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Redaktionsgespräch Maike Rabe Und Anne Schwarz-Pfeiffer
Smarte Textilien sind die Zukunft

Redaktionsgespräch Maike Rabe Und Anne Schwarz-Pfeiffer: Smarte Textilien sind die Zukunft
Die beiden Professorinnen Anne Schwarz-Pfeiffer (links) und Maike Rabe lehren an der Hochschule Niederrhein und forschen unter anderem an der Weiterentwicklung von Einsatzmöglichkeiten und Herstellung von Textilien. FOTO: Detlef Ilgner
Mönchengladbach. Die Professorinnen erklären, was Textilien bald können, warum Deutschland Technologieführer ist - und worauf sie beim Kleiderkauf achten.

Frau Schwarz-Pfeiffer, was können Textilien heute bereits alles? Sie arbeiten ja an sogenannten Smart Textiles, also intelligenten Textilien.

Anne Schwarz-Pfeiffer Smart Textiles, also solche, die eine bestimmte Funktion erfüllen, können heute beispielsweise bereits leuchten oder die Herzfrequenz messen. Das kennt man etwa von EKG-Shirts im Sportbereich, die bioelektronische Daten aufzeichnen.

Überspitzt gefragt: Gibt es irgendwann einen Schlafanzug, der seinem Träger mitteilt, dass er Vitamin C benötigt - oder ein T-Shirt, das vom letzten Bier des Abends abrät?

Schwarz-Pfeiffer Grundsätzlich ist so etwas denkbar. Sensoren in Folienform oder auf Platinen könnten irgendwann in Textilien integriert, aufgestickt, eingewebt oder eingestrickt werden. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Wo geht der Weg denn hin? Was können Textilien in zehn, 20 Jahren?

Schwarz-Pfeiffer Generell gibt es einen Trend zu leichteren, funktionaleren Materialien. Membrantextilien im Sport sind bereits zugleich regenabweisend und komfortabel, solche Entwicklungen werden sich fortsetzen. Selbstleuchtende Fahrradjacken könnten sich bald etabliert haben. Zukunftsmusik ist beispielsweise noch, dass man Textilien zur Herzunterstützung einsetzt. Das sähe dann so aus, dass man ein textiles Netz um das Herz legt, in dem an jedem Kreuzungspunkt eine Stimulationselektrode integriert ist, die von außen angesteuert werden kann. Das wäre eine neue Form des Herzschrittmachers und viel schonender als alles, was es heute gibt.

Maike Rabe Diese Entwicklung, dass es einerseits hochpreisige Spezialitäten gibt und andererseits sehr, sehr billige Ware, die unter menschenunwürdigen Umständen produziert wurde, muss man dabei jedoch dringend abwenden. Zukünftig wird es wichtiger werden, dass alle Gesellschaftsschichten Zugang zu individueller Mode haben können, ohne dass dafür irgendwo in Niedriglohnländern Menschen unter sklavenartigen Bedingungen produzieren. Umweltschutz und soziale Arbeitsbedingungen - auch das sind zentrale Aspekte, wenn man über die Textilien der Zukunft spricht.

Haben Sie die Möglichkeit, mit Ihrer Arbeit diesbezüglich etwas zu verändern?

Rabe Ja, über die Leute, die wir ausbilden, und über Forschungsprojekte. Unser Fachbereich hat 2000 Studierende, und viele von ihnen werden zukünftig bei Entscheidern arbeiten, die etwas an den Bedingungen ändern können, ob es nun Kik, Peek & Cloppenburg oder Gerry Weber ist, oder sie werden dort selber Entscheider sein. Unsere Botschaft ist deswegen immer, dass Alternativen zu Mensch und Umwelt ausbeutenden Produktionsbedingungen geschaffen werden müssen.

Die Welt ändert sich ja bereits.

Rabe Ja, China etwa ist schon raus aus der Billigfertigung, die suchen sich jetzt ihre eigenen Billiglohnregionen oder -länder. In zehn Jahren so etwas wie eine globale Ethik diesbezüglich zu haben, wäre schön. Aber wahrscheinlich illusorisch.

Schwarz-Pfeiffer Wir sind als Hochschule an etlichen Projekten beteiligt, die soziale und ökologische Aspekte im Blick haben, etwa den Wasserverbrauch bei der Baumwollproduktion. Ein anderes Projekt unter Federführung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes rückt Nordafrika in den Fokus: Im Zusammenspiel zwischen Industrie und Lehr- und Ausbildungseinrichtungen sollen in Nordafrika Strukturen geschaffen werden, damit dort Arbeiten auf hohem Niveau stattfinden können.

Weil die Türkei als Partner wegzufallen droht?

Rabe Auch wegen der langen Lieferstrecken aus Südostasien und der wiederkehrenden Probleme mit dem Transport durch den Suezkanal. Aber ja, die Textil- und Bekleidungsindustrie ist schon immer so etwas wie das Fieberthermometer für geopolitische Entwicklungen.

Sprechen wir über Forschung an der Hochschule. Wie wichtig ist sie?

Rabe Immens wichtig. Denn an der Fachhochschule forschen wir ja nicht für den puren Erkenntnisgewinn, sondern damit am Ende ein konkretes Produkt herauskommt. Dafür bedarf es des Dialogs mit der Industrie, damit man nicht am Bedarf vorbei entwickelt. Für die Hochschule Niederrhein war die Zuwendung zur Forschung ein Entwicklungsprozess, den sie aber sehr, sehr gut hinbekommen hat.

Inwiefern?

Rabe Fachhochschulen haben ja erst seit dem Bologna-Prozess, der europaweiten Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen, explizit die Aufgabe, Lehre und Forschung miteinander zu verknüpfen. Vorher gab es eigentlich nur einen Lehrauftrag, auch wenn die gemeinsame Entwicklung mit der Industrie schon immer Standard gewesen ist. Heute wird genau das im großen Stil betrieben, und dabei ist Forschung ein zentrales Element, auch um selber Wissen zu generieren. Das macht den Job attraktiver, aber auch uns als Professoren und Lehrkräfte, weil wir immer wieder Innovationen in die Lehre einbringen können.

Spielt die Hochschule Niederrhein inzwischen im Konzert der Großen mit?

Rabe Dass wir 6,3 Millionen Euro aus der Förderinitiative "Innovative Hochschule" des Bundesforschungsministeriums erhalten haben, ist eine echte Auszeichnung. Das zeigt, dass wir eine Vorbildhochschule sind, wenn es darum geht, Lehre, Forschung und den Transfer in die Industrie zu bewerkstelligen.

Sind Sie auf Augenhöhe mit den Universitäten?

Rabe Wir sind Ihnen sogar voraus - auf jeden Fall, was den Dialog mit der Industrie angeht. In der Forschung insgesamt arbeiten wir uns Stück für Stück voran. Es ist auch festzuhalten, dass in einer sehr vielfältigen Branche wie der Textil- und Bekleidungsindustrie verschiedene Ausprägungen von Forschung und Entwicklung nebeneinander existieren müssen. Hier verbessert der Wettbewerb auch die individuellen Leistungen.

Wie wichtig ist die Drittmittelakquise?

Rabe Für rund 20 Prozent der Forschungsarbeit hat man eine Förderung aus der Industrie. Der Löwenanteil - und das ist das, was uns wichtig ist - entfällt auf Projekte, bei denen ein Industriebetrieb und Wissenschaftler gefördert werden. Da bringt jeder von uns seine Netzwerke ein, um innovative Projekte zu planen und auch zu gewinnen.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer täglichen Arbeit, Frau Rabe?

Rabe Mit Funktionalisierungsaspekten - im Prinzip mit der Vorstufe von dem, was Frau Schwarz-Pfeiffer macht. Bevor sie im Bereich Smart Textiles bestimmte Effekte generiert, damit eine Oberfläche beispielsweise schmutzabweisend oder antimikrobakteriell sein kann, muss sich jemand überlegen, wie die Oberfläche dafür entsprechend strukturiert sein muss.

Was müssen Studierende generell mitbringen, um bei Ihnen erfolgreich zu sein?

Schwarz-Pfeiffer Experimentierfreude, Enthusiasmus, die Lust, Neues auszuprobieren. Bei 1400 Bewerbern auf 300 Plätze gibt es natürlich auch einen Numerus clausus, der allerdings zu schaffen ist, und für den gestalterischen Bereich eine Eignungsfeststellungsprüfung...

Rabe ...idealerweise sollte man auch naturwissenschaftlich und ingenieurwissenschaftlich nicht gänzlich unbeleckt sein.

Wie hoch ist der Frauenanteil an Ihrem Institut?

Rabe Unter den Studierenden bei 80 Prozent. Am Forschungsinstitut mit 20 Kräften etwa Hälfte/Hälfte, bei den rund 160 wissenschaftlichen Hilfskräften ebenfalls. Damit dürften wir übrigens das frauenlastigste Institut an einer deutschen Hochschule im Textilbereich sein.

Frau Schwarz-Pfeiffer, Sie forschen unter anderem an sensorgestützten, stichsicheren Strickjacken - ist das ein Spiegelbild unserer Gesellschaft?

Schwarz-Pfeiffer Bestimmt. Es gibt den Trend, dass Menschen im Öffentlichen Dienst größeren Gefahren ausgesetzt sind als früher, das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Der Impuls, in diesem Bereich zu forschen, kam aber vom Materialhersteller selbst. Er wollte wissen, wie seine stichhemmenden Hochleistungsgarne wirken, wenn man sie verstrickt. Es könnte tatsächlich sein, dass so etwas für bestimmte Berufsgruppen mal in Serie gehen wird. Für die Gesamtbevölkerung natürlich hoffentlich nicht. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für unsere interdisziplinäre Arbeit, so kann ich in der Forschung auf Entwicklungsarbeiten meines Kollegen aus der Stricktechnologie mit Smart Textiles hervorragend aufbauen.

Rabe Da ist auch der Bezug zum Thema Konfektion nicht ganz unerheblich - die industriell immer gleich hergestellte Weste tut es da nicht, sie muss individuell auf den jeweiligen Körper angepasst sein, um maximale Sicherheit zu bieten. Über die Stricktechnik bekommt man das hin. Deswegen gibt es von Behördenseite tatsächlich Kontakte zu unserer Hochschule, um gerade im Bereich Damenoberbekleidung individuelle Fertigungen hinzubekommen, etwa fürs Militär.

Wie bedeutsam wird der 3D-Druck für die Textilherstellung werden?

Rabe Ich glaube daran und betreibe ein eigenes Forschungsprojekt dazu. Es kann sein, dass man die bisherige Produktion damit eines Tages ersetzen oder ergänzen wird. Bisher geht es bei uns aber nur um 3D-Druck auf textilen Trägern, quasi als digitale Beschichtung. Wir arbeiten daran, die Eigenschaften polymerer Werkstoffe zu verbessern, dass die Drucke so gut werden wie das Textil selbst.

Können technische Textilien zu einer Renaissance der Textilindustrie in Deutschland führen?

Rabe Das ist zumindest eine große Chance für den Textilstandort Deutschland. Textilien drängen heute in fast alle Bereiche der klassischen industriellen Fertigung hinein, von der Architektur bis zur Medizin. Windkraft ist ein textiles Thema - die Flügel sind aus faserverstärktem Kunststoff. E-Mobilität ebenfalls. Der Standort Deutschland hat den Vorteil, dass viele Industriezweige hier noch vor Ort vertreten sind, vom Faserhersteller über den Maschinenbauer bis zum Anwender. Deutschland ist im Textilbereich Technologieführer, weil alle traditionellen Textilregionen - auch der Niederrhein mit Mönchengladbach - aus der Not eine Tugend machen und in diese neuen Bereiche reingegangen sind.

Zu guter Letzt Hand aufs Herz: Worauf achten Sie beim Kleiderkauf?

Rabe Ich habe eine persönliche Zehn-Prozent-Quote für Bio- und Öko-Textilien. Ich schaue erst: Gibt es das auch in nachhaltig? Wenn ja, kaufe ich es, aber immer geht das nicht. Dann lege ich die klassischen Kriterien an: Optik, Qualität und Preis.

Schwarz-Pfeiffer Ich schaue auf die Optik und darauf, ob es waschbar ist und praktisch im Alltag ist.

DENISA RICHTERS UND JAN SCHNETTLER FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
 
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