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Mönchengladbach
Schon ein kleiner Bordstein ist zuviel

So behindertengerecht ist Mönchengladbach
So behindertengerecht ist Mönchengladbach FOTO: Jörg Knappe (jkn)
Mönchengladbach. Wie behindertenfreundlich ist Gladbach? Die RP macht den Test und stellt fest: Es sind oft die kleinen Dinge, die Probleme bereiten. Von Laura Schameitat, Kilian Tress (Text) und Jörg Knappe (Fotos)

Das erste Problem stellt sich viel früher als gedacht. Von Neuwerk aus, wo wir unseren Rollstuhl abholen, wollen wir mit dem Auto nach Rheydt in die Innenstadt fahren. Als wir an unserem Kleinwagen ankommen, stehen wir erstmal etwas ratlos vor dem Kofferraum. Wie kriegen wir das Ding jetzt da rein? Wir legen die Rückbank um, ruckeln ein wenig hin und her, schließlich klappt es doch irgendwie.

Die Idee, sich einmal als Rollstuhlfahrer mit Begleitung durch die Stadt zu bewegen, kam uns, nachdem sich ein gehbehinderter Leser bei uns über das Rathaus in Rheydt beschwerte. Es sei ihm nahezu unmöglich, ins Sozialamt zu gelangen. Das wollten wir überprüfen und dabei gleich noch andere Stellen in der Stadt auf ihre Barrierefreiheit testen.

Ihre Sicht Es ist schwül heute und ich beneide meinen Kollegen nicht, dass er mich gleich stundenlang durch die Stadt schieben soll. Da habe ich doch den angenehmeren Part erwischt. Oder? Als wir den Rollstuhl in der Tiefgarage unter dem Rheydter Marktplatz aus dem Auto holen, habe ich dann doch einen Kloß im Hals. Es kostet mich einiges an Überwindung, mich hinein zu setzen. Man gibt irgendwie sofort seine Selbstständigkeit auf. Ich denke darüber nach, wie es wohl den Menschen gehen muss, die nicht am Ende des Arbeitstages wieder aufstehen und zu Fuß weiter laufen können.

Seine Sicht Wir parken nicht auf einem Behindertenparkplatz, weil wir bei unserem Test keinem wirklichen Rollstuhlfahrer den Platz stehlen wollen. Stattdessen nehme ich eine der normalen Parkbuchten. Meiner Kollegin dort vom Beifahrersitz in den Rollstuhl zu helfen - ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist zu eng. Mir wird sofort klar, dass Behindertenparkplätze eine Notwendigkeit sind.

Ihre Sicht Unsere erste Station ist das Rathaus in Rheydt, genauer gesagt: das Sozialamt. Wir nutzen die Rampe an Eingang F bei Karstadt. Rein kommen wir so ohne Probleme. Doch wie kommen wir jetzt zum Sozialamt? Das ist auf der anderen Seite des Rathauses, an der Limitenstraße. Ratlos stehen wir vor dem Aufzug, der nur nach oben, nicht aber in den anderen Trakt des Gebäudes führt. Um über den Innenhof zu laufen, müssten wir ein paar Treppenstufen überwinden.

Seine Sicht Ich finde nach kurzer Suche einen Übersichtsplan in einem Glaskasten. Im Stand - ich bin etwa 1,80 Meter groß - kann ich alles problemlos erkennen. Auch finde ich schnell den Eingang, der uns zum Sozialamt führen soll. "Eingang C/D" ist in weißen Lettern gesetzt. Das "D" ist allerdings hinter dem goldenen Rahmen des Kastens versteckt.

Ihre Sicht "Kann ich Ihnen helfen?" Diese Frage bekomme ich heute so oft gestellt wie niemals zuvor. Die Gladbacher sind sehr hilfsbereit. Aber was nutzt das, wenn man nun mal keine Treppen benutzen kann? Ein Mitarbeiter fängt an, für mich zu telefonieren. Schließlich erklärt er uns, dass wir am besten zu Eingang B an der Limitenstraße gehen sollen.

Seine Sicht Eingang B? Warum denn das? Ist Eingang C/D, der laut Plan zum Sozialamt führt, in dem jeder Mensch mit Behinderung Anträge stellen muss, etwa nicht barrierefrei? Ein kurzer Blick beweist: korrekt. Hier kann kein Rollstuhlfahrer hinein. Ab zu Eingang B.

Ihre Sicht Auf dem Weg zur Limitenstraße kreuzen wir das Standesamt, das rechts und links nur über Treppen zu erreichen ist. Heiraten könnte ich hier also nicht. Wir erreichen Eingang B. Auf den ersten Blick sieht alles gut aus, der Eingang ist ebenerdig. Doch die Tür, die ich nach innen aufdrücken muss, ist schwer. Alleine wäre das nicht zu schaffen. In dem extrem schmalen Aufzug fahren wir nach oben. Mein Rollstuhl passt hinein, aber auch andere Modelle? Zum Sozialamt kommen wir dann ohne Probleme. Zum Jugendamt würden wir allerdings nicht kommen. Eine Stufe versperrt mitten im Gang den Weg.

Seine Sicht Ich helfe meiner Kollegin, die Tür zu Eingang B zu öffnen. Aber mal im Ernst: Der barrierefreie Eingang F ist mit automatischen Türöffnern versehen. Die Notlösung B - der einzige Eingang, der mich als Rollstuhlfahrer zum Sozialamt führen kann, aber nicht? Wäre meine Kollegin heute auf sich allein gestellt, müsste sie bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, bis ihr jemand die Tür öffnet. Das ist wirklich kein selbstbestimmtes Leben.

Ihre Sicht Vom Amt gehen wir zum Bahnhof, über die gut besuchte Stresemannstraße. "Werde ich jetzt wohl angestarrt?", frage ich mich. Im Gegenteil. Die Frau, die in so jungen Jahren schon im Rollstuhl sitzen muss, interessiert niemanden großartig. Ich werde nicht häufiger angeschaut als sonst. Bei manchen Leuten habe ich sogar das Gefühl, sie gucken lieber schnell weg. "Lass mich mal ein Stück alleine versuchen", sage ich zu meinem Kollegen und versuche, aus eigener Kraft die Räder des Rollstuhls anzuschieben. An der leichten Steigung der Straße scheitere ich mit meinen wenig muskulösen Armen allerdings schnell.

Seine Sicht Wir müssen die Wilhelm-Schiffer-Straße überwinden - die stark befahrene B 230. Nachdem wir die erste Fahrbahn am Ampelübergang überquert haben und ich uns auf der Verkehrsinsel platzieren will, rutscht meine Kollegin plötzlich fast aus dem Stuhl. Was passiert ist? Die etwa drei Zentimeter hohe Bordsteinkante wirkte wie eine Wand und bremste abrupt. Für Ungeübte ist das keine leichte Übung.

Ihre Sicht Am Bahnhof haben wir keine Chance. Es gibt keinen Aufzug, an keinem einzigen Gleis. Klar, hier wurde ja auch schon seit Jahren nichts mehr investiert. Unfair ist es trotzdem. Den Stadion-Shuttle zum Borussia-Park könnte ich auch nicht nehmen. "Bitte Treppenaufgang benutzen", steht auf dem Schild, das die Shuttle-Nutzer informiert. Das ist ja wohl ein schlechter Scherz.

Seine Sicht Erbost kehren wir um. Allerdings mit dem Wissen, dass uns zumindest die neuen Niederflur- Busse zum Mönchengladbacher Hauptbahnhof bringen könnten und Busfahrer darauf getrimmt sind, uns beim Einstieg zu helfen.

Ihre Sicht Wir fahren mit dem Auto in die Gladbacher Innenstadt, testen zunächst mal unsere Redaktion. Da gibt es keine Probleme. Arbeiten könnte ich also auch im Rollstuhl. Dann kommt mein Kollege so richtig ins Schwitzen: Er muss mich die Hindenburgstraße bergauf schieben. Um eine Pause zu machen, legen wir einen Stopp im Minto ein. Das ist in Sachen Barrierefreiheit wirklich vorbildlich. Aber es ist eben auch brandneu. Bei alten Gebäuden wurde noch nicht so viel Wert auf diese Dinge gelegt.

Seine Sicht Im Minto kann ich getrost neben meiner Kollegin laufen. Sie kann den Rollstuhl gut selbst bedienen, per Aufzug bis in die oberste Etage fahren.

Ihre Sicht Wir wollen, wie auch in Rheydt, zum Rathaus. Das Kopfsteinpflaster und das Gefälle an der Rathausstraße führen dazu, dass ich mich ängstlich in meinen Armlehnen festkralle. Den Ratssaal erreichen wir nicht, es gibt keinen barrierefreien Zugang. Ein Mitarbeiter der Verwaltung, den wir auf dem Gang treffen, sagt, dass sich das bestimmt ändern würde, sobald ein Rollstuhlfahrer in den Rat gewählt werden würde. Doch viele Sitzungen sind öffentlich, jeder ist eingeladen, zuzuhören. Ein Rollstuhlfahrer könnte das nicht. Heiraten könnte ich hier, wie in Rheydt, ebenfalls nicht. Das Standesamt in der Rathausstraße ist für mich unerreichbar. "Es käme aber dann ein Standesbeamter raus", versichert uns der Mitarbeiter.

Fazit Vor allem hat uns beeindruckt, wie klein bisweilen die Hindernisse sind, die uns Probleme bereiten. Eine Bordsteinkante von zwei bis drei Zentimetern ist für einen Rollstuhlfahrer ohne Begleitung schon eine große Herausforderung. Ebenso schwere Türen, die nicht von selbst aufgehen. Denn um den Rollstuhl anzuschieben, braucht man beide Hände. Da kann man keine Tür mehr aufdrücken. Komplett selbstständig unterwegs zu sein ist wirklich schwierig. Ständig ist man auf Hilfe angewiesen. Das nervt. Dass in vielen alten Gebäuden noch Mängel vorhanden sind, ist verständlich. Da viele zusätzlich unter Denkmalschutz stehen, darf auch nicht alles beliebig verändert werden. Doch es wären oft gar keine großen Bauarbeiten nötig, um Behinderten das Leben zu erleichtern. Eine kleine Rampe reicht doch schon aus.

Quelle: RP
 
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