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Mönchengladbach
So leben die Flüchtlinge im ehemaligen Aldi

Mönchengladbach: Flüchtlinge leben im ehemaligen Aldi
Mönchengladbach: Flüchtlinge leben im ehemaligen Aldi FOTO: Ilgner Detlef
Mönchengladbach. Keine Privatsphäre, keine Zuversicht, Langeweile. Die 80 Asylsuchenden leben in Bretterverschlägen im früheren Verkaufsraum. Von Inge Schnettler

Hier passt nichts zusammen. "Erfrischend gut - erfrischend anders" leuchtet in roten Lettern auf der Schaufensterscheibe. Unter dem leeren Schaukasten sind Öffnungszeiten angeschlagen. Graue Blechcontainer stehen auf dem Vorplatz - eine Duschbude für Frauen, eine für Männer. Klos ebenso. Immer, wenn ein Mensch in die Nähe des Eingangsbereichs gerät, öffnen sich die Glastüren automatisch. Kalte Luft strömt ins Innere, warme hinaus.

Hier war früher mal eine Aldi-Filiale, für kurze Zeit auch ein Getränkemarkt - daher die Werbesprüche. Jetzt leben hier 80 Flüchtlinge jeden Alters. Frauen, Männer, viele Kinder. Gemietet hat die Stadt das Gebäude an der Aachener Straße in Holt von der Bauunternehmung Jessen - für neun Monate. Und eigentlich sollten hier nur im äußersten Notfall Menschen einquartiert werden - wenn alle anderen Flüchtlingsunterkünfte belegt sind.

Das war unmittelbar nach Abschluss des Mietvertrags der Fall. Kaum hatte die Stadt 80 Betten, ein paar Kühlschränke, Spinde, Tische und weitere spärliche Möbel in die ehemalige Verkaufshalle gebracht, war sie bereits komplett belegt. Aus Spanplatten bestehen die quadratischen oder rechteckigen, nach oben offenen "Räume", in denen die Menschen, die fast ausschließlich aus den Balkanstaaten nach Deutschland kamen, untergebracht wurden.

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Wie ein schlechter Witz wirken die Kinderbettbezüge, die anstelle von Türen für ein bisschen Privatsphäre sorgen sollen. Auf ihnen tummeln sich säbelschwingende Piraten mit Augenklappen in einer grellbunten Welt voller Palmen und Sonnenschein. Das wirkt hier absurd.

Valbone Vrankoj lebt mit ihrer Familie in einer der Bretterverschläge. "Wir sind alle krank", vermittelt sie in Zeichensprache. Ihr Mann und die älteste Tochter sind beim Arzt, die drei kleineren Kinder schmiegen sich an ihre Mutter. Ihre Augen sind fiebrig. Der Raum misst geschätzt 20 Quadratmeter. Zwei Etagenbetten für die Kinder, zwei einzelne eiserne Bettgestelle mit dünnen Matratzen für die Eltern, eine Kommode, zwei Spinde - das war?s. In einem Karton wird aufbewahrt, was in den Möbeln nicht untergekommen ist.

Tag und Nacht wird das Gebäude durch einen Hausmeisterdienst betreut. Wolfgang Georges ist schon 22 Jahre in diesem Beruf. Er hat die Ruhe weg. Wie er sich mit den Flüchtlingen verständigt? Georges lacht. "Mit Händen und Füßen", sagt er. Das klappt irgendwie immer. Er kennt die Sorgen und Nöte der Familien, die in der Hoffnung kamen, dass es hier allen besser geht. Das Schlimmste ist die Langeweile. In dem riesigen Verkaufsraum gibt es keinen einzigen Fernseher. Nirgendwo ist Spielzeug zu sehen. "Die Kinder haben gestern mehrere Tische zusammengeschoben und eine Art Ping-Pong gespielt", sagt Wolfgang Georges. Und sonst? Na ja, Fußball auf dem Parkplatz. Rumlaufen, rumsitzen, rumstehen.

Viele liegen derzeit in den Betten. Die Grippe geht um. Ein Vater zeigt ein ärztliches Attest. Sein Baby ist krank. Er war mit der Kleinen im Krankenhaus. Auf dem Attest steht, dass es aus ärztlicher Sicht nicht zu verantworten ist, dass das Kind noch länger in der Sammelunterkunft bleibt. Willi Houben, städtischer Fachbereichsleiter für Soziales und Wohnen, hat kein anderes Quartier für die Familie.

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"Ich kann nur an die Eltern appellieren, das Baby ins Krankenhaus zu bringen", sagt er. Hausmeister Georges wird die Krankenschwester anrufen, die sich im gesamten Stadtgebiet um die Flüchtlinge kümmert. Sie soll sich das Kind auch noch einmal ansehen. Im ehemaligen Lager des Discounters beginnen die Frauen zu kochen. Es ist kurz vor Mittag. Von irgendwoher schleppen sie Töpfe und Pfannen an. Vorräte holen sie aus den Kühlschränken, die in Reih und Glied an der Wand stehen. Morinaja Sultane Alinan muss neun Kinder versorgen. Die elfköpfige Familie wohnt in einer der Bretterkammern - elf Betten neben- und übereinander. In einem der oberen Betten liegt ein Junge. Seine Stirn ist schweißnass, seine Augen glänzen fiebrig, seine Haut ist von kleinen Pusteln bedeckt. Im Bett gegenüber schlafen zwei weitere Kinder. "Alle krank", sagt Morinaja Sultane Alinan. Sie schlägt die Arme um ihren Körper. "Kalt", sagt sie.

Gisela und Michael Hüske vom Ökumenischen Arbeitskreises für Asylfragen Rheindahlen haben sich gemeldet und sind in die Flüchtlingsunterkunft an der Aachener Straße gekommen. Schon seit 1992 sind sie ehrenamtlich in den Flüchtlings-Containern an der Hardter Straße engagiert. "Sie haben ihre Kontakte hiergelassen und ihre Hilfe angeboten", sagt Wolfgang Georges.

Blick in das Flüchtlingsheim in Essen FOTO: dpa, rwe lof

Und eine junge Frau aus Holt sei einfach hereingekommen, um Kleidung zu verteilen. "Als sie hörte, dass wir dringend Decken brauchen, hat sie versprochen wiederzukommen." Mit wärmenden Decken - gegen die Kälte.

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