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Mensch Gladbach
Reiners, Hoeneß und die Hells Angels

Mönchengladbach. Da das Wochenende ausreichend Gelegenheit bietet, den Taschenrechner zu entstauben und die eigenen Neidgefühle zu kultivieren, reden wir hier heute über das, was die Welt im Innersten zusammenhält: Geld.

Diese Kolumne beginnt für 94,7 Prozent von Ihnen mit einer Enttäuschung: Ich bin der Überzeugung, dass Oberbürgermeister zu schlecht bezahlt werden. Genau wie Ministerpräsidentinnen und Kanzlerinnen und andere Volkswillensgestalter. Gemessen an der Zahl der Mitarbeiter, des Etats und der Verantwortung für das Gemeinwohl stimmt was nicht, wenn der Oberbürgermeister nicht einmal ein Drittel von dem verdient, was ein Sparkassen-Chef oder der Vorstand eines Stadtwerkes bekommt. Wer gute Leute haben will, muss sie auch ordentlich bezahlen. Und auch diesen Hinweis kann ich Ihnen leider nicht ersparen: Ich bin überzeugt, dass über 95 Prozent der Deutschen es genauso machen würden wie Hans Wilhelm Reiners es nun macht: sich auf jeden Fall alles zu sichern, was ihnen von Rechts wegen zusteht. Und ich klammere all jene partiell erfundenen Steuererklärungen oder unversteuerten Putzfrauen in wochenendlicher Großherzigkeit aus. Ich rede nur über das, was recht (wenn auch für uns alle nicht billig) ist - denn darum geht es in diesem Fall.

Und trotz und alledem bleibt ein schales Gefühl. Weil für einen Oberbürgermeister andere Spielregeln gelten als für jedermann. Weil man deswegen als Oberbürgermeister gut daran tut, zu den anderen fünf Prozent zu gehören. Weil man deswegen besser auf die Grauzonen - wie vier Redakteursjahre, die angeblich auf das Oberbürgermeister-Amt vorbereiten - verzichtet. Weil man sich angreifbar macht. Weil man in ganz anderen Fällen die Frage aufkommen lässt, ob da wieder jemand mit der Lupe hinschaut, um sein eigenes Wohl gebührend berücksichtigt zu wissen. Weil es Fantasien weckt, wenn sich jemand gedanklich offenbar ausgiebig mit der noch fernen Pensionszeit beschäftigt. Weil bei jedem kleinen Fehler der Verwaltung gefragt werden wird, ob es nicht doch Punkte gibt, die mehr Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters erfordern. Und weil 94,7 Prozent der Menschen noch mehr Grund für ihre Annahme bekommen, Politiker machten sich die Taschen voll.

Ich weiß nicht, wie ich gerade jetzt drauf komme, aber dass der neue Fan-Shop der Hells Angels mitten in Rheydt von Farben und Wertigkeit her einem Fanshop des FC Bayern zum Verwechseln ähnlich sieht, zeigt schon, womit sich am Ende in diesem Land am besten Geld machen lässt. Man muss halt die richtigen Leute kennen.

Die Gladbacher Grünen kennen zum Beispiel den Landesumweltminister Johannes Remmel - weil der auch Grüner ist. Der kann allerdings genauso wenig dafür sorgen, dass die hiesige Staatsanwaltschaft ein bisschen flotter den Chrom-Umweltsünder anklagt, wie, sagen wir mal: Uli Hoeneß. Oder die Hells Angels. Man muss schon genau gucken, wer die Dinge für einen regelt. Der hiesige VdK, der sich vermeintlich um die Belange von Behinderten kümmert, hat im Hauptausschuss als kleine Ego-Freak-Show hiesige Kommunalpolitiker genötigt, einen Rollstuhlfahrer die Treppe der Abtei hochzuwuchten und das Spektakel eifrig fotografiert. Gott sei Dank ist der Mann dabei wenigstens nicht zu Schaden gekommen. Oder wären das die noch genehmeren Bilder gewesen? Womit bewiesen wäre: Nicht allein Geld verdirbt den Charakter.

Quelle: RP
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