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Nach tödlichem Unfall
Senioren-TÜV für Autofahrer?

Nach tödlichem Unfall: Senioren-TÜV für Autofahrer?
Ab wann sind ältere Menschen noch fahrtüchtig? Diese Diskussion wird seit Jahren mit unterschiedlicher Heftigkeit geführt. Seit dem tödlichen Unfall am Samstag, den ein 85-Jähriger verursacht hat, jetzt auch in Gladbach. FOTO: Toa55
Mönchengladbach. Nach dem tödlichen Unfall in Mönchengladbach, den ein 85-jähriger Autofahrer verursacht hat, fragen sich viele: Sollen Ältere regelmäßig ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen lassen? Ein Altersmediziner warnt davor, Senioren unter Generalverdacht zu stellen. Von Dieter Weber

Rote Kerzen, Blumen, ein weißes Fahrrad: So trauern die Gladbacher an der Tankstelle Neusser Straße um die tote Postbotin, die am Samstag von einem Auto überrollt wurde, das ein 85-Jähriger steuerte. Es bleiben Fragen: Wurde der Senior durch das Hupen einer Cabrio-Fahrerin genötigt, schneller auf das Tankstellengelände zu fahren? War er dadurch abgelenkt? Aus welcher Richtung kam die Postbotin? Hat sie den Rad- oder Gehweg benutzt? "Wir suchen dringend Zeugen. Sie sollen sich unter 02161 290 melden", sagt Polizeisprecher Jürgen Lützen.

Am Unfallort bekunden viele Gladbacher ihre Trauer. Hier starb eine Postbotin. FOTO: angr

Dieser schlimme Vorfall lenkt den Blick auf eine Diskussion, die seit Jahren teilweise heftig geführt wird: Sind ältere Menschen am Steuer eines Autos eine Hochrisikogruppe? Muss es für sie Einschränkungen geben? In einigen europäischen Ländern sind medizinische Untersuchungen für Ältere Pflicht. In Italien muss jeder Autofahrer über 50 Jahre seinen Führerschein alle fünf Jahre erneuern lassen, ab 70 alle drei Jahre, ab 80 alle zwei. Ein medizinischer Check ist immer notwendig. Großbritannien verpflichtet die über 70-Jährigen, alle drei Jahre ihren Führerschein verlängern zu lassen. Beim Antrag müssen sie angeben, welche medizinischen Probleme sie haben, die sich auf die Fahrtüchtigkeit auswirken können. Und in der Schweiz müssen Autofahrer über 70 alle zwei Jahre zur "vertrauensärztlichen Kontrolluntersuchung". Anfang des Jahres hat das deutsche Verkehrsministerium verpflichtende Eignungstests für ältere Autofahrer aber kategorisch abgelehnt.

Der Selbsttest zur Fahrtüchtigkeit im Auto FOTO: ddp

Mit dem Ministerium stimmt Dr. Thomas Jaeger, Chefarzt der Geriatrie am Elisabeth-Krankenhaus, weitgehend überein. "Man kann Senioren am Steuer nicht unter einen Generalverdacht stellen. Ich halte auch gar nichts von Zwangsmaßnahmen", sagt der Neurologe, Psychiater und Altersmediziner. Er macht auf eine Entwicklung aufmerksam, die vor diesem Hintergrund besonders interessant ist: Haben derzeit von den über 80-Jährigen nur rund 20 Prozent einen Führerschein, steigt deren Zahl in zehn Jahren auf rund 70 Prozent an. "Die älteren Menschen vor 20 Jahren sind aber nicht mit denen heute zu vergleichen. Das wird in wieder 20 Jahren noch gravierender sein: Die Älteren wollen mobil und selbstständig sein. Das ist für ihr Selbstwertgefühlt wichtig", sagt er. Er appelliert an die Senioren, selbstkritisch zu sein und an ihre Angehörigen und Ärzte, auf Alarmsignale zu reagieren, wenn die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt ist.

Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-Holding und Experte in der Altenpflege, sagt klipp und klar: "Im Alter nehmen Seh- und Hörfähigkeit in der Regel ab, Reaktionszeit und motorische Fähigkeiten verschlechtern sich. Warum soll man nicht die Fahrtüchtigkeit regelmäßig kontrollieren?" Er sagt auch: "Wir müssen aber dafür sorgen, dass Dienstleistungen für Senioren besser werden, wenn sie nicht mehr mobil sind. Da laufen derzeit mehrere Forschungsprojekte."

Für die Polizei gibt es keine statistischen Daten, die darauf hindeuten, dass Senioren besonders viele Unfälle verursachen. "Gesundheitliche Mankos gleichen Senioren aus, indem sie meist vorsichtiger, langsamer, umsichtiger und weniger fahren. Sie verfügen auch oft über eine lange Fahrpraxis", sagt Achim Hendrix, als Leiter der Verkehrsinspektion I zuständig für Verkehrssicherheit. Im ersten Halbjahr 2016 gab es 4861 Verkehrsunfälle in Gladbach mit 522 Verletzten, darunter 67 Senioren. Aber Fakt ist auch: Wenn Senioren über 75 Jahre in Unfälle verwickelt sind, haben sie diese zu rund 75 Prozent auch verursacht.

Quelle: RP
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