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Mönchengladbach
Rechtspopulismus: Die da oben, wir hier unten

Mönchengladbach. In der Reihe "Für Menschenwürde und gegen Extremismus" referierte Konfliktforscherin Beate Küpper an der Hochschule Niederrhein über Gewaltbereitschaft, Rechtspopulismus und kollektive Wut. Von Angela Rietdorf

Früher war alles einfacher: Rechtsextreme Gruppierungen waren leicht erkennbar an Springerstiefeln oder Glatzen. Zwischen Rechtsextremen und Rechtspopulisten konnte man ebenfalls gut unterscheiden: Rechtspopulisten agierten ohne physische Gewalt. Heute sind die Übergänge fließender. "Die neuen rechten Bewegungen sind bürgerlich und tragen Anzug. Wenn man genau hinhört, nutzen sie aber die völkische Blut-und-Boden-Rhetorik", erklärt Prof. Dr. Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein.

Die Sozialwissenschaftlerin ist im Bereich Konflikt- und Gewaltforschung tätig und sprach jetzt in der Veranstaltungsreihe "Für Menschenwürde und gegen Extremismus", zu der das Bündnis "Aufstehen!" eingeladen hatte. Sie präsentierte Zahlen aus neueren und neuesten Studien, die aufhorchen und erschrecken lassen: Schon 2014, also bevor eine größere Anzahl von Flüchtlingen nach Deutschland kam, fanden 21 Prozent der Befragten Gewalt gegen Asylantenheime in der Nachbarschaft verständlich. Insgesamt belegen die Zahlen, dass die Polarisierung zunimmt: Während eine Hälfte der Bevölkerung Gewalt immer stärker ablehnt, werden andere Teile gewaltbereiter. Die These, dass unter AfD- und Pegida-Anhängern in erster Linie die Abgehängten der Gesellschaft zu finden seien, relativierte die Professorin. Nicht die, denen es schlecht geht, neigten stark zur Abwertung und Ablehnung bestimmter Gruppen wie Muslime oder Ausländer, sondern die, denen es gut geht, die aber Angst vor einer Verschlechterung in der Zukunft haben. "Es geht um die Verteidigung der eigenen Vormachtstellung und Pfründen", stellte Küpper fest.

Als klassische Denk- und Rhetorikmuster machte sie eine doppelte Zweiteilung aus: einerseits in "die da oben" und "wir hier unten", die einhergeht mit Elitenschelte und Demokratie-Misstrauen. Zum anderen wird zwischen "wir" und "den anderen" unterschieden, wobei das Wir vage bleibt, um möglichst viele zu umfassen. "Die anderen" sind wahlweise Muslime, Roma, Homosexuelle oder Feministinnen. Zu dieser Haltung gehören meist Nationalismus, die Ablehnung der EU und eine Law-and-Order-Einstellung, ja sogar ein Hinneigen zu autoritären Regierungsformen. Der Schritt in die Gewalt setzt meist ein kollektives Gefühl von Wut aufgrund kollektiver Schlechterstellung voraus. "Da kollektive Gefühl der Ungerechtigkeit ist besonders im Osten verbreitet", so Küpper.

Den Medien gibt sie eine Mitschuld an der Bedeutung, die der Rechtspopulismus zuletzt gewonnen hat. Zum einen gebe es eine unkritische Übernahme von Begrifflichkeiten wie Flüchtlingsschwemme oder gar Tsunami. Zum anderen sind rechtspopulistische Meinungen in Talkshows überproportional vertreten. "Es kommt zur Verzerrung des Meinungsspektrums, wenn zwei Vertreter aus der Mitte, einer von ganz links und einer von ganz rechts eingeladen werden", stellte sie fest. Der Betrachter bekomme den Eindruck, jeder Teilnehmer spreche für ein Viertel der Gesellschaft. Und es komme so zur dauernden Wiederholung rechtspopulistischer Thesen.

Bei einer Aussage der Sozialwissenschaftlerin sah sich Polizeipräsident Mathis Wiesselmann, der an der Veranstaltung in der Hochschule teilnahm, zum expliziten Widerspruch aufgerufen. Die Polizeistatistiken seien nicht immer zuverlässig, was rechte Gewalt angeht, hatte die Professorin gesagt. Delikte würden aus Imagegründen auch unter normalen Prügeleien oder Jugendraufereien eingestuft. Nein, betonte Wiesselmann, das sei in Mönchengladbach ganz und gar nicht so. Die Polizei sei in diesem Bereich besonders wachsam und sortiere rechte Gewalt auch als solche ein.

Quelle: RP
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