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Mönchengladbach
So lernen Flüchtlinge Deutsch

Mönchengladbach: So lernen Flüchtlinge Deutsch
Afsaneh und Fereshteh lernen von Maria Hülser, auf Deutsch einzukaufen - ganz praxisnah auf dem Markt. FOTO: detlef ilgner
Mönchengladbach. Ob in einem Café, in der Schule oder in der Unterkunft - derzeit sind viele Ehrenamtler im Einsatz, um Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Damit sie sich im Alltag zurechtfinden und sie eine Aufgabe haben,. Von Nicole Scharfetter

Ganga und Mohsen gestikulieren wild mit ihren Papierschnipseln in der Hand, sie sind sich nicht ganz einig über die Reihenfolge der darauf geschriebenen Sätze. Zuerst die Mengenangabe, oder doch lieber das Gewicht? Ein bisschen diskutieren die beiden, zwischendurch muss Ganga aufstehen, um sich durchzusetzen. Irgendwann werden sie fertig. Sie müssen. Weil Frau Hülser das Ergebnis der Gruppenarbeit hören will. Ganga und Mohsen lesen abwechselnd von den Schnipseln vor, einer übernimmt die Rolle des Verkäufers, einer die des Kunden. Auf dem Stundenplan steht heute nämlich das Thema Einkaufen - Lebensmittel. "Wer ist an der Reihe", fragt Mohsen, der den Verkäufer spielt. Ganga antwortet: "Ich hätte gerne ein Brot."

Ganga und Mohsen sind aus ihren Heimatländern Sri Lanka und dem Iran geflohen. Jetzt warten sie darauf, dass ihre Asylanträge anerkannt werden. Bis dahin wollen sie nicht einfach nur in ihrer Wohnung sitzen, zu lang können diese Tage sein - ohne Beschäftigung, ohne Arbeit, ohne Geld. Deswegen lernen sie Deutsch. Die Sprache des Landes, in dem sie auf eine bessere, friedlichere Zukunft hoffen.

Ein Jahr ist es her, als Ganga ihr Zuhause verlassen musste. Die 35-Jährige arbeitete als Journalistin, hatte ein gutes Leben, wie sie sagt. Plötzlich war sie eine politisch Verfolgte. Was genau passiert ist, behält Ganga für sich, die Angst ist groß, dass man sie hier in Deutschland finden könnte. In einer Nacht und Nebelaktion packte sie ein paar Sachen, saß in irgendeinem Flugzeug. Als sie wieder ausstieg, war sie in Deutschland, ohne es zu wissen. Heute sagt sie: "Mir hätte nichts Besseres passieren können."

Ganga will arbeiten, ihr eigenes Geld verdienen. Dafür lernt sie Deutsch. Freiwillig. Denn solange ihr Status noch nicht geklärt ist, muss sie eigentlich gar keinen Sprachkurs besuchen. "Aber", sagt Maria Hülser, Gangas Deutschlehrerin, "wer vorher schon mit dem Lernen beginnt, hat es später im Integrationskurs einfacher." Seit zwei Monaten unterrichtet Hülser die siebenköpfige Gruppe um Ganga und Mohsen. Damit sie ihre Schüler im Alltag zurechtfindet: Lebensmittel, Kleidung, Arztbesuche oder einfach mal einen Kaffee bestellen.

Der Deutschkurs im Lesecafé am Kirchplatz wird in Kooperation zwischen dem Volksverein Mönchengladbach und dem Katholischen Forum für Erwachsenen- und Familienbildung angeboten. Jede Gruppe wird fünf Stunden in der Woche unterrichtet, manchmal auf mehrere Tage verteilt, manchmal am Stück.

Aus Büchern lernen, ist wenig praxisnah, findet Hülser. Deswegen versucht sie so oft es geht mit ihren Schülern die Theorie im Alltag zu testen. So wie heute. Auf dem Markt sollen Ganga, Mohsem und die anderen einkaufen, das üben, was sie sich gerade noch auf Papierschnipseln zurechtgelegt haben.

Dafür gibt Maria Hülser jedem zehn Euro. "Damit können Sie einkaufen gehen", sagt sie. Afsaneh (29) ist bescheiden, nur zwei Auberginen sollen es ein. Das Restgeld will sie Maria Hülser zurückgeben. "Kaufen Sie noch ein bisschen mehr", ermuntert Hülser ihre Schülerin. Afsaneh ist wie Mohsen aus dem Iran geflohen. Weil sie Christin ist. "Ich kann nie mehr zurück", sagt sie. Ihre Augen sind traurig. Weil sie das Land, in dem sie geboren ist, eigentlich mag.

Zwar läuft der Einkaufs-Dialog nicht ganz genauso ab wie er im Schulbuch steht, aber die Gruppe schlägt sich gut und zeigt stolz die Ausbeute. Am Stand des Bäckers gibt es sogar ein großes Stück Kuchen geschenkt - zum Probieren. Begeisterung sieht allerdings anders aus. Ein bisschen trocken, finden die Schüler.

Der Deutschkurs von Frau Hülser ist nur ein Beispiel für Integrationshilfe. Viele Ehrenamtler sind derzeit in Mönchengladbach im Einsatz - in Schulen, in Flüchtlingsunterkünften, in bei Privatpersonen.

Die Piraten Partei Ratsgruppe Mönchengladbach hat gerade in ihrem Fraktionsbüro fünf gebrauchte Laptops aufgestellt, an denen Flüchtlinge mit der Familie in der Heimat Kontakt aufnehmen können, via Skype zum Beispiel. "Vor allem von den Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft in Eicken wird das Angebot genutzt, denn das größte Problem in den Unterkünften ist zur Zeit die Langeweile", sagt Christian Ibels. Er sucht noch ehrenamtliche Helfer, die dieses Angebot begleitend unterstützen wollen. Weitere Informationen gibt es per Telefon unter 02161 6399190 oder E-Mail an info@pipa-gruppe.de.

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Quelle: RP
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