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Mönchengladbach
Sechs Vorurteile über den Arbeitsmarkt - und warum sie nicht stimmen

Mönchengladbach: Sechs Vorurteile über den Arbeitsmarkt - und warum sie nicht stimmen
Abb. 1 zeigt die Entwicklung der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse von 2005 bis 2015. FOTO: Agentur für Arbeit
Mönchengladbach. Arbeitsagentur und Wirtschaftsförderung haben für die Rheinische Post tief in den aktuellen Statistiken gegraben und zeigen detailliert auf, wie positiv sich die Beschäftigungssituation in der Stadt in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Von Jan Schnettler

Mönchengladbachs Arbeitsmarkt surft auf einer Welle des Erfolgs. Gestern präsentierte Angela Schoofs, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit, die aktuelle Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Stadt (Abb. 1). Sie lag Ende 2015 bei 94.064, im Jahresdurchschnitt waren es 93.273. Das waren durchschnittlich noch einmal 3,4 Prozent - oder, in absoluten Zahlen - 3093 Menschen mehr als im Vorjahr, die in Lohn und Brot sind, und von Dezember zu Dezember gesehen 3362 Menschen oder 3,7 Prozent mehr. Seit sechs Jahren, seit dem vierten Quartal 2009, ist die Zahl damit sukzessive gestiegen, bis Ende 2015 um 1 0,9 Prozent oder 9130 Menschen. Zum Vergleich: Anfang 2005 hatte die Zahl noch bei 81.598 gelegen - damals gab es also stolze 12.466 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte weniger in der Stadt als im Dezember 2015.

Trotzdem sehen sich Arbeitsagentur und Wirtschaftsförderung immer wieder argumentativ in die Ecke gedrängt: Die Ansiedlungspolitik ziele zu sehr auf Logistik, das sei ein hoffnungsloser Niedriglohnsektor, der die schwachen Sozialstrukturen nur weiter verfestige, es werde zu wenig für hochwertige Arbeitsplätze getan, et cetera pp.. Zuletzt monierten die Linken:

Abb. 2 zeigt den Vergleich beim Beschäftigungszuwachs in der Arbeitsmarkt-Region Rheinland. Gladbach liegt dabei auf Platz vier, landesweit auf Platz fünf. FOTO: Arbeitsagentur

1. Der Anstieg der so genannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse in der Stadt ist gleichbedeutend mit einer Ausweitung "prekärer" Beschäftigung.

Falsch, sagt Schoofs. "Zum Beispiel sind auch alle Profis von Borussia atypisch beschäftigt, weil sie sich in einer befristeten Anstellung befinden." Atypisch beschäftigt sei, wer einer Teilzeitbeschäftigung von 20 Stunden oder weniger nachgeht, einen befristeten Vertrag hat, in der Zeitarbeit tätig ist oder eine geringfügige Beschäftigung ausübt, also einen Minijob. "Eine atypische Beschäftigung ist erst einmal wertneutral zu sehen, weil sie ja auch durchaus selbst gewählt sein kann, etwa weil sie gut zu den aktuellen Lebensumständen passt." Ja, der Anteil atypischer Beschäftigung sei zuletzt tatsächlich überdurchschnittlich gewesen in Mönchengladbach - aber vor allem aufgrund eines stärkeren Wachstums der Teilzeitbeschäftigung (7,4 Prozent mehr als im Vorjahr, Stand: Dezember 2015; Vollzeitstellen: plus 2,6 Prozent), während die ausschließlich geringfügige Beschäftigung gleichzeitig seit Einführung des Mindestlohns geschrumpft ist, wenn auch zugegebenermaßen nicht so stark wie im Landesschnitt. Es sei davon auszugehen, dass zumindest ein Teil dieser Beschäftigungsverhältnisse in sozialversicherungspflichtige Teilzeitbeschäftigung umgewandelt wurde. Ausgangslage bei allen Betrachtungen sei jedenfalls eine deutlich bessere Entwicklung der Gesamtbeschäftigung. Die Teilzeit- wachse also mitnichten auf Kosten der Vollzeitbeschäftigung, da beide zudem in absoluten Zahlen (Teilzeit: 1690 Personen, Vollzeit: 1716) in etwa gleichauf lägen.

Abb. 3 zeigt, welche Berufsgruppen in Mönchengladbach welche Beschäftigungszahlen aufweisen, und wie sich die wichtigsten 2015 entwickelt haben. FOTO: Arbeitsagentur

Ein weiteres Vorurteil:

2. Die Beschäftigung steigt doch überall. So außergewöhnlich sind die Gladbacher Werte also gar nicht!

Ulrich Schückhaus ist Geschäftsführer der Mönchengladbacher Wirtschaftsförderung. FOTO: Ilgner Detlef

Ebenfalls falsch. Mit dem Beschäftigungswachstum um 3,7 Prozent im Jahr 2015 liegt Mönchengladbach unter anderem hinter den Kreisen Kleve (plus 5,9 Prozent) und Rhein-Sieg (plus 4,0) auf Platz fünf von allen 53 Kreisen und kreisfreien Städten, als erste Stadt (Abb. 2). Bemerkenswert schon deshalb, weil sich Städte dabei traditionell schwerer tun als Kreise - und auch, weil Mönchengladbach mit seinen 3,7 Prozent deutlich über dem Rheinland-Schnitt (plus 2,8), dem NRW-Schnitt (plus 2,4) sowie vor Düsseldorf (plus 2,8) und Köln (2,7) liegt. Übrigens: 2015 konnte Mönchengladbach im Vergleich zum Vorjahr auch landesweit die stärkste Steigerung der zu ihrer Ausbildung beschäftigten Personen verzeichnen. 5412 Menschen waren das, 121 mehr als 2014 - also plus 2,3 Prozent. Dieser Wert liegt mit Abstand vor Bonn (plus 1,1), Düsseldorf (1,0), Rhein-Sieg-Kreis (0,5) und Krefeld (0,5), der NRW-Schnitt ist schon negativ (minus 0,8 Prozent).

3. Die neuen Jobs sind doch sicher alle in der Logistikbranche angesiedelt. In den besser bezahlenden Branchen tut sich hingegen wenig bis gar nichts!

Auch hier zeigen die Zahlen schnell und eindeutig: Dieses Vorurteil ist ebenfalls nicht zu halten. Zwar stimmt es, dass 2015 der Zuwachs der Jobs im Bereich Verkehr & Lagerei unter den fünf beschäftigungsintensivsten Branchengruppen mit Abstand am stärksten gewesen ist (plus 12,8 Prozent, in Zahlen: plus 832, Abb. 3). "Aber Beschäftigungszuwächse und Wachstumsimpulse ziehen sich quer durch alle Branchen", sagt Ulrich Schückhaus, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung. Lediglich Bergbau (mit Energie- und Wasserversorgung) sowie Baugewerbe verzeichneten leichte Einbußen. Handel (plus 637 oder 4,5 Prozent), Heime und Sozialwesen (plus 302 oder 3,6 Prozent) und Gesundheitswesen (plus 275 oder 3,6 Prozent) legten hingegen stark zu. Und: Im IT-Sektor, den man eher selten mit Mönchengladbach in Verbindung bringt, weise die Stadt mittlerweile 70 Prozent mehr Beschäftigte auf, als es im Durchschnitt der Städte mit vergleichbarer Größe der Fall ist, sagt Schückhaus. Von den Top-Branchen Verarbeitendes Gewerbe und Handel ist die Logistik ohnehin noch Lichtjahre entfernt. "Von den 40 Projekten, die wir als Wirtschaftsförderung pro Jahr machen, haben nur drei bis vier mit Logistik zu tun", tritt Schückhaus entsprechenden Gerüchten einer Überbetonung der Lagerei entgegen. Und: "Es gibt Ansiedlungsanfragen aus dem Bereich der Produktion, die wir ablehnen - weil uns das Arbeitsplatzverhältnis von zehn Beschäftigten pro Hektar nicht ausreicht." Künftig rechne man übrigens noch mit mehr Auslagerungen von bisherigen Arbeitsabteilen der Produktion in die Logistik.

Zuwächse gab es 2015 auch bei der Zeitarbeit: Die Arbeitnehmerüberlassung konnte ihrer Mitarbeiterzahl um 316 Personen oder 7,7 Prozent steigen, was - scheinbar paradox - allerdings für eine gute Beschäftigungslage in den Unternehmen spricht. "Bei Auftragsschwankungen werden zunächst die Aufträge mit der Zeitarbeit gelöst, bevor es Veränderungen in der Stammbelegschaft gibt", sagt Schoofs. Und sie weist auch auf Folgendes hin: Rechnet man die Logistik aus der Beschäftigungsstatistik heraus, ist immer noch eine Steigerung um 3,0 Prozent oder 2530 Personen vorhanden. Zieht man lediglich die Zeitarbeit ab, bleibt ein Plus von 3046 Personen oder 3,5 Prozent. Und nimmt man sogar beide Bereiche aus der Statistik heraus, bleibt eine Steigerung von 2214 Personen oder 2,8 Prozent stehen - und die liegt immer noch über dem Landesschnitt von 2,4 Prozent. Die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nur auf einen "Zalando-Effekt" zurückführen zu wollen, greift also deutlich zu kurz.

4. Noch mal zurück zur Logistik. Das sind doch durch die Bank schlecht bezahlte Jobs!

Ja - und nein. Befragt man Schoofs und Schückhaus zu diesem Vorurteil befragt, ist sofort von der "kalkulierten Aufwärtsspirale" die Rede. "Zalando ist das beste Beispiel für dieses gegenseitige Hoch-Pushen, von dem wir immer ausgehen - und wie sich zeigt, zurecht", erklärt die Leiterin der Arbeitsagentur. Als Zalando im Regiopark an den Start ging, habe der Einstiegslohn bei 8,50 Euro die Stunde gelegen, mittlerweile liege er bereits bei 10,70 Euro. "Bei DHL verdient man dann schon etwas mehr, weil die Jobs komplexer sind", sagt Schoofs. DHL als Frachtlogistiker wiederum profitiere, wenn Zalando mehr verkaufe. Über das Wachstum entstünden dann betriebsinterne Schichtungen und Abstufungen, "die Berufsbilder reichen von Umgelernten bis zum hoch qualifizierten auf Techniker- oder Meisterniveau". Es zeige sich zudem, dass die Betriebe nach zwei bis drei Jahren eine "ausgeprägte Ausbildungsneigung" entwickelten und zunehmend auch Schwerbehinderte einstellen. Mittelfristig stiegen Kaufkraft und Nachfrage nach Fachkräften, was aufs Neue das Lohnniveau steigere. "Zugegeben: Das generelle Sozial- und Wohlstandsniveau kriegt man nicht binnen von fünf Jahren auf Links gedreht", so Schückhaus. Doch gerade die Logistik biete oft einen ersten Einstieg (zurück) in den Beruf, der dann Weiterbildungsmöglichkeiten und ähnliches nach sich ziehe. Eine ähnliche Aufwärtsspirale gebe es übrigens auch abseits der Logistik zu beobachten. So werde sich auch das seit Kurzem im Nordpark angesiedelte Call-Center-Unternehmen Teleperformance "in Sachen Gehalt der Konkurrenz anschließen müssen", glaubt Schückhaus. Unter die Losung "Der Appetit kommt beim Essen" stellt auch Angela Schoofs diese Erwartungshaltungen.

5. Schön und gut, aber jetzt ist doch sicher bald Schluss mit der positiven Entwicklung.

Dafür gebe es keinerlei Anzeichen, sagt Schückhaus. Im Regiopark ist der "Endausbau" der ansässigen Unternehmen mit bis zu 5000 Beschäftigten noch nicht erfolgt; bei Zalando etwa fährt die Arbeitsagentur gerade ein Projekt, um die Hallen 4 und 5 mit Personal zu bespielen, und bei Esprit wird gerade eine Erweiterung gebaut. Teleperformance suche Mitarbeiter für eine Tagesschicht für Eltern von 8 bis 16.30 Uhr, sagt Schoofs, auch für die neue Systemgastronomie neben dem Minto werde Personal gesucht. Wichtigster Pfeil im Köcher ist und bleibt aber der Nordpark. "Ich gehe fest davon aus, dass der Nordpark den Regiopark beschäftigungstechnisch irgendwann überholen wird", sagt Schückhaus. Es stünden dort zwei große Projekte vor dem Start, "über die wir sprechen dürfen, sobald die Bauanträge gestellt sind".

6. Ich glaube das mit dem Aufschwung alles trotzdem nicht, weil die Arbeitslosenquote in Mönchengladbach immer noch so hoch ist.

Das ist in der Tat ein Sachverhalt, der zumindest die Kommunikation der positiven Gesamtentwicklung nicht unerheblich erschwert. Wie kann einerseits die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten so ansteigen, wenn doch gleichzeitig die Arbeitslosenquote noch immer zweistellig bleibt - und zwar eingangs mal von 15 auf um die elf Prozent sank, seither aber um diesen Wert herumdümpelt? Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einer der wichtigsten ist die "stille Reserve" - Menschen, oft Frauen, die aufgrund von Familienphasen statistisch nicht erfasst wurden, nun aber zurück in den Arbeitsmarkt drängen. "Immer mehr Menschen wollen arbeiten", sagt Schoofs - damit melden sich auch viele von denen, die zuvor als "unterbeschäftigt" galten und damit aus der Arbeitslosenstatistik fielen, weil sie etwa an Maßnahmen der Arbeitsförderung teilnahmen, in der Statistik zurück. Auch die zunehmende Zahl an Einpendlern wirkt sich auf die nicht kongruente Entwicklung der beiden Werte aus. Eine Unwägbarkeit ist allerdings der Zustrom an Flüchtlingen, der sich früher oder später auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen wird - und die Arbeitslosenquoten landauf, landab vermutlich nach oben treiben wird.

Quelle: RP
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