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Mönchengladbach
So unterschiedlich ist Gladbach im Online-Lexikon

Mönchengladbach. Andere Länder, andere Fakten: Fremdsprachige Gladbach-Einträge in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia weisen kuriose Diskrepanzen auf. Von Jan Schnettler

Norbert Bude ist Mönchengladbachs aktueller Oberbürgermeister. Das glauben zumindest die schwedischen Nutzer der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die in ihrer Landessprache etwas über Mönchengladbach erfahren wollen. Zwar ist die Seite zuletzt am 8. Juni 2015 aktualisiert worden, gut ein Jahr nach Budes Wahlniederlage gegen Hans Wilhelm Reiners, doch der Stabwechsel scheint den schwedischen Autoren entgangen sein.

Zum Hintergrund: Das Online-Lexikon wird von freien Autoren kollektiv erstellt und gepflegt, jeder kann sich daran beteiligen; und obwohl es anfangs, als das Projekt 2001 an den Start ging, viele Bedenken hinsichtlich der inhaltlichen Qualität gab, gelten die Artikel meistenteils als wenig tendenziös und gut recherchiert. Ein Nachschlagewerk eben, mit Stärken und Schwächen wie jedes andere auch.

Wer allerdings in unterschiedlichen Sprachen - in diesem Fall Englisch, Französisch, Niederländisch und Schwedisch - die jeweiligen Einträge zu Mönchengladbach untersucht, stößt nicht nur auf die eine oder andere Ungereimtheit und (veraltete) Fehlinformation. Sondern erkennt auch unweigerlich, welchen unterschiedlichen Fokus je nach Herkunftsland die Autoren bei der Beschreibung der Vitusstadt und ihrer Besonderheiten legen. Und der wiederum lässt durchaus interessante Rückschlüsse auf die jeweiligen "Volksseelen" zu.

Ein Überblick:

ENGLISCHE VERSION. Wen wundert's - nach dem deutschen Wikipedia-Artikel zu Mönchengladbach ist der englische der ausführlichste. Schon im dritten Satz wird Borussia erwähnt, in Verbindung mit berühmten Söhnen und Töchtern der Stadt von Nick Heidfeld über Hans Jonas bis hin zu Jupp Heynckes. Auch Joseph Pilates wird direkt genannt. Es folgen Einträge zur Namensgebung der Stadt und zu ihrer Historie. Dann wird's schon landestypisch: Das Bombardement Mönchengladbachs durch britische Bomber in der Nacht auf den 12. Mai 1940 findet gesonderte Erwähnung. Ebenso die Tatsachen, dass dabei gut die Hälfte der 36 RAF-Bomber ihr Ziel getroffen haben sollen, drei abgeschossen wurden und am Boden vier Menschen starben, darunter eine in Deutschland lebende Britin. Selbstredend kommt auch das JHQ ("Rheindahlen Military Complex") mitsamt eigener militärischer Radiostation zur Sprache; es hat, da über Jahrzehnte von Briten bewohnt, sogar seinen separaten englischen Eintrag.

Unterpunkte finden sich zu Mönchengladbachs sechs Partnerstädten - von denen drei in Großbritannien liegen -, zur Verkehrsinfrastruktur (inklusive der Kuriosität, dass Gladbach einst die größte Großstadt ohne ICE-Anschluss war) und zu den Sehenswürdigkeiten. Letztlich sind auch einige Sätze zum Sport in der Stadt zu lesen, wobei nicht nur der Fußball, sondern auch der Hockeysport und sogar die Trabrennbahn Erwähnung finden. Die meisten Quellen in den Fußnoten beziehen sich auf englischsprachige Bücher beziehungsweise Schriften.

FRANZÖSISCHE VERSION. Der Franzose mag seine Arrondissements - Paris etwa hat 20 dieser Stadtbezirke. Mönchengladbach, lässt zumindest die französische Wikipedia-Version glauben, hat derer zehn, die dazu noch ausführlich unterteilt werden. Dass diese Information zwar bis Oktober 2009 stimmte, es seither aber nur noch vier Bezirke gibt, hat sich offenbar noch nicht in die Frankophonie durchgesprochen.

Bis auf die knappe Einleitung, in der am ausführlichsten auf die Namensgebung der Stadt eingegangen wird, ist der Eintrag frei von Fließtext. Ein einzelner, knapper Satz zur Historie verortet die Militärpräsenz in Rheindahlen ausschließlich in die Zeit des Kalten Krieges. Auch in der französischen Version werden die Partnerstädte aufgeführt, darunter mit Roubaix in Frankreich und Verviers in Belgien immerhin zwei französischsprachige. Am ausführlichsten ist die Auflistung in Mönchengladbach geborener Persönlichkeiten, von Franz Brandts bis Marcell Jansen. Zudem finden Menschen Erwähnung, die unabhängig von ihrem Geburtsort mit der Stadt assoziiert werden, wie Heinz Mack und Charlotte Roche. Ebenfalls recht umfänglich ist die Liste berühmter Mönchengladbacher Bauwerke, von denen allerdings lediglich das Museum Abteiberg, das Münster und der Borussia-Park eigene französische Einträge haben. Erst ganz zum Schluss wird die Borussia, wiederum in einem spärlichen, einzelnen Satz, genannt - immerhin als "einer der größten deutschen Fußballvereine". Nennenswerte Quellen werden nicht aufgeführt.

NIEDERLÄNDISCHE VERSION. Bemerkenswert lieblos - für eine Stadt, die wenige Kilometer jenseits der Grenze liegt - ist die holländische Gladbach-Seite gestaltet. Inhaltlich und vom Aufbau her ähnelt sie der französischen. Allerdings ist für die Niederländer Norbert Bude noch Oberbürgermeister, und die Stadt hat ebenfalls noch ihre zehn Bezirke - die letzte Aktualisierung der Seite erfolgte im November 2015.

Nach einer kurzen Beschreibung und der Herleitung des Stadtnamens findet sich der Satz, dass die Region, in der Gladbach liegt, durch die Güterverkehrsstrecke "Eiserner Rhein" bekannt sei. Der Unterpunkt "Kunst und Kultur" hat nur zwei Vermerke, die zudem zusammengehören - das Museum Abteiberg und den angrenzenden Skulpturengarten. Auch hier sind die Partnerstädte aufgeführt, darunter mit Roermond eine niederländische. Der Unterpunkt Sport weist eine Besonderheit auf: Denn zunächst wird der heutige 1. FC Mönchengladbach erwähnt, "der älteste Verein des ehemaligen Westdeutschen Fußballbundes". Erst dann folgen zwei sparsame Sätze zur Borussia - sowie der Hinweis, dass vor 1933 auch FC Eintracht München-Gladbach, Rheydter SpV 05, SC Viktoria 04 Rheydt, SpVg 05/07 Odenkirchen und SV 1910 Lürrip höherklassig spielten. Holländisch geprägt ist die Liste der in Gladbach Geborenen - unter anderem enthält sie Luxemburgs Ex-Fußballer Armin Krings und die Geografin Elisabeth Gottschalk. Anders als in der deutschen Wikipedia-Version gibt es für sie sogar einen separaten Wörterbucheintrag.

SCHWEDISCHE VERSION. Mönchengladbach, so besagt es der erste Satz des schwedischen Wikipedia-Artikels, liegt in einem Großstadtkonglomerat namens Rheinschiene. Positiv hervorgehoben wird die Verkehrsanbindung, insbesondere die Nähe zum Düsseldorfer Flughafen. Es gebe auch einen eigenen Flugplatz, der jedoch aufgrund der zu kurzen Landebahn nur für Privat- und Frachtverkehr genutzt werde. Es gebe Ausbaupläne, um Düsseldorf zu entlasten. Diese Kausalität dürfte die Seite ziemlich exklusiv haben.

Es folgen sehr kurze Einträge zur Stadtgeschichte und zu Borussia. Hier ist der schwedische Einschlag unverkennbar. Wörtlich: "Stolz der Stadt im sportlichen Bereich ist der Fußballclub Borussia Mönchengladbach, bei dem unter anderem Schweden wie Patrik Andersson, Martin Dahlin und Jörgen Pettersson gespielt haben." Von einem gewissen aktuellen schwedischen Nationalspieler namens Oscar Wendt hingegen, immerhin seit 2011 bei Borussia, ist keine Rede.

Unter den lediglich neun genannten Mönchengladbacher Persönlichkeiten werden interessanterweise ausgerechnet Stefan Effenberg und Lothar Matthäus aufgeführt - eine Sichtweise, die in Deutschland so wohl keiner vertreten würde. Überhaupt scheint die Stadt (mit Ausnahme von Hugo Junkers, Joseph Goebbels und Heinz-Harald Frentzen), deren Geschicke Norbert Bude leitet, ausschließlich berühmte Fußballer hervorgebracht zu haben. Quellen nennt der Artikel nicht.

Quelle: RP
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