| 00.00 Uhr

Interview Barbara Gersmann (spd)
Rheydt ist doch kein B-Zentrum

Interview Barbara Gersmann (spd): Rheydt ist doch kein B-Zentrum
Bezirksvorsteherin Barbara Gersmann: Ist sie in zehn Jahren Chefin des Mönchengladbacher Karnevalsverbands? FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Die Rheydter Bezirksvorsteherin Barbara Gersmann über die Konkurrenz zwischen Gladbach und Rheydt, die viel gescholtenen Richtlinien und Satzungen und die Frage, ob sie Karnevalsprinzessin werden will.

Wie schnell begreift man als Auswärtiger den Gladbach-Rheydt-Streit?

Gersmann Solche Konflikte gibt es in vielen Städten. Ich komme ursprünglich aus Hagen, und dort gibt es eine gern zelebrierte Konkurrenz zwischen Hagen und Hohenlimburg. Allerdings ist Hohenlimburg nicht so groß wie Rheydt. Das ist also nicht so unüblich, dass sich ein gallisches Dorf gegen eine Übermacht wehrt. Aber an die Vehemenz, mit der das teilweise zwischen Gladbach und Rheydt ausgetragen wird, muss man sich gewöhnen. Überraschend finde ich, dass gerade die jüngere Generation unter 40 Jahren die Unterscheidung hoch hält. Gesunde Konkurrenz finde ich befruchtend und positiv, aber die Schärfe tut nicht gut.

Haben Sie ein RY auf Ihrem Nummernschild?

Gersmann Nein, aber wenn es ein eigenes Rheydter Kennzeichen gäbe, hätte ich Ry-MG. Rheydt und Gladbach sind schließlich eine Stadt.

Ist das alles nur Folklore oder gibt es wirklich Unterschiede? Welche Vorzüge hat Rheydt?

Gersmann Rheydt hat einen ganz anderen Innenstadtkern, ein Viereck, in dem man ganz anders unterwegs ist als auf der Hindenburgstraße. Der Triathlon hat diese Vorteile noch mal aufgezeigt. Rheydt hat außerdem eine andere Struktur des Handels mit seinen inhabergeführten Geschäften, einen belebten Markt, dem schönen Rathaus und der tollen Hauptkirche. Die Innenstadt hat den besonderen Charme der 50er Jahre, das muss nicht jedem gefallen, aber es sind Unterschiede. Mir persönlich gefällt die Rheydter City besser. Das Minto wendet sich ja vor allem ans junge Publikum. Rheydt kann sich anders positionieren.

Also kann das Minto auch ein Segen sein?

Gersmann Segen würde ich es nicht nennen, aber man muss auch keine Angst haben. Es geht darum, die Unterschiede zu betonen und die Vorteile von Rheydt herauszuarbeiten. Vor allem aber geht es nicht darum, Rheydt gegen Gladbach zu positionieren. Es ist belebend, wenn beide Stadtzentren unterschiedliche Stärken haben.

Ist Rheydt in Ihren Augen ein A- oder ein B-Zentrum?

Gersmann Diese Diskussion halte ich wirklich für kontraproduktiv. In Rheydt tut sich an so vielen Stellen etwas, und dann kommt die Verwaltung und will das Zentrum zum B-Zentrum herunterstufen. Das ist vom Timing und vom Inhalt her sehr unglücklich. Wir haben eine Stadt mit zwei A-Zentren.

Rheydt soll jung, kreativ und sexy sein. Was wünschen Sie sich nach Rheydt?

Gersmann Rheydt in Richtung Hochschule zu öffnen, wäre ein richtiger Schritt. Die Studenten-Wohnungen, die gerade gebaut werden, passen zu dieser Ausrichtung. Ich hätte gern so etwas wie das V16 mit seinem Angebot an Start-ups und Kreative in Rheydt, aber dafür muss man ein passendes Gebäude finden. Das Projekt "Schauzeit" geht in diese Richtung. Ich habe mich sehr gefreut, dass so viele Lokale mitmachen und junge Unternehmen und Künstler sich präsentieren können. Die alte Commerzbank mit ihrem Tresorraum bietet beispielsweise ein tolles Ambiente.

Ein Bündnis aus Gastronomie und Handel äußert Kritik an der geplanten Gestaltungsrichtlinie und der Werbesatzung. Auch der Denkmalschutz für die 50er-Jahre-City wird kritisiert. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Gersmann Ich denke, dass die Reglementierung der Werbung gut ist, zumal ja vorhandene Anlagen Bestandsschutz haben. Bei der Gestaltungsrichtlinie teile ich die Kritik. Sie ist zu kleinteilig. Es ist wichtig, dass die Außengastronomie einen hochwertigen Eindruck macht, aber man muss nicht alles vorgeben. Ich habe zum Beispiel von einem Gastronom gehört, dass er etwas Hochwertigeres als Rattan verwenden möchte. Aber das wäre nicht möglich, wenn die Richtlinie umgesetzt wird. Ich glaube aber auch nicht, dass die beiden großen Parteien das so beschließen werden.

Und die 50er-Jahre-Architektur? Passt die zu dem Anspruch, jung, kreativ und sexy zu sein?

Gersmann Das muss sich nicht widersprechen. Die Rheydter Innenstadt hat etwas sehr Eigenes, auch wenn einiges sich nur Fachleuten erschließt. Es geht ja nur darum, die Struktur und die Merkmale zu erhalten. Nicht jedes einzelne Haus wird unter Denkmalschutz gestellt. Und warum soll man dann nicht jungen kreativen Wein in diese alten Schläuche füllen?

Wie wichtig ist Karstadt für Rheydt?

Gersmann Die Einigung ist ein wichtiges Zeichen. Rheydt braucht sicher einen großen Textiler, um sich von kleineren Zentren abzuheben. Allerdings glaube ich nicht an den Zusammenbruch der Rheydter City, wenn es Karstadt nicht mehr geben sollte.

Der Triathlon war trotz mancher organisatorischer Pannen ein großer Erfolg. Kann diese Veranstaltung zu einem Aushängeschild für Rheydt werden?

Gersmann Es war ein sehr cooler Gedanke von MGMG, den Triathlon in Rheydt zu veranstalten. Es war zwar ein großer Aufwand damit verbunden, aber Triathlon läuft im Augenblick sehr gut und zieht neue Besucher in die Stadt, die sonst vielleicht nicht gekommen wären. Dass der Triathlon mitten in der Stadt stattfindet, ist auch bei den Athleten gut angekommen. Die Veranstaltung kann sicher noch ausgebaut werden.

Haben Sie Ihren Frieden mit der Gladbacher SPD geschlossen?

Gersmann Ich bin jetzt seit einem Jahr Bezirksvorsteherin, und ich glaube, der eine oder andere Vorbehalt ist abgebaut worden.

Opposition ist Mist. Und Groko?

Gersmann Eine Kooperation hat immer Höhen und Tiefen. Aber die Groko bietet die Chance, Dinge anzupacken, die man mit knapperen Mehrheiten nicht anfasst wie das Kompetenzzentrum Sauberkeit. In der Kommunalpolitik gibt es aber ohnehin viele einstimmige Beschlüsse. Die Parteien unterscheiden sich in den großen Linien, aber auf kommunalpolitischer Ebene liegt man gar nicht so weit auseinander. Es macht wenig Sinn, an Gräben zu kämpfen, die keine sind. Bei den Haushaltsberatungen wird aber jede Partei ihre Schwerpunkte setzen wollen.

Welche Schwerpunkte sehen Sie?

Gersmann Die Fortsetzung der sozialen Projekte in Rheydt liegt mir am Herzen. Rheydt ist kein sozialer Brennpunkt, aber es gibt dort Menschen mit einem hohen Förderbedarf und eine große Fluktuation. Für diesen Stadtteil muss man mehr tun.

Hätten Sie Verständnis dafür, wenn die Bundes-SPD keinen eigenen Kanzlerkandidaten aufstellt?

Gersmann Das ist wirklich eine bekloppte Idee. Eigentlich müsste es ein Parteiordnungsverfahren gegen Albig geben.

Was halten Sie für wahrscheinlicher: Dass die SPD den Bundeskanzler stellt oder dass die Borussia die Champions League gewinnt?

Gersmann Beides wäre doch schön. Aber ernsthaft: Die Politik wird durch die sozialen Medien immer schnelllebiger und unkalkulierbarer. Die herkömmlichen Regeln gelten nicht mehr, Personen können sehr schnell abstürzen. Ich sehe das mit Sorge.

Wo werden wir Sie in Zukunft eher sehen - im Landtag oder als Karnevalsprinzessin? Was werden Sie in sechs Jahren tun?

Gersmann Also Berufspolitikerin muss ich nicht werden. Ich habe einen anderen Beruf gelernt, der mir sehr viel Freude bereitet. Allerdings: Wenn die Partei riefe, wer bin ich, dass ich dann Nein sage? Ich kann mir aber auch gut vorstellen, mich nach der Zeit als Bezirksvorsteherin irgendwo anders ehrenamtlich einzubringen. Das muss nicht die SPD sein.

Also doch Karnevalsprinzessin?

Gersmann Ich finde das Ornat schon sehr schön. Aber eigentlich möchte ich in zehn Jahren MKV-Chefin sein...(lacht)

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN RALF JÜNGERMANN, ANGELA RIETDORF UND DIETER WEBER.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Interview Barbara Gersmann (spd): Rheydt ist doch kein B-Zentrum


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.