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Mönchengladbach
Schorch-Familie speckt mal wieder ab

Mönchengladbach: Schorch-Familie speckt mal wieder ab
Firmengründer Max Schorch. FOTO: KN
Mönchengladbach. Die bewegte Firmengeschichte des Elektromotorenherstellers ist mit dem angekündigten Personalabbau um ein Kapitel reicher. Die Chronik zeigt aber: Das Unternehmen und seine Mitarbeiter haben Übung darin, Tiefschläge zu verkraften. Von Jan Schnettler

Um einen Eindruck zu erhalten, welche nostalgischen Erinnerungen mit dem Namen Schorch verbunden sind, reicht ein kurzer Blick ins Internet-Auktionshaus eBay. Dort gibt es nicht nur quasi-antike Elektromotoren des Rheydter Traditionsunternehmens zu ersteigern, sondern auch historische Reklame ("Sonderheiten: Dreinutmotoren, Drehstrom-Nebenschlußmotoren, Spezial-Textilmotoren"), Monatsschriften von 1939 oder Original-Aktien von 1942.

Doch für die verbleibende Mönchengladbacher Industrie hat Schorch - mit seinen traditionell familienähnlichen Strukturen - nicht nur historischen, sondern ganz handfesten Wert. Es ist als viertgrößtes Unternehmen nach SMS Meer, Scheidt & Bachmann und Trützschler ein bedeutsamer Anker, dementsprechend wichtig ist seine Zukunftsfähigkeit. Doch nun müssen 115 von 535 Mitarbeitern von Bord gehen. Auftrags-, Umsatz- und Auslastungsrückgänge sowie etliche stornierte oder verschobene Projekte machen diesen Schritt aus Sicht der Geschäftsführung notwendig, der eben jene Zukunftsfähigkeit herstellen soll.

Dass die Gesamtsituation auf dem Markt infolge des niedrigen Ölpreises, der Russland-/Ukraine- Krise, der Brandherde im Nahen Osten und der chinesischen Konjunkturschwäche schwierig ist, bestreitet niemand. Frank Taufenbach von der IG Metall sagt aber auch: "Es ist, ohne der Geschäftsführung Vorwürfe machen zu wollen, nicht ganz von der Hand zu weisen, dass einige Entwicklungen nicht früh genug erkannt wurden." Und warum sei es beispielsweise nichts geworden mit der stärkeren Fokussierung auf Forschung und Entwicklung?

Schorch-Geschäftsführer Michael Grüner bezeichnet das Vorhaben in der Tat als "auf Eis gelegt", stellt aber für 2016 erste Schritte in Aussicht: "Es geht dabei zum Beispiel um die Leistungselektronik für Motoren, die wir nicht länger zukaufen wollen." Auch das Produktportfolio bleibe komplett erhalten, wohingegen die IG Metall kritisiert, de facto werde die "Fertigungstiefe" reduziert. Immerhin: Auch die Gewerkschaft honoriert, dass die chinesischen Eigentümer beim Personalabbau möglichst sozialverträglich vorgehen.

Und schließlich ist es auch nicht das erste Mal in der seit 1882 währenden Schorch-Geschichte, dass in größerem Umfang Arbeitsplätze verloren gehen. Alleine im letzten Vierteljahrhundert war das Fahrwasser ein äußerst bewegtes:

1990 wurde Schorch, nach der Zerstörung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zuvor jahrzehntelang im Besitz von Continental, ein Unternehmen der AEG AG.

1995 wurde Schorch in zwei Firmen aufgespaltet: in die AEG-Schorch Transformatoren GmbH (Rechtsnachfolger; später Alstom, Areva und heute Alstom Grid) sowie die Schorch Elektrische Maschinen und Antriebe GmbH.

1996 wurde Schorch Elektrische Maschinen und Antriebe durch die Frankfurter Elexis AG übernommen.

2001 wurde Schorch erneut übernommen, diesmal durch Lindeteves Jacoberg aus Singapur.

2006 benötigte Schorch nach Liquiditätsproblemen eine Landesbürgschaft; Lindeteves hatte zuvor Liquidität abgezogen. Im selben Jahr übernahm ATB Austria, ein Teil der später insolventen österreichischen Holding A-Tec Industries, die Mehrheit der Anteile an Lindeteves. Zu A-Tec gehörten zeitweise auch Dörries Scharmann und Kupferrheydt. 2010 wurde Schorch mehrheitlich von der ATB Austria Antriebstechnik AG übernommen. 2011 wurde ATB und somit Schorch von der chinesische Wolong-Gruppe übernommen.

2012 firmierte das Unternehmen in ATB Schorch GmbH um. Zur 130-Jahr-Feier war die Stimmung nach dem Einstieg der Chinesen und ersten erfolgten Investitionen verhalten optimistisch, dass es nach Jahren des Missmanagements und der Insolvenz der Muttergesellschaft wieder bergauf gehen könnte. Schorch hatte damals genau 522 Mitarbeiter, 13 weniger als heute - aber leider auch 102 mehr, als es nach dem nun, im Juli 2015, angekündigten Personalabbau sein werden.

Quelle: RP
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