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Mensch Gladbach
Schuldenfrei durch die essbare Stadt

Meinung | Mönchengladbach. Wie muss sich eine kluge Kommune für die Zukunft aufstellen? Auf jeden Fall finanziell solide. Deshalb passt es ganz gut, dass der städtische Haushalt 2018 ohne neue Schulden auskommen soll. Doch Visionäre fordern mehr. Von Denisa Richters

Man mag ja manches an sozialen Netzwerken kritisieren. Zeitdiebstahl, Fake News, Fokussierung auf banale Videos wie Yoga für Katzen - alles richtig. Doch sie können auch eine gute Plattform für raschen Austausch von Meinungen und konstruktives Sammeln von Ideen sein. Zum Beispiel, wenn es darum geht, wie sich Mönchengladbach am besten für die Zukunft aufstellen sollte.

Dazu hat der CDU-Ratsherr Dieter Breymann eine schöne Diskussion entfacht - indem er einfach nur ein historisches Foto postete. Darauf zu sehen: eine Straßenbahn. Die fuhr tatsächlich mal durch die Stadt,und nicht wenige sind der Überzeugung, dass dies niemals hätte beendet werden dürfen. Auch der frühere Oberbürgermeister Norbert Bude (SPD) sieht das so. Und Breymann erhielt unter seinem Beitrag Applaus von Gleichgesinnten: Das gute Alte sei die Zukunft, weil umweltfreundlich, zuverlässig und günstiger beim Personal.

Der Konter ließ nicht lange auf sich warten. Rückwärtsgewandt, fern von Innovationsgeist, also quasi unsexy sei der Ruf nach der Straßenbahn, so die Kritiker. Jung, urban, visionär müsse sich die Stadt aufstellen, um für Studenten, Start-ups und Szeniges attraktiv zu sein. Im Pingpong der Debatte kamen durchaus spannende Ideen zur Sprache: Elektronisch betriebene Busse müssten her, selbstfahrend am besten. Dazu flächendeckende Digitalisierung mit freiem WLan. Und essbare Gärten, verteilt über die ganze Stadt, so dass sich jeder sein Essen direkt frisch vom Strauch pflücken und aus dem Boden buddeln kann. Klingt verrückt, denn irgendjemand muss sich auch um den Anbau kümmern. Aber tatsächlich werden solche Konzepte bereits in einigen Gemeinden praktiziert - und funktionieren offenbar dank eines gestärkten Gemeinsinns.

Zu viel des Neuen, finden Sie? Natürlich bleibt zwischen Nostalgie und Futurismus auch ein anderer Weg: Es könnte einfach alles so bleiben, wie es immer schon war. Konservativismus in Reinform. Und der hat in Mönchengladbach eine gewisse Tradition. Nicht nur politisch.

Beispiele gefällig?

Da wären Einfamilienhäuser, die groß sind und sich über zwei bis drei Etagen ziehen. Wir reden nicht von Millionärsvillen, sondern über mehrere Generationen einer Familie unter einem Dach. Das war lange Zeit nämlich ein gängiges Modell in Mönchengladbach und ist bis heute häufiger als in anderen Großstadt zu finden. Groß die Häuser, klein die Tonnen für den Restmüll. Für den Gladbacher selbstverständlich, für Auswärtige überraschend. Doch 2019 soll Schluss sein mit der Kleintonnerei, findet die GroKo aus CDU und SPD. Lang war die Debatte darüber im Stadtrat. Besonderen Schutz genießt hier auch der Autoverkehr. 60 Prozent der Wege werden mit dem Auto zurückgelegt, der Anteil von Radfahrern stagniert hingegen auf verblüffend niedrigem Niveau. Die autogerechte Stadt ist andernorts ein Relikt der 1960er Jahre, in Mönchengladbach ist sie noch lebendig. Ein Konzept für die Zukunft ist das sicher noch nicht.

Anders ist es bei den Finanzen. Dass Schulden out sind, ist spätestens seit der Griechenland-Krise klar. Und so gesehen war die Ratssitzung in dieser Woche doch ein Meilenstein. Denn dort wurde ein Haushaltsentwurf vorgelegt, der nicht nur erstmals nach 24 Jahren ohne neue Schulden auskommt, sondern sogar ein Plus von fast fünf Millionen Euro ausweist. Nächste Station: Schuldenabbau. Fernziel: Schuldenfreiheit? Zu visionär! Dann wohl doch eher die essbare Stadt.

Quelle: RP
 
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