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Fotos und Videos bei Unfällen
Rettungskräfte kämpfen gegen rücksichtslose Handygaffer

Fotos und Videos bei Unfällen: Rettungskräfte kämpfen gegen rücksichtslose Handygaffer
Erst einmal ein Foto machen. Ein Autofahrer fotografiert ein brennendes Auto auf der A 52 bei Neuwerk. FOTO: Theo Titz
Mönchengladbach. In Mönchengladbach gerät eine Frau unter einen Lkw. Während einige Unfallzeugen bei den schrecklichen Bildern einen Schock erleiden, zücken andere ihr Handy, um Fotos zu machen. Rettungskräfte erleben so etwas immer häufiger. Von Gabi Peters

Fast 45.000 Einsätze fuhr die Feuerwehr Mönchengladbach im vergangenen Jahr. Das allermeiste davon waren Notfalleinsätze. Und die sind auch für Rettungskräfte nicht immer leicht zu verarbeiten. Der tragische Unfall einer Fußgängerin am 17. November vergangenen Jahres gehörte beispielsweise dazu.

Da wurde eine 47-jährige Fußgängerin auf der Bismarckstraße von einem Lkw erfasst und überrollt. Als die Rettungskräfte am Unfallort eintrafen, war die Frau schon tot. Das Bild, das der Unfallort bot, war so schrecklich, dass der Fahrer des Lkw und neun Augenzeugen psychologisch betreut werden mussten. Drei kamen sogar ins Krankenhaus. Aber es gab auch solche, unfassbare Reaktionen: Passanten griffen zum Smartphone und machten Aufnahmen von dem Unglück.

Bevor die Polizei am Tatort war, an dem Dominik getötet wurde, hatte ein 15-Jähriger schon Fotos von der Leiche gemacht und sie über "WhatsApp" verteilt. FOTO: Reichartz

Die so genannten "Handygaffer" sind seit vielen Monaten ein ganz großes Thema bei der Feuerwehr. "Deshalb sind wir froh, dass wir jetzt Sichtschutzwände haben", sagt Feuerwehrchef Jörg Lampe. So könne man nicht nur Pietät wahren, sondern auch Passanten vor schrecklichen Bildern schützen.

Polizei muss häufig Platzverweise aussprechen

Tipps: Die schlimmsten Fehler nach einem Autounfall FOTO: AP

"Wenn wir zu einem Unfallort kommen und Zeugen sehen, die an Häuserwände gelehnt langsam zu Boden rutschen, wissen wir schon, was los ist", sagt Lampe. Nicht selten müssten danach sogar Kollegen psychosozial unterstützt werden. Für diese Aufgabe gibt es seit März ein geschultes neunköpfiges Team, zu dem auch Lampe selbst gehört. Ihr Einsatz hat sich schon mehrfach bewährt.

Trotz oft schockierender Bilder, hinter denen menschliche Tragödien stehen, gebe es diejenigen, die anstatt zu helfen oder die Polizei zu alarmieren, als Allererstes zum Handy greifen und Aufnahmen machen. Ein Phänomen, das auch die Polizei beobachtet, die oft Platzverweise aussprechen muss. Schlimm: Oft tauchen privat aufgenommene Unfall- und Opferfotos auch im Internet auf und werden dort ohne Rücksicht auf Hinterbliebene verbreitet, obwohl das strafbar ist.

Geschehen ist das auch nach dem Mord an Dominik (17), der am 31. Januar 2015 auf dem Reme-Gelände getötet wurde. Ein 15-jähriger aus dem Kreis Viersen stieß zufällig auf die Leiche, bevor die Polizei kam. Er fotografierte den Getöteten und verbreitete die Bilder über WhatsApp. Nach mühevollen Ermittlungen stieß die Polizei auf ihn. Der Junge wurde "wegen Verstoßes gegen das Kunst-Urhebergesetz" angeklagt. Das Recht am eigenen Bild geht im Fall von Toten auf die Erben über.

Der 15-Jährige, der zuvor einmal wegen Diebstahls geringwertiger Sachen und einmal wegen Sachbeschädigung in drei Fällen strafrechtlich in Erscheinung getreten war, wurde vom Gericht verwarnt. Er musste 25 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten. Der Angeklagte hatte in der Hauptverhandlung vollumfänglich gestanden, zwei Fotos von der Leiche gefertigt und diese via "WhatsApp" an Freunde gesendet zu haben. Neben dem Geständnis berücksichtigte das Gericht strafmildernd, dass der Angeklagte durch das Erlebnis des Auffindens der Leiche selbst aufgewühlt war und Schwierigkeiten hatte, mit der Situation umzugehen.

Die Leichenfotos hatten an vielen Schulen für Aufruhr und viel Leid gesorgt. Lehrer berichteten von verstörten Schülern, denen die Bilder aufs Smartphone übermittelt wurden. Der schulpsychologische Dienst musste eingeschaltet werden.

Quelle: RP
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