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Redaktionsgespräch Dr. Christoph Hartleb
Rheydt darf nicht im Einheitsbrei ersticken

Redaktionsgespräch Dr. Christoph Hartleb: Rheydt darf nicht im Einheitsbrei ersticken
Dr. Christoph Hartleb ist neuer Vorsitzender des Rheydter Citymanagements. Der 61-Jährige sagt: "Rheydt ist schön!" FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Der Vorsitzende des Rheydter Citymanagements, Dr. Christoph Hartleb, spricht über die Neugestaltung der Rheydter City, die kaum entdeckte Hochschulstadt und die Zukunft des Rheydter Bahnhofs. Kritik übt er am städtischen Bau-Management.

Sie sind seit einem Monat Vorsitzender des Rheydter Citymanagements. Welche persönliche Beziehung haben Sie eigentlich zu Rheydt?

Dr. Christoph Hartleb Geboren bin ich tatsächlich in Mönchengladbach - im Krankenhaus Maria Hilf. Aber ich bin natürlich ein echter Rheydter. Ich bin in Rheydt aufgewachsen, habe am Hugo-Junkers-Gymnasium Abitur gemacht und bin nach dem Jura-Studium in Bonn nach Rheydt zurückgekommen. Ich habe einige Zeit in einer Düsseldorfer Kanzlei gearbeitet, und seit 1983 bin ich als Anwalt in Rheydt tätig. Mein Vater war hier schon seit 1949 Anwalt. Ich habe also eine enge Beziehung zu Rheydt. Aber es gibt für mich keinen Konflikt zwischen Gladbach und Rheydt. Rheydt ist eigenständig, aber ein Teil der Gesamtstadt Mönchengladbach.

Warum arbeiten Sie im Citymanagement Rheydt mit? Und können Sie sich vorstellen, es dauerhaft zu führen?

Hartleb Ich finde es wichtig, mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen. Ich mache das gern, und es kommt mir dabei zugute, dass ich auch im Aufsichtsrat der WFMG und in Gremien der IHK bin. Diese Vernetzung kann sehr sinnvoll sein. Ich habe den Vorsitz im Vorstand des Citymanagements erst einmal bis zur turnusmäßigen Wahl im nächsten Jahr übernommen. Das verstehe ich nicht als kommissarisch, sondern ich mache das mit vollem Engagement. Ob ich allerdings zur nächsten Wahl antrete, kann ich noch nicht sagen. Ich bin der Meinung, dass der Vorstand sich verjüngen sollte. Die meisten Vorstandsmitglieder sind inzwischen über 60, wir brauchen jüngere Leute, die sich dort engagieren. Ich kann mir unter Umständen aber auch vorstellen, noch zwei Jahre weiterzumachen und dann an einen Jüngeren zu übergeben.

Wie steht es um die Finanzen des Citymanagements? Es kursieren Gerüchte, dass man sich beim Weihnachtsmarkt vor einigen Jahren so verhoben habe, dass immer noch eine Lücke klafft.

Hartleb Der letzte Jahresabschluss war ordentlich. 2013 gab es Probleme mit der Finanzierung des Weihnachtsmarktes, auch weil Sponsoren abgesprungen waren. Deshalb musste 2014 gespart werden. Da haben wir zum Beispiel das Turmfest nicht gesponsert, obwohl wir das gern getan hätten. 2015 stehen wir gut da, aber wir müssen natürlich weiterhin Sponsoren für Events wie den Weihnachtsmarkt finden.

Mehr als 20 Millionen Euro sind in das Innenstadtkonzept geflossen. Wie finden Sie Rheydt heute?

Hartleb Ich finde Rheydt schön und den Marktplatz sehr gelungen. Er ist lebendig, die Bürger nutzen ihn, Jugendliche sind mit ihren Skateboards da, Menschen sitzen in der Sonne, er hat Flair. Nicht so gut ist allerdings das Bau-Management in der gesamten Umbauphase in Rheydt. Im Augenblick gibt es wieder eine kleine Baustelle am Markt, der Harmonieplatz war erst halb fertig, da hat man mit der Bahnhofstraße weitergemacht. Jetzt ist die Bahnhofstraße fertig, dafür wird der Sparkassenvorplatz aufgerissen. Natürlich müssen Mängel wie kaputte Bürgersteige beseitigt werden. Aber es wäre besser, alles vernünftig zu koordinieren.

Wäre es nicht sinnvoll, den Markt noch zusätzlich zu beleben, beispielsweise mit einem Eiscafé mit Außenterrasse?

Hartleb Solche Versuche können an der Verwaltung scheitern. Die optische Achse soll um jeden Preis erhalten werden, auch ein Café auf der Seite der Hauptkirche und des Alufanten kommt deshalb nicht in Frage. Dabei sind die Häuser an der Limitenstraße, auf die man blickt, jetzt keine Zierde. Allerdings ist die Stadt dabei, die Gebäude zu sanieren, die ihr gehören.

Experten raten Rheydt, die vorhandenen architektonischen Stärken zu betonen, das heißt, die Architektur der 1950er Jahre. Ist das Ihrer Meinung nach ein Ansatz, die Besonderheit Rheydts herauszuarbeiten?

Hartleb Das ist ein komplexes Thema. Die Architektur ist sicher ungewöhnlich und man sollte sie betonen. Aber Veränderungen dürfen nicht um jeden Preis verhindert werden. Was Rheydt auszeichnet, ist das Einkaufskarree, in dem man flanieren kann im Gegensatz zur Kö oder zur Hindenburgstraße, die man nur auf- und ablaufen kann. In Rheydt kann man durch das Viertel laufen, und es gibt viel zu entdecken.

Die mögliche Schließung der Karstadt-Filiale in Rheydt ist ein großes Thema für die Stadt. Kam die Ankündigung der Karstadt-Spitze, das Haus schließen zu wollen, für Sie überraschend?

Hartleb Das ist eine Geschichte, die von außen schwer nachvollziehbar ist. Es hieß immer seitens des Unternehmens, dass das Haus profitabel sei und nicht defizitär. Die geplante Schließung hat nichts mit dem Standort Rheydt zu tun, auch Stuttgarts Karstadt wird geschlossen. Die Fehler wurden anscheinend in der Konzernzentrale gemacht. Mit zwei Etagen, wie jetzt im Gespräch, würde Karstadt in Rheydt wohl auch funktionieren.

Müsste man in Rheydt nicht auch zusätzliche Frequenzbringer ansiedeln?

Hartleb Es war sicher ein Fehler, zum Beispiel das Finanzamt aus der Innenstadt weg zu verlegen. Aber das ist nun mal passiert. Für mich ist Mönchengladbach eine unerkannte Hochschulstadt. Die Hochschule wurde lange stiefmütterlich behandelt, es gab wenig Wohnraum für Studenten, es gibt kein Kneipenviertel, die Studenten pendeln zur Hochschule und wieder aus der Stadt heraus. Dabei sind das junge Menschen, die man halten sollte.

Braucht Rheydt eine Gestaltungs- und eine Werbesatzung? Oder werden den Hauseigentümern und den Geschäftsleuten damit zu viele Fesseln angelegt?

Hartleb Ich denke, dass die Reglungstiefe zu weit geht. Wenn ich in Roermond auf dem Markt sitze, sind die Schirme auch nicht alle beige. Und auch das Verbot von Werbeaufdrucken auf den Sonnenschirmen kommt die Wirte teuer zu stehen. Ich kann verstehen, dass man billige Plastikstühle und Ähnliches verhindern will, aber dass Blumenkübel verboten werden, ist zu viel. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einem Einheitsbrei ersticken.

In den Innenstädten werden die Parkgebühren erhöht, die Außenbezirke dagegen entlastet. Fühlen Sie sich von den Kollegen in den Gewerbekreisen der Außenbezirke im Stich gelassen?

Hartleb Nein, da kann ich niemandem böse sein, jeder schaut auf seinen eigenen Mikrokosmos. Ich halte allerdings die Erhöhung von Parkgebühren für Gladbach und Rheydt für kontraproduktiv. Die Erreichbarkeit der Innenstädte und Parkplätze spielen eine zentrale Rolle für die Menschen bei ihrer Entscheidung, wo sie einkaufen gehen. Das zeigen alle Untersuchungen. Politik und Verwaltung setzen sich hier nicht mit den Bürgerwünschen auseinander.

Der Rheydter Hauptbahnhof gehört demnächst der Stadt oder ihrer Entwicklungsgesellschaft. Haben Sie Vorstellungen, was damit sinnvollerweise passieren sollte?

Hartleb Es gibt zwei Möglichkeiten: erhalten und sanieren oder abreißen. Das Gebäude ist hässlich, Abreißen wäre in Ordnung. Es ist zudem sehr verschachtelt, was eine Nutzung erschwert. Bei einer Sanierung müsste man sich gründlich überlegen, wie es zu füllen ist. Wenn Einzelhandel dort untergebracht wird, wie sieht es dann mit den Öffnungszeiten aus? Aber es ist ein richtiger und wichtiger Schritt, das Gebäude zu kaufen. Ich bin froh, dass sich die EWMG darum kümmert.

ANGELA RIETDORF, JAN SCHNETTLER UND DIETER WEBER FÜHRTEN DAS INTERVIEW MIT DR. CHRISTOPH HARTLEB (61).

Quelle: RP
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