| 13.18 Uhr

Serie: Was macht eigentlich...?
Gerd Gröne-Gormanns: Der Mann mit dem Helfersyndrom

Das ist Gerd Gröne-Gormanns
Das ist Gerd Gröne-Gormanns FOTO: Knappe, Jörg
Mönchengladbach. Heute ist Gerd Gröne-Gormanns vor allem durch seinen Einsatz bei der IG Hundelobby bekannt. Doch die Geschichte des letzten Geschäftsführers der Gewerkschaft Textil-Bekleidung bietet sehr viel mehr: ein Leben mit Dramatik und traurigen Erlebnissen. Von O.e. Schütz

Langweilig war sein Leben nie. Im Gegenteil. Gerd Gröne hat als Kind viel sehr Ungewöhnliche erlebt. Das fing 1958 mit dem Umzug der Familie an. Zigtausende Deutsche kamen damals aus der DDR in die Bundesrepublik. Die Grönes aber wählten den umgekehrten Weg: Umzug aus Mönchengladbach nach Zittau bei Görlitz.

"Weil mein Vater sich hier vor der Verantwortung drücken wollte", sagt Gröne-Gormanns, heute 67. Knapp drei Jahre später ging es zurück. Kurz vor dem Mauerbau, in einer dramatischen Flucht: "Mein Vater, der später mindestens drei weitere Ehen und ich weiß nicht wie viele Kinder hatte, wollte uns loswerden."

"Fahrt ihr vor, ich komme nach", sagte er seiner Frau mit den damals sechs Kindern. Und dann zum Ältesten, dem zwölfjährigen Gerd: "Du übernimmst jetzt die Verantwortung." Der Vater ist nicht nachgekommen, die Familie fuhr mit dem Zug aus dem äußersten Zipfel Sachsens nach Berlin – ohne Ausreisegenehmigung,

Und dann wurde es dramatisch. Zuerst fiel eines der Kinder bei einem Zwischenhalt aus dem anfahrenden Zug. Die Mutter zog die Notbremse, "Zum Glück ist meinem Bruder nichts Schlimmes passiert. Unsere Mutter wurde verhört, dann durften wir jedoch weiterfahren, wurden aber von der Stasi im Blick gehalten", erzählt Gerd Gröne-Gormanns.

"Als der Zug in Westberlin ankam, sagte eine DDR-Beamtin uns, wir dürften nicht raus. Doch meine sonst unsichere und unentschlossene Mutter hat sie einfach weggestoßen. Ich habe blitzschnell meine Geschwister genommen und mitgezogen – und dann waren wir draußen." Zurück in die alte Heimat nach Mönchengladbach: Das war das Ziel, das so schnell aber nicht zu erreichen war.

Über Zwischenstationen in West-Berlin, Oldenburg und im Auffanglager Unna-Massen landeten die sechs Grönes nach zwei Jahren wieder in Mönchengladbach. Zunächst wohnten sie in Flüchtlingshäusern an der heutigen Hehner Straße. Doch dann wurden die Wohnungen verkauft, die Mieter mussten raus, sollten nach Hilderath – wo es die so genannte Asozialen-Siedlung gab. "Wenn wir dorthin müssen, drehe ich den Gashahn auf, hat meine Mutter gesagt", erzählt Gerd Gröne.

Er, inzwischen 15, Lehrling in der Tuchfabrik Otten und als "Familien-Oberhaupt" gewöhnt, Verantwortung für Mutter und Geschwister zu tragen, fasste sich ein Herz und bat seinen Chef Alfred Otten um einen Vorschuss, damit die Mutter eine Wohnung kaufen konnte. Er bekam das Geld. "So war es damals hier. Die Textil-Patriarchen führten ihre Betriebe nach kaufmännischen Gesichtspunkten, aber es lief trotzdem familiär", sagt Gerd Gröne-Gormanns. "Und wenn etwas versprochen war, wurde es immer gehalten."

Was aber auch nichts daran änderte, dass auch die Mönchengladbacher Textilindustrie nicht vom großen Niedergang der Branche in Deutschland in den 90er Jahren erfasst wurde, weil man gegen die viel günstigeren Produktionsbedingen der Konkurrenz in Süd- und Osteuropa oder später Asien nicht mithalten konnten.

Ein Unternehmen nach dem anderen musste zugemacht werden. Gerd Gröne-Gormanns, inzwischen Geschäftsführer der Gewerkschaft Textil-Bekleidung in Mönchengladbach, konnte nur versuchen, es für die Kollegen etwas erträglicher zu gestalten. "Es war schlimm, wenn gestandene Familienväter vor mir saßen und weinten, weil sie wussten, dass sie mit 50 Jahren oder noch mehr kaum Aussicht auf eine neue Arbeitsstelle hatten. Ich konnte nicht sagen ,Kopf hoch', weil wir alle wussten, dass es keine Perspektive mehr gab", erzählt Gröne-Gormanns.

"Denn es gab immer weniger Textil-Unternehmen:. Gut und gerne 50 Betriebe hatten im Lauf der Jahre allein hier in unserem Bezirk aufgegeben. Nur ganz wenige wie AUNDE oder die Tuchfabrik Schmitz gibt heute es noch, weil sie es verstanden haben, sich auf die veränderten Bedingungen einzustellen und neue Wege fanden."

Nach neuen Wegen suchen, sich weiterentwickeln – das hat auch er stets gewollt: "Ich bin unheimlich wissbegierig. Das war auch ein Antrieb, in die Gewerkschaftsarbeit zu gehen: als freigestelltes Betriebsratsmitglied bei der Tuchfabrik Christian & Hanraths und dann als hauptamtlicher Gewerkschafter. Ich habe mich immer weitergebildet. Und ich habe mich stets bemüht, über den Tellerrand hinaus zu schauen." Er hat den "Runden Tisch Textil" mit dem ehemaligen Propst Edmund Erlemann gegründet, aus dem die erfolgreiche Messe "MG zieht an" hervorging.

Etwas für Menschen tun ("Ich habe ein Helfersyndrom"), das ist bis heute wichtig für ihn. "Ich konnte als Betriebsrat vielen Menschen helfen. Türkischen Kollegen, die mit der Steuererklärung nicht klarkamen, Familien die verschuldet waren oder Frauen, die zuhause geschlagen wurden."

Ehrgeiz, höher aufzusteigen in der Gewerkschaft, den hatte Gröne-Gormanns nicht: "Ich brauche den Kontakt mit Menschen, ich will helfen. Sonst wäre ich damals vom Bundesvorstand in Düsseldorf nicht zurück nach Mönchengladbach gegangen. Langweilig ist es mir hier nie geworden. Und ist es bis heute nicht." Auch ohne Erlebnisse wie die Flucht aus der DDR. Und auch ohne die Arbeit in der Gewerkschaft. Dort ist er 2006 ausgeschieden: "Weil mir einiges im Umgang nicht mehr gepasst hat."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie: Was macht eigentlich...?: Gerd Gröne-Gormanns: Der Mann mit dem Helfersyndrom


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.