| 00.00 Uhr

Mönchengladbach
Schiedsrichterinnen pfeifen auf Vorurteile

Mönchengladbach: Schiedsrichterinnen pfeifen auf Vorurteile
Die Schiedsrichterinnen Sophie Wessel (l.) und Julia Oversberg zeigen den Spielern auf dem Platz, wo es langgeht. FOTO: Jörg Knappe
Mönchengladbach. Sophie Wessel und Julia Oversberg zeigen im Ligaalltag nicht nur Frauen, sondern auch Männern die Gelbe oder Rote Karte. Oversberg durfte bereits ein Mädchen-Spiel von Celtic Glasgow in Schottland leiten. Von Lisa Tellers

Beim Betreten des Platzes gibt es skeptische Blicke: "Eine Frau pfeift unser Spiel?" Spätestens nach dem ersten Pfiff merkt aber jeder auf dem Platz: Auch Frauen können ein Fußballspiel mit 22 Männern leiten. Der Ton auf dem Feld ist schroffer, die Spiele oft hektisch. Das aber ist der ganz normale Ligaalltag für Julia Oversberg (23) und Sophie Wessel (18). Beide gehören zu den wenigen aktiven Schiedsrichterinnen im Kreis Mönchengladbach-Viersen.

Sie leiten jedes Wochenende Kreisliga-B- oder Jugendspiele. "Als Schiedsrichterin hat man 22 Teufel auf dem Platz. Ich versuche, das Spiel nicht gegen sie zu leiten, sondern das Spiel mit den Teufelchen gemeinsam zu führen", sagt Oversberg. Die 23-jährige Dual-Studentin pfeift für den VfB Hochneukirch seit fünf Jahren Männer- und gelegentlich Frauenspiele. Auch Sophie Wessel wird im Freundeskreis häufig gefragt: "Wie kannst du dir das antun, dich von 22 Männern anschreien zu lassen?", erzählt die 18-Jährige, die für den Tus Wickrath seit fast drei Jahren Männer- sowie Frauenspiele pfeift. "Gleichzeitig merke ich aber, dass ich viel Anerkennung und Respekt in meinem Umfeld erhalte, weil die meisten wissen, wie es auf den Fußballplätzen abgeht", sagt Wessel.

Seit sechs Jahren spielt sie auch Fußball, momentan in der Niederrheinliga. Durch das Pfeifen hat sich ihre Spielweise verändert. Auf dem Spielfeld ist sie ruhiger geworden, und in kritischen Situationen pfeift sie oft ihre Kolleginnen zurück. Sie weiß schließlich am Besten, wie schwer es als Schiedsrichterin ist.

Kritische Situationen, Ausschreitungen oder respektlose Spieler seien allerdings die Ausnahme, sagen beide. "Nach den Spielen kommen die Trainer schon mal zu mir und sagen: Ich habe in der Kabine meinen Jungs extra eine Ansage gemacht und ihnen gesagt, sie sollen sich benehmen", erzählt Oversberg lachend. Das sei meist gar nicht nötig. "Ich fühle mich immer akzeptiert. Klar testen Jungs anfangs, wie weit sie gehen können, aber spätestens nach dem ersten Pfiff hat man sich den Respekt erarbeitet", ergänzt Wessel. Eine tiefe, feste und laute Stimme sei die Erfolgsformel, um von den Kickern in einem Einzelgespräch ernstgenommen zu werden. Oft seien es eher die Zuschauer oder Trainer, die ein Spiel aufheizen und aggressiver machen.

Bevor sich die beiden Schiedsrichterin nennen durften, mussten sie einen Lehrgang besuchen und am Ende den schriftlichen Regeltest bestehen. Auch wenn man bereits Spiele leitet, steht einmal im Monat eine Schulung an. 14 Jahre muss man mindestens alt sein - und einen Fußballverein haben, für den man pfeift, um an den Schiedsrichter Lehrgängen teilzunehmen.

Das Schiedsrichterwesen hat beiden in der Persönlichkeitsentwicklung geholfen. "Früher konnte ich nie Vorträge halten und vor Menschen sprechen. Seitdem ich Schiedsrichterin bin, habe ich unglaublich an Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen dazugewonnen und kann meine Entscheidungen verteidigen", sagt Wessel. Dazu kommt der Vorteil, dass die Mädels sich mit ihrem Hobby ein kleines Taschengeld dazuverdienen können. Pro Kreisligaspiel gibt es 17 Euro. Dass die Fußballschuhe und alles, was über zwei Trikotsätze hinausgeht, selbst beschafft werden muss, können beide verkraften. Beide pfeifen übrigens lieber Männer: "Männerfußball ist klarer, man sieht das Foulspiel. Die Frauen machen das geheimer. Hier mal ein Kniff, da mal am Trikot ziehen, das ist alles unübersichtlicher", sagt Wessel.

Oversberg durfte dieses Jahr auch den schottischen Fußball kennenlernen. Ein Auslandssemester in Glasgow ermöglichte ihr die Chance, dort Frauenspiele zu leiten. Die Spielweise sei härter. Auf den Lehrgängen würden viele Spielszenen analysiert, besonders werde aber auf die Mimik der Spieler geachtet - das kannte sie aus Deutschland nicht. Auch seien die Schiedsrichter dort viel strenger als zuhause.

Höhepunkt ihres Trips war, dass Mädchen-Spiel von Celtic Glasgow zu leiten. So kam Oversberg auf den Geschmack später vielleicht einmal Bundesliga zu pfeifen. Dafür reicht momentan die Zeit jedoch nicht. Denn: "Dafür muss man erst einmal zeigen, dass man präsent ist", sagt Wessel. Bis dahin sieht für sie der Ligaalttag folgendermaßen aus: freitags abends als Assistentin im Einsatz, samstags morgens um 11 Uhr ein Jugendspiel pfeifen, sonntags morgens selber Fußballspielen und oftmals sonntags noch ein Kreisligaspiel pfeifen - präsent sein eben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mönchengladbach: Schiedsrichterinnen pfeifen auf Vorurteile


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.