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Mönchengladbach
Salz im Klassenschrank, Dill auf der Fensterbank

Der Gladbacher Lunch-Report
Der Gladbacher Lunch-Report FOTO: Bettina Zimmermann
Mönchengladbach. Unser Lunch-Report zeigt das Mittagessen in Gladbach: In der Schule salzt man gerne nach, in der Mensa ist das nicht nötig, Polizisten wünschen sich Rohkost und Senioren sehnen sich nach Bratkartoffeln. Von Bettina Zimmermann

Dienstag 11 Uhr. Wir treffen Sebastian Peschel (28), Student im vierten Semester Oecotrophologie. Er begleitet uns in die Mensa der Hochschule Niederrhein. Dort erwartet uns Küchenleiter Oliver Schwager (45).

Schnell füllt sich die Mensa. Glas, helles Holz, Terrakotta-Fliesen. Wie jeden Tag gibt es drei Gerichte: Lasagne für 1 Euro, vegetarische Käsetortellini für 1,20 Euro oder Spaghetti mit Ratatouille für 2,75 Euro.

"Man denkt, in meinem Studiengang bevorzugen viele eine vegane oder vegetarische Ernährung, doch die meisten sind von einer gesunden Mischkost überzeugt", sagt Peschel und entscheidet sich für Spaghetti. Portionen entsprechen dem kalorischen Bedarf eines Studierenden. "Auch nach dem Essen soll die Leistungskurve nicht abfallen", sagt Schwager. "Erdbeeren, Apfelsaft und Kartoffeln - wir versuchen, so viel wie möglich von regionalen Bauern einzukaufen."

Mit drei Köchen und 20 Mitarbeitern bringt der gelernte Fleischer und Koch täglich zwischen 11.30 und 14.15 Uhr rund 800 Mahlzeiten auf den Tisch. "Die Inhaltsstoffe unserer Rezepturen sind auf den Menü-Plänen ausgewiesen" erklärt der Chefkoch. Peschel hat sich inzwischen durch seine 350 Gramm Pasta durchgefuttert, angeregt spricht der gelernte Systemgastronom mit dem Mensaleiter über die Trends in der Küche wie die "Sous-vide"- und "Cook-and-Chill"-Verfahren. Die Nudeln waren al dente, Schnittlauch war drüber gestreut, die Soße war tomatig, das Gemüse als solches erkennbar. "Die Nudeln sind schon mal versalzen," meint er. "Vielleicht war der Koch verliebt", scherzt Schwager. Heute aber nicht. Und der Nachtisch? "Der Gries-Pudding ist okay, die rote Grütze intensiv," aber eigentlich ist er schon satt. Gesamturteil: Leckeres Essen, zufriedene Studierende und verliebte Köche.

Mittwoch 11.30 Uhr. Pfannkuchentag im Polizeipräsidium an der Theodor-Heuss-Straße. Hausmeister Peter Welters (54) und Unterkunftsarbeiter Achim Elbert (51), sitzen am Tisch. Kantinenbetreiber Jürgen Goertz (58) serviert fluffige, fettglänzende, goldgelbe Pfannkuchen. Die Pfannkuchen kosten 3,50 Euro. Ein Eintopf kostet 2,90 Euro. Einen Tisch weiter sitzen acht Schülerpraktikanten vor suppentellergroßen Portionen Fritten mit Mayonnaise - goldglänzend. Im Speiseraum der ehemaligen Kaserne finden fünfzig Personen Platz. Goertz hat seit zwanzig Jahren einen Pachtvertrag.

Der gelernte Koch und Restaurantfachmann zahlt nach dem Erlass des Ministeriums zur Niedrighaltung der Preise keine Pacht und keine Energiekosten. Personal braucht er nicht, bleiben die Einkaufskosten. "Seit ich weniger Einsatztüten mache, ist es für mich von den Kosten her eng geworden", meint er. Einsatztüten sind Proviant-Pakete für den Außendienst, mit belegten Brötchen und Schnitzeln. Inzwischen sitzt auch Jürgen Mülfarth (60) Leiter des Dezernats Z A1 vor einem Pfannkuchen. "Im Rahmen des behördlichen Gesundheitsmanagements spielt die Ernährung eine wichtige Rolle - eine gut funktionierende Kantine verursacht zwar Kosten, aber wir müssen den Mitarbeitern ein Angebot machen", sagt er. Mülfarth ist stellvertretender Projektleiter bei der Planung des neuen Präsidiums. Da wird es auch eine neue große Kantine geben.

Nachmittags sprechen wir mit Polizeihauptkommissarin Tina Giunta (45) "Die Kollegen brauchen, um leistungsfähig zu bleiben, eine angemessene Energiezufuhr - also hohe Nährstoffdichte bei adäquatem Kaloriengehalt", sagt die Diplom-Oecotrophologin. "Konkret heißt das: weg von Schnitzel, Pommes, Currywurst." Das Verhältnis von Kohlenhydraten (55 Prozent), Proteinen (30 Prozent) und Fetten (15 Prozent) soll ausgewogenen sein. Langsam abbaubare Kohlenhydrate wie "Hülsenfrüchte, Gemüse, Vollkornbrot" seien Energielieferanten.

Sie empfiehlt "fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag, ein Drittel als Rohkost." Viele Polizisten arbeiten im Wach- und Wechseldienst. Giunta: "Das geht total gegen den Biorhythmus." Nachts um drei habe der Körper einen Tiefpunkt, sei "auf Sparflamme". Aber Polizisten müssten die gleiche Leistung erbringen wie am Tag. Da bräuchten sie leicht verdauliche, eiweißreiche Kost: Milchprodukte, mageres Fleisch, Gekochtes sei Gebratenem vorzuziehen. "Bei der Ausschreibung werden wir auf ein optimiertes Angebot hinwirken", so Giunta. Fazit: Noch gibt's in der Polizeikantine Soul-Food, nach dem Umzug wird sich das ändern.

Donnerstag 12.20 Uhr. Hauptschule Kirschhecke. Nele (12), Lisa (13), Kosta (14) und Fabian (14) werden in der Schulcafeteria von Sieglinde Lücke (54) erwartet. Seit 2008 leitet die gelernte Verkäuferin und Mutter einer ehemaligen Schülerin die Cafeteria. Das Essen wird geliefert. Es gibt drei Gerichte. Vorbestellt und bezahlt wird in der Klasse. Nele hat den Backfisch mit Rahmspinat, Lisa und Kosta Currywurstgulasch mit Pommes und Blattsalat und Fabian die Salatplatte mit Chicken-Nuggets. Klassenlehrerin Nicole Rosenstein (43) bedauert, dass von den 470 Schülern nur etwa 25 täglich essen.

Dabei könnten 75 Kinder in der Cafeteria Platz finden. Der Unterricht geht täglich bis in die Nachmittagsstunden. Viele Kinder sind hungrig. "Ist mal ein Essen übrig, und ich frage, wer es möchte, melden sich viele", sagt die Lehrerin. Die Gründe für die geringe Auslastung seien vielfältig, manchen Eltern sei es lästig oder zu teuer, den Kindern das Geld mitzugeben. Eine Mahlzeit kostet drei Euro, mit behördlicher Unterstützung 1 Euro. Viele scheitern schon am Ausfüllen der Antragsformulare, auch gebe es Vorurteile gegen das gelieferte Essen. "Schön wäre frisch gekochtes Essen, eine andere Kochkultur, aber das ist finanziell und organisatorisch mehr Aufwand", sagt Rosenstein.

Und: "Wenn das Essen umsonst wäre, würden sicher viel mehr Kinder essen." Die vier haben aufgegessen. "Ich mag Pizza, Nudeln und Salat", sagt Fabian, "beim Essen treffe ich Kosta, wir sitzen dann zusammen und reden." Und Nele: "Fisch mit Spinat ist mein Lieblingsessen." Lisa erzählt: "Wir haben in der Klasse im Schrank einen Salzstreuer, den nehmen wir mit, manchmal ist es nicht salzig genug." Fazit: Alles da - aber wo sind die Kinder? Hier müsste dringend was passieren.

Freitag 10 Uhr. Marion Stroemer (46) Leiterin der Zentralküche der Sozialholding stimmt mit Koch Stefan Rohde (40) Änderungen ab. Es gibt heute statt der Banane Erdbeeren zum Nachtisch. Dann erklärt sie uns die Vorzüge des Cook-and-Chill-Verfahrens, das für optimale Frische der Speisen sorgt. Diese werden zu 80 Prozent gegart, im Kühlraum runter gekühlt, ausgeliefert und fertig gegart. "Regeneriert", sagt sie. Vitamine und Nährstoffe blieben anders als beim Warmhalten erhalten.

620 Essen für Altenheime, 160 Mahlzeiten für "Essen auf Räder", Lieferungen im Großgebinde für ein Krankenhaus und die Mittagessen für eine Schule werden jeden Morgen gekocht. Morgens um sechs beginnt der Tag mit der Warenkontrolle der frisch angelieferten Zutaten, dann wird gekocht, geplant, bestellt, gegen elf, wenn in anderen Küchen der Stress beginnt, ist alles fix und fertig in den Kühlkammern, wird in glykolgekühlten Bankettwagen verfrachtet und geht auf die Reise. Wir folgen einer Lieferung mit dem Auto zehn Minuten durch die Stadt.

Freitag 12.10 Uhr. Altenheim Lürrip. Speisesaal. Fünf Bewohner sitzen mit Sozialbetreuerin Margritt Hardeloff-Jansen (52) und Heimleiter Ulrich Jansen (47) zu Tisch, Alltagsassistentin Elke Schmidtlein (56) serviert Tassen mit Sellerie-Süppchen. Heiß, salzig und gemüsig, bestimmt sehr bekömmlich. Jetzt kommt das Hauptgericht. Hilger Hansschuhmacher (92) hat Milchreis mit Pflaumenkompott, das Gericht hat das "Cook-and-Chill"-Verfahren offenbar gut überstanden. Prekärer ist die Lage allerdings auf den Tellern mit dem Seelachs.

Die Petersilienkartoffeln sind schmackhaft, die Remoulade ist frisch gerührt, nicht aus der Packung, aber der Fisch, umhüllt von einer aufgequollenen Panade... nun ja, freudlos. Im Großen und Ganzen sei man zufrieden, sagt Charlotte Zagelow (92). Problematisch sei das Lieferverfahren für knusprige Speisen - mit Bratkartoffeln habe man schon Enttäuschungen erlebt. "Wir haben im Balkonkasten Dill angepflanzt - manchmal fehlt halt ein bisschen das Frische."

Es ist soweit: Die Erdbeeren werden serviert, garniert mit einem Sahnehäubchen, super lecker. Kurze Irritationen gibt es jedoch, steht denn da nicht an jedem Platz eine Glasschale mit, ja was eigentlich? Birnenkompott? "Das sind doch die Senfgurken zum Fisch!", ruft die Assistentin. Alle blicken etwas betreten, die Gurken werden schnell abgeräumt, die Tafelrunde wendet sich dem Dessert zu. Fazit: Gesund ist das Essen, hat aber etwas "Vorfabriziertes". Hausmannskost ist es nicht. Hin und wieder fehlt etwas Dill.

Quelle: RP
 
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