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Mönchengladbach
Robert Wicke bringt den Beat in die Manege

Mönchengladbach: Robert Wicke bringt den Beat in die Manege
Robert Wicke ist Publikumsliebling in der Manege. Er ist Comedian, Jongleur und Beatboxer. FOTO: Bertrand Guay/Roncalli
Mönchengladbach. Der Comedian ist der Liebling im Circus Roncalli. Er kann nicht nur jonglieren, er ist auch ein lebendiges Instrument. Von Beate Wyglenda

Wir machen einen kleinen musikalischen Übungskurs: Pressen Sie die Zunge fest an den oberen Gaumen. Nun saugen Sie Luft ein, während die Außenseiten der Zunge wieder vom Gaumen gelöst werden. Wenn alles gut klappt, sollte der Ton "kch" herauskommen. Danach können Sie ein "B" intonieren. Der Ton sollte aber möglichst tief unten durch die Lippen gepresst werden, so dass diese zu vibrieren beginnen und ein tiefer Sound entsteht. Noch mit lockeren Stößen der Zungenspitze gegen die oberen Schneidezähne zwei "Tz" hervorbringen - und die erste Übung ist geschafft, die Sie in der Folge "kch-B-Tz-Tz" noch einige Male wiederholen können. Wozu das Ganze? Nun, Robert Wicke erntet damit frenetischen Beifall im Circus Roncalli. Und nein, Wicke spricht nicht switzerdeutsch. Der 41-Jährige ist Beatboxer.

Was in den 80er-Jahren als Geräuschuntermalung zum Rap in der Hip-Hop-Szene begann, hat der Publikumsliebling vom Circus Roncalli zur Kunst- und Kommunikationsform erhoben. Wenn er in der Vorstellung aus seinem imaginären Koffer erdachte Schallplatten herausholt und am Boden zerschellen lässt, dann braucht er nicht mehr als seinen Mund als "Instrument", um das Geschehen lautmalerisch lebendig zu machen. Mit seinen Kicks (b), Hi-Hats (tz), Snares (pf) und Inward-Snares (kch) erzeugt er eine Klangwelt, die nicht nur die Ohren, sondern auch die Vorstellungskraft erreicht. "Für mich ist Beatboxing eine Form von Sprache", sagt Wicke. Die allerdings nicht beschreibt, sondern illustriert.

So sehr diese Kunstform heute fasziniert, allein darauf will Wicke nicht reduziert werden. Er sieht seinen Schwerpunkt in der Comedy, und auch die Jonglage stand noch vor dem Beatboxen. "Am Jonglieren reizt mich vor allem dieser Eindruck von Schwerelosigkeit", sagt der Comedian. "Ich habe mit einem Freund schon in der Schulzeit mein Taschengeld mit Auftritten verdient." Später stiegen die Kumpel in einen VW-Bulli und tourten mit einer ausgefeilten Straßenshow gemeinsam durch ganz Europa. "Dabei habe ich gelernt, mit Dramaturgie umzugehen", sagt der Hannoveraner. "Zeigt man im Zirkus oder Theater keine gute Show, erntet man vielleicht noch höflichen Applaus, auf der Straße aber muss man die Leute von Anfang bis Ende mitreißen, anderenfalls gehen sie einfach weiter."

Alleine zog es den Künstler auch in die weite Ferne, er trat in Australien und Asien auf. Allein in Japan war er dreimal für jeweils drei Monate. Dort hat er sein Beatboxing auch zunehmend verfeinert, bis es eine Kommunikationsform ganz ohne Worte war. "In Japan können viele Menschen kein Englisch sprechen und ich spreche kein Japanisch", erklärt Wicke. "Also musste ich mir irgendwie selbst helfen und hab übers Betboxen die Leute erreicht."

Wichtig ist ihm die Interaktion mit seinem Publikum. "Selbst Nummern, die ich seit Jahren zeige, bleiben dadurch spannend, weil man nie genau weiß, was passiert", sagt Wicke. Manche Menschen sind eher schüchtern, wenn der Jongleur sie auffordert, zu assistieren. Andere freuen sich wie Kinder, und einige nutzen die Bühne, um sich zu profilieren. Unvergessen bleibt Wicke eine Dame, die er für seinen klassischen Schlussakt auswählte. Sie sollte zu ihm auf die Bühne und ihm Jonglierkeulen zuwerfen. Doch als die Frau aufstand, stellte sich heraus, dass sie gehbehindert ist. "Ich habe für den Bruchteil einer Sekunde überlegt, ob das funktionieren kann", erzählt der Künstler. "Doch die Frau hat sich so gefreut, also haben wir es probiert." Am Ende war nicht nur das Publikum ergriffen, für die Zuschauerin und für Wicke war es ein prägendes Erlebnis.

Dass der Straßenkünstler letztlich in der Manege vom Circus Roncalli gelandet ist, ist einem Zufall zu verdanken. Nach langer Reise zurück in seiner Heimatstadt, wurde Wicke von einem Theater aus Hannover engagiert. Dann ist ein Kollege im Varieté "Apollo" ausgefallen, das zur Roncalli-Familie gehört. Wicke sprang ein und hat das Interesse von Zirkusdirektor Bernhard Paul erweckt. "Das Zirkusleben ist enorm spannend", sagt Wicke. "Es sitzen fast 1500 Menschen im Zelt und trotzdem besteht diese besondere Nähe. Man kann mit der Atmosphäre spielen."

Das macht Wicke in beeindruckender Weise, wenn er zum Ende der Vorstellung das ganze Publikum dazu bewegt, das Brahmsche Wiegenlied "Guten Abend, gute Nacht" zu singen. Das hat der zweifache Vater abends stets seiner Tochter vorgesungen. Als sie trotzdem nicht einschlafen wollte, hat er es einfach mit seinen Beats garniert.

Quelle: RP
 
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