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Mönchengladbach
Seit 26 Jahren am selben Tisch

Mönchengladbach: Seit 26 Jahren am selben Tisch
Norbert Quasten, Hans Vetten und Willi Poethen (v. l.) spielen jeden Sonn- und Feiertag zusammen Karten - immer am gleichen Tisch und immer das gleiche Spiel: Tuppen. FOTO: Isabella Raupold
Mönchengladbach. Jeden Sonn- und Feiertag trifft sich im "Haus Heiligenpesch" der Karten-Club. An diesem Stammtisch wird zwar weder viel Bier getrunken noch lautstark diskutiert. Stattdessen spielen die vier Herren lieber Tuppen und unterhalten sich. Von Marlen Keß

"Du fiese Möpp!" Hans Vetten gibt seinem Sitznachbarn Norbert Quasten einen Klaps auf den Hinterkopf und lacht. Gerade hat Quasten eine Runde Tuppen gewonnen. Ein Schluck alkoholfreies Pils, dann werden die Karten neu gemischt. Es ist nur eine von vielen Runden, die Vetten, Quasten und der dritte im Bunde, Willi Poethen, an diesem kühlen Sonntagmittag im Oktober spielen.

Gemeinsam sind sie der Karten-Club, seit 26 Jahren treffen sie sich jeden Sonntag im Hehner "Haus Heiligenpesch". Der Club ist einer von vielen Stammtischen, die regelmäßig in der Traditionsgaststätte zusammenkommen. In ihrer Runde wird aber weder besonders viel Bier getrunken noch lautstark diskutiert. Stattdessen tuppen die älteren Herren zwei Stunden lang. Nach dem Gottesdienst, um elf Uhr, geht's los, um 13 Uhr ist Schluss. Der Rest des Sonntags gehört der Familie.

Willi Poethen, 79 Jahre alt, und der vier Jahre ältere Hans Vetten sind schon seit Clubbeginn dabei, Norbert Quasten, 76 Jahre alt, kam vor zwei Jahren dazu. "Mein Bruder Heiner ist damals verstorben", sagt Hans Vetten, "und wir brauchten wieder einen vierten Mann." Eigentlich sind die Herren nämlich zu viert, doch an diesem Sonntag fehlt einer: Hans Esser, 87 Jahre alt. "Eine Familienfeier", vermuten die anderen. Für einen geringeren Anlass würde man das Kartenspielen nicht ausfallen lassen.

Tuppen ist ebenso am Niederrhein beheimatet wie die drei Spieler selbst. Quasten wohnt seit 1970 mit seiner Frau in Hehn, Willi Poethen schon sein ganzes Leben lang und Hans Vetten ist hier geboren worden. Mittlerweile wohnt er in Wickrath, er tuppt aber weiterhin mit dem Karten-Club. Für den Stammtisch haben sich die drei schick gemacht: Alle tragen Hemd, Poethen und Vetten dazu Pullunder, Quasten sogar ein Jackett.

Gespielt wird mit einem regulären Skatblatt mit 32 Karten. Jeder bekommt vier Karten auf die Hand, eine Runde endet, nachdem alle abgelegt sind. Am Ende gewinnt, wer die wenigsten Minuspunkte sammelt. Ein einfaches Spiel, dessen einzelne Runden oft weniger als eine Minute dauern. "Mit zunehmendem Alter kann man nicht mehr als vier Karten überblicken", sagt Norbert Quasten, grinst und wirft eine Kreuz-Dame ab.

Der Club sitzt immer am gleichen Tisch im Thekenraum des "Haus Heiligenpesch". Hinten rechts in der Ecke am Fenster, unter gerahmten Fotos der örtlichen Karnevals- und Schützenvereine. Ein echter Stammtisch eben. Man kennt sich, jeder neue Gast wird von der Runde am Ecktisch - meist mit Namen - begrüßt. "Da kütt Elisabeth", heißt es dann, oder auch nur kurz "Moin".

In der Gaststätte geht es herzlich zu. Dazu trägt auch Wirtin Manuela Klerx bei. Sie führt das Haus seit 26 Jahren und ist stets selbst vor Ort. "Ich freue mich über die vielen Stammtische und Vereine, die herkommen", sagt sie - und muss dann zurück hinter die Theke. Der Karten-Club bestellt die nächste Runde. Bezahlt wird die jeweils vom Verlierer - und ist alkoholarm: ein kleines Alt mit Schuss für Poethen, ein alkoholfreies Pils für Vetten und ein Mineralwasser für Quasten.

Der Stimmung am Tisch tut das keinen Abbruch. Es wird geplaudert und gescherzt. Wenn getuppt wird, dreht sich das Gespräch nur ums Spiel. So viel Ernst muss sein. Erst nach dem Ende der Spielrunde geht es dann auch um Privates. Den Kindern geht es gut, bald ist Weihnachten, und im Dorf ist wieder jemand gestorben.

Als Erster verabschiedet sich Hans Vetten um kurz nach eins. Er muss los, seine Frau wartet. "Tschüss lieber Hans", sagen Quasten und Poethen und winken. Vetten verabschiedet sich bei jedem Gast im Raum. Auch Willi Poethen will pünktlich los, seine Frau wartet um halb zwei mit dem Mittagessen. "Ich setz mich gleich noch kurz an die Theke", kündigt er an.

Manchmal essen die drei auch zusammen hier, heute ist Norbert Quasten dafür mit seiner Frau verabredet. "Gutbürgerliche Küche gibt es nicht mehr oft, hier wird ja sogar noch Russenei serviert", sagt Sigrid Quasten. Überhaupt gefällt ihr Hehn gut: "Hier ist es schön, und es ist was los - anderswo wollte ich nicht abgemalt sein." Schnell sind die drei im Gespräch, kurz geht es um den heute fehlenden Hans Esser. "Bestimmt ein Familienfest", sagt Sigrid Quasten, klare Sache. Um kurz vor halb zwei verabschiedet sich Willi Poethen. An die Theke hat er sich nicht mehr gesetzt.

Bis zum nächsten Wiedersehen dauert es diesmal aber nicht besonders lange. Am Dienstag und Mittwoch ist Feiertag und das bedeutet für den Karten-Club: Tuppen, von elf bis 13 Uhr, am dunkelbraunen Ecktisch im Gastraum von "Haus Heiligenpesch".

Quelle: RP
 
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