEUTIGEN DENKANSTOSSES IST PFARRER DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE RHEYDT.

Quelle: RP
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