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Serie Denkanstoss
"Schiller macht Schule"

Serie Denkanstoss: "Schiller macht Schule"
Die katholische Hauptschule Rheindahlen bekommt einen neuen Namen. Sie wird nach Anna Schiller benannt, die das Wenige, was sie besaß, mit den Armen und Obdachlosen teilte. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Die katholische Hauptschule wird in "Anna-Schiller-Schule" umbenannt. Darüber freut sich unser Autor. Von Ulrich Clancett

"Schiller macht Schule": mein erster Gedanke nach der Berichterstattung dieser Woche. Was für eine großartige Initiative für die Erinnerung an eine großartige Frau: Die katholische Hauptschule Rheindahlen wird in "Anna-Schiller-Schule" umbenannt. Damit erhält die Stadt Mönchengladbach einen weiteren Erinnerungsort an die Frau, die am 28. November 1976 unverheiratet verstarb und mit ihrem Leben ein einzigartiges Zeugnis für Nächstenliebe hinterließ. Die gebürtige Böhmin arbeitete deutschlandweit als Dienstmädchen und Haushaltshilfe, zuletzt eben in Mönchengladbach. Dort bewohnte sie bis ins hohe Alter eine Dachgeschosswohnung an der Hindenburgstraße 325 - ohne Heizung und fließendes Wasser. Bei den Verdienstmöglichkeiten in Haushalten vor während und nach zwei Kriegen kann man sich leicht ausrechnen, dass sie fast mittellos in ihren Ruhestand ging. Und dennoch war sie bei den Armen und Obdachlosen in Mönchengladbach bekannt und beliebt, weil sie das Wenige, was sie besaß, mit ihnen teilte.

Der unvergessene Propst Edmund Erlemann hat immer wieder an diese Frau erinnert und etwa dafür gesorgt, dass im Kreuzgang des Münsters nach der Auflassung ihres Grabes die schlichte Grabtafel an sie erinnert. Dort steht neben den Lebensdaten ein Zitat aus dem Buch der Sprüche im Alten Testament zu lesen: "Sie öffnete ihre Hand für den Armen." Und Erlemann hat den Münsterschatz um eine bemerkenswerte Reliquie Anna Schillers ergänzt - ihren "Nachlass". Es ist ein schlichter, kleiner Karton mit den Habseligkeiten, die man nach ihrem Tod neben einigen alten Möbeln in ihrem ärmlichen Zimmer fand. Ihr Taufschein, ihr Gesindebuch, ein Foto, das Stammbuch ihrer Schwester, einige Postkarten und Briefe - das war's. Propst Erlemann fügte diesen Karton dem goldglänzenden Schatz der Münsterbasilika bei - denn das sei ein wahres Zeugnis des Glaubens, das Anna Schiller durch ihre selbstlose Art abgelegt hatte. Und so ist das Andenken an Anna Schiller in ihrem äußerst bescheidenen Nachlass bis heute zwischen kostbaren Goldschmiedearbeiten vergangener Jahrhunderte zu entdecken. Dabei hätte sie gar nicht verarmt sterben müssen, hatte sie doch kurz vor ihrem eigenen Tod eine ansehnliche Erbschaft ihrer Schwester gemacht - immerhin fast 200.000 Euro. Doch dieses Vermögen stellte sie dem Verein "Wohlfahrt" zur Verfügung, der damit das nach ihr benannte Haus für obdachlose und bedürftige Menschen eröffnete, welches jetzt an der Bettrather Straße in Nachbarschaft zum Franziskanerkloster liegt. "Ich brauche das Geld nicht, ich habe alles, was ich brauche", hatte sie Edmund Erlemann damals gesagt, der sie gefragt hatte, ob sie sich ihre Idee, alles den Armen zu geben, angesichts ihrer eigenen Situation gut überlegt habe.

So macht Anna Schiller durch die Umbenennung einer Bildungsanstalt in ihrer Wahlheimat Mönchengladbach auch über vier Jahrzehnte nach ihrem Tod noch Schule. Zu hoffen wäre, dass ihr Andenken und ihr Lebenszeugnis auch über die katholische Hauptschule Rheindahlen hinaus in Mönchengladbach Schule macht. Ganz konkret - denn das Geheimnis der Anna Schiller bestand zunächst nicht in der Tatsache, dass sie gab, obwohl sie selbst nicht viel hatte. Es bestand zuallererst darin, dass sie mit wachem Auge durch die Stadt ging und Armut wie Bedürftigkeit sah und dann einfach handelte - eben "die Hand dem Armen öffnete."

Die Umbenennung der Hauptschule Rheindahlen ist eine Mahnung an alle, die Augen in jeglicher Hinsicht für unsere direkte Umgebung offen zu halten und sich eine freie Hand zu bewahren, die sich für den Armen öffnet.

VON ULRICH CLANCETT IST PFARRER IN JÜCHEN UND REGIONALDEKAN.

Quelle: RP
 
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