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Mönchengladbach
Selbsthilfe wird zum Rettungsanker

Mönchengladbach: Selbsthilfe wird zum Rettungsanker
Vier Themenfelder, für die es Selbsthilfegruppen in Mönchengladbach gibt: Etwa für Kinder, die ADS haben. Für Menschen, die fettsüchtig sind. Für depressive Frauen und Männer, die Rat in der Gruppe suchen. Und verstärkt kommen inzwischen Angehörige, die ihre an Demenz erkrankten Eltern betreuen. FOTO: dpa
Mönchengladbach. Es gibt 130 Selbsthilfegruppen in der Stadt. Und es werden stetig mehr. Vor allem Menschen, die unter Depressionen oder unter der Trennung vom Partner leiden, rufen die Hilfe ab. Die Kontaktstelle des Paritätischen koordiniert sie. Von Dieter Weber

Mehr als 37.000 Ausländer leben in der Stadt - mehr als die Hälfte davon sind schon mehr als acht Jahre in Deutschland. Andere, etwa aus den ersten Generationen der damaligen Gastarbeiter, haben hier längst eine Heimat gefunden. Sie sind fest integriert, und sie beteiligen sich mehr oder weniger intensiv am Leben in Mönchengladbach. Wenn sie aber Probleme haben, wird's für sie oft schwierig. "Es ist für viele ein absolutes Tabu, über die eigenen Probleme zum Beispiel in Selbsthilfegruppen zu sprechen. Türkische Mitbürger kennen den Selbsthilfe-Gedanken nicht. Es gibt in der türkischen Sprache nicht einmal eine Übersetzung für das Wort Selbsthilfe", sagt Nadiye Yuvarlak.

Die 29-Jährige, die an der Hochschule Niederrhein Kindheitspädagogik studiert hat, will dies ändern. Beim Paritätischen ist sie für die interkulturelle Arbeit zuständig und soll auch wegen ihrer Sprachkenntnisse - sie spricht Türkisch und Arabisch - dafür sorgen, dass auch die in der Stadt leben Menschen mit Migrationshintergrund den Selbsthilfegedanken schätzen lernen und von ihm profitieren.

Denn Selbsthilfe ist in der deutschen Gesellschaft ein unverzichtbarer Bestandteil des Systems: Die Krankenkassen bezuschussen die Selbsthilfearbeit, weil die Gruppen viel auffangen, Betroffene stabilisieren und helfen, wenn besondere Lebenssituationen dies erforderlich machen. Ohne die Selbsthilfegruppen würden große Teile des Gesundheitssystems erheblich belastet: Denn in den Vereinigungen werden Menschen ermutigt, sich aktiv mit ihrer schwierigen Lage auseinanderzusetzen und im Austausch mit anderen Kraft zu sammeln.

Rund 130 Gruppen zu etwa 100 Themenkomplexen finden sich zum Beispiel in der Kartei der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen. Das Spektrum reicht von A wie Adipositas bis Z wie Zornröschen. "Wir informieren über die Gruppen, verweisen, wenn notwendig, auf Stellen, bei denen Betroffene professionelle Hilfe bekommen. Und wir helfen, wenn eine neue Gruppe gegründet werden soll", sagt Georg Meurer, der mit seiner Kollegin Ina Lauterbach die Kontaktstelle führt. Weitere Aufgaben: Sie fördern den Erfahrungsaustausch der Gruppen untereinander, organisieren Veranstaltungen, werben für die Selbsthilfe in der Öffentlichkeit und helfen bei Gruppenkonflikten. Der eigentliche Unterstützungsprozess, von dem die Betroffenen am meisten profitieren, findet aber in den Gruppen selbst statt: Hier sind Menschen mit eigenen Erfahrungen und viel Wissen, die ihre Kenntnisse weitergeben.

Das wird nachgefragt. Zählte die Kontaktstelle zum Beispiel 2010 noch unter 2200 Ratsuchende, so stieg die Gesamtzahl der Kontakte im vergangenen Jahr auf fast 2500. "Unser Job ist es, den Menschen den Zugang zu den Gruppen leichter zu machen, damit sie sich dann im vertrauten Kreis austauschen können", sagt Meurer. Die meisten Anfragen kamen im vergangenen Jahr von Menschen, die sich über das Themenfeld Depression informierten. Auch die Probleme, die mit einer Trennung oder Scheidung einhergehen, interessierten viele. Soziale Probleme etwa in Verbindung von Trauer und Tod, mit dem Singledasein und mit Sucht veranlassten rund 40 Prozent der Ratsucher, sich an die Kontaktstelle zu wenden.

Quelle: RP
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