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Mönchengladbach
Schnelles Gründen kann gelernt werden

Mönchengladbach: Schnelles Gründen kann gelernt werden
Eine kreative Kreuzung aus einer Ju 52 und einem Lego-Bauwerk – so warb der Digihub für das Event. FOTO: Digihub
Mönchengladbach. Neues, agiles Handeln und Denken im Mittelstand: Darum ging es jetzt bei einem innovativen Start-up-Format. Nicht zufällig hatte die Digitalisierungs-Plattform Digihub Düsseldorf/Rheinland dafür den Hugo-Junkers-Hangar ausgewählt. Von Angela Wilms-Adrians und Jan Schnettler

Der Hugo-Junkers-Hangar hat sich schon oft als beeindruckender Veranstaltungsort bewährt. Zur Praxiskonferenz des Digihub Düsseldorf/Rheinland, der neuen regionalen Plattform für das Thema Digitalisierung, bot die lichtdurchflutete Halle zudem eine symbolische Steilvorlage: Denn sie birgt das legendäre Flugzeug von Hugo Junkers, und der Pionier aus Rheydt war in den Augen von Peter Hornik so etwas wie der Steve Jobs seiner Zeit. "Es müssen schon einmal ganze Generationen von Gründern gelebt haben, sonst gäbe es das hier alles nicht", sagt der Geschäftsführer des Digihub und lässt den Blick über die "Tante Ju" schweifen. Die war Junkers' berühmtestes Werk, aber beileibe nicht sein einziges. Wie Gastgeber Thorsten Neumann eingangs erwähnte, erfand Junkers beispielsweise auch Gasthermen und verkaufte die Sparte später an Bosch.

Einen idealeren Prototypen für moderne Gründerkultur als Junkers hätte man sich also kaum malen - oder, modern ausgedrückt, mit dem 3D-Drucker erstellen - können. Denn: "Nur eine kommerzialisierte Erfindung ist eine Innovation", wie Peter Kitzer, Senior Technical Manager von 3M Deutschland, bei seinem Vortrag sagte. "Rapid Design und Prototyping" hatte Digihub die Konferenz zum Mitmachen überschrieben. "Rapid Design" bezeichnet den schnellen Entwurf und das schnelle Validieren von neuen Geschäftsmodellen und Plattformstrategien. "Rapid Prototyping" ist die schnelle Umsetzung und das schnelle Testen neuer Technologien und Produkte im realen Kunden- und Marktumfeld. Heißt: Ideen entwickeln und umsetzen ist das eine - sie zu monetarisieren, das andere.

Beide Ansätze erfordern in den Unternehmen ein neues Denken und Handeln. Dazu gehören der Verzicht auf umfassende Planbarkeit und die Bereitschaft zur Methode, über Versuch und Irrtum nach Lösungen zu suchen. "Wir möchten Unternehmer und Geschäftsführer mit jungen Start-ups zusammenführen und damit die Digitalisierung anpacken. Wir wollen Barrieren abbauen von oben nach unten, und wir wollen, dass die Leute mit klarerem Blick zum Thema Digitalisierung nach Hause gehen". So fasste Hornik die Hauptanliegen der Konferenz zusammen. Es war die sechste große Veranstaltung des im Dezember 2016 gegründeten Digihub, an dem Mönchengladbach über seine Wirtschaftsförderung beteiligt ist, und die erste außerhalb Düsseldorfs. Der Vormittag stand im Zeichen von Wissensvermittlung, der Nachmittag im Zeichen interaktiver, durchaus spielerischer Formate, in Kooperation mit den Firmen IOX Lab, Redplane und Ecodynamics. "Uns ist der praktische Teil sehr wichtig", betonte Hornik das Anliegen, Digitalisierung für den Mittelstand greifbar und damit begreifbar zu machen.

OB Hans Wilhelm Reiners betonte, dass Digitalisierung ein Leitthema sein müsse. Stefan Hilgers sprach über den langen Weg von der Idee zum Milliardenmarkt beim Thermomix - und den damit einhergehenden Wandel des vormals nur als Staubsaugerhersteller bekannten Unternehmens Vorwerk. Peter Kitzer referierte über ein Baukastensystem für schnelle und immer neue Produktionsinnovationen bei 3M - ebenfalls ein Unternehmen, das sich von der Bergbaufirma zum Multitechnologiekonzern gewandelt hat. David Gram erklärte, wie die "Rapid"-Formate bei Lego bereits Erfolge gezeigt haben. Einigkeit herrschte bei allen Referenten darüber, dass neue Wege beschritten und neue Kooperationen eingegangen werden müssen, um Erfolg zu haben. Aber auch darüber, dass das Scheitern einer Idee nicht länger als Makel für die weitere Karriere begriffen werden dürfe. "Mit 25 gründete ich meine erste Firma. Es liegt in der Natur der Sache, dass beim ersten Mal nicht alles funktioniert. Doch der gewonnene Wissensstand ist ein Pfund und keine Bürde. Das muss man begreifen", warb Hornik am Beispiel eigener Erfahrung für eine veränderte Einstellung.

Die drei interaktiven Formate wurden jeweils zweimal angeboten, so dass sie nach Bedarf kombiniert werden konnten. Im "Business Model Camp" wurden die Teilnehmer in den kritischen Test neuer Geschäftsmodelle eingeführt, beim "World Café" praktische Erfahrungen von Unternehmen und Start-ups diskutiert. Im "Prototyping Lab" waren die Teilnehmer aufgefordert, mit Legosteinen, kleinen Sensoren und Elektroteilen Prototypen im Bereich Internet der Dinge zu bauen und damit physische und virtuelle Dinge zu vernetzen.

Andreas Bell von IOX Lab, das seinen in Düsseldorf aus 3D-Druckern hergestellten Roboter Bob vorstellte, betonte das Ziel, über haptisches Ausprobieren Verknüpfungen zu begreifen. Tatsächlich war der Spieltrieb geweckt. Schnell waren kleine Gefährte, blinkende und motorisierte Teile gebaut. Olaf Haube hatte mit wenigen Griffen ein Teil zusammengesteckt, das um sich selbst kreiste. Der Chief Information Manager ist durch seinen Beruf als Berater mit dem Thema Digitalisierung bestens vertraut. Bei der Konferenz gefielen ihm daher vor allem der praktische Aspekt der Workshops und die persönlichen Gespräche.

"Unser Auftrag ist, digitale Produktentwicklung zu fördern und dafür alle wichtigen Leute an einen Tisch zu bekommen", sagte Peter Hornik. Die härteste Nuss sei diesbezüglich der Mittelstand. Da passte es gut, dass unter den 200 Angemeldeten auch etliche Mönchengladbacher waren, wie Jan Renker von der Helmut Beyers GmbH, einem Hersteller elektronischer Baugruppen und Komplettsysteme. "Wir können ins Spiel kommen, wenn ein Start-up skalieren möchte und ein Produkt industriefertig werden soll", sagt Renker. "Wenn plötzlich nicht mehr nur ein Prototyp, sondern 500.000 Stück von einem Artikel entstehen sollen."

Quelle: RP
 
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