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Mönchengladbach
Schüler erinnern an Nazi-Opfer

Mönchengladbach: Schüler erinnern an Nazi-Opfer
Viele tausend Besucher haben die Ausstellung im "Zug der Erinnerung" schon gesehen. FOTO: RPO
Mönchengladbach. Vom 10. bis 12. März hält der Zug der Erinnerung an die Verbrechen der Nazis im Mönchengladbacher Hauptbahnhof. Schüler des Gymnasiums Odenkirchen machen eine Präsentation im letzten Waggon des Zuges. Sie stellen das Leid und Leben des jüdischen Jungen Manfred Leven vor. Von Inge Schnettler

Manfred Leven hatte sich morgens von seiner Mutter verabschiedet und auf den Schulweg gemacht. Auf der Blücherstraße wurde er vor der brennenden Synagoge von SA-Sturmführer Heinrich Abels brutal gepackt und ins Gestapo-Hauptquartier verschleppt. Das war am 10. November 1938. Manfred Leven war acht Jahre alt. Sein Vergehen: Er war Jude. Seine Mutter sah er nie wieder. Sie wurde 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Die Stationen des kleinen Manfred waren das jüdische Waisenhaus in Frankfurt, danach die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und zuletzt Buchenwald. Manfred Leven war 14 Jahre alt, als die Amerikaner am 13. April 1945 das Lager Buchenwald befreiten. Mit der Nummer A 1663 auf dem linken Arm kehrte er nach Hause zurück.

Geschichte ganz nah

Auf einmal ist die Geschichte zum Greifen nah. Oder wie es Kagan Dogrulak ausdrückt: "Diese schreckliche Zeit hat für uns ein Gesicht bekommen." Er ist Schüler am Gymnasium Odenkirchen. Im Leistungskurs Geschichte haben er und seine Mitschüler sich auf Spurensuche begeben. Die Zwölftklässler bereiten eine Präsentation vor, die sie im Zug der Erinnerung zeigen wollen.

Die Dampflok mit den vier Waggons ist fast genau vier Jahren unterwegs, um an die Deportation von Kindern und Jugendlichen zu erinnern, die von den Nazis verschleppt wurden. Es sollen fast eine Million gewesen sein. Einer von ihnen war der Junge aus Odenkirchen – Manfred Leven.

Die Schüler und ihr Geschichtslehrer Gerd W. Hochscherf haben sich im Stadtarchiv in Urkunden, Akten und Bücher vertieft. Gestern trafen sie in der Stadtbibliothek an der Blücherstraße die Tochter von Manfred Leven, Marion Öztürk. Eine rheinische Frohnatur sei ihr Vater gewesen. "Es hat seine Ängste und Unsicherheiten oft weggelacht", sagt sie. Aber sie habe ihn in den Nächten schreien hören. "Er hatte Zeit seines Lebens Albträume." In seinen letzten Jahren habe er oft über seine Erlebnisse in den Lagern gesprochen. "Er hat so viele Menschen sterben sehen", sagt Marion Öztürk. Überlebt habe Manfred Leven nur, weil er mit absolutem Gehorsam alles tat, was die Nazis von ihm forderten. "Das hat ihm das Leben gerettet."

Die Schüler haben die Wiedergutmachungsakte gelesen, in der das Leid von Manfred Leven dokumentiert ist. "Die finanzielle Entschädigung hat ihm geholfen", sagt Marion Öztürk. "Aber eine psychotherapeutische Behandlung wäre sinnvoller gewesen." Miriam Kaisers hat die Beschäftigung mit dem Schicksal des Odenkircheners aufgewühlt. "Ich kann es noch immer nicht fassen, was ihm angetan wurde, nur weil er Jude war", sagt die Schülerin. Und Laura Butzheim meint: "Bisher bestand für mich die Nazi-Zeit aus Zahlen und Fakten. Jetzt bin ich zutiefst von der Grausamkeit dieser Zeit berührt."

Quelle: RP
 
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