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Interview mit Dörte Schall
Sparen im Sozialen führt zu höheren Kosten

Interview mit Dörte Schall: Sparen im Sozialen führt zu höheren Kosten
Dörte Schall ist Sozialdezernentin in Mönchengladbach. Im Interview mit unserer Zeitung äußert sie sich unter anderem über die Betreuung von unbegleiteten Flüchtlingen. FOTO: Ilgner Detlef (ilg)
Mönchengladbach. Sozialdezernentin Dörte Schall äußert sich im Redaktionsgespräch über unbegleitete Flüchtlingskinder, die hohe Zahl von Jugendlichen ohne Schulabschluss und die positive Wirkung, die mehrere Präventionsprojekte haben.

Frau Schall, das aktuelle Flüchtlingsthema lässt uns nicht los. Wie ist Mönchengladbach aufgestellt? Die Leichtbauhallen werden jetzt bezogen. Sind wir für die nächste Welle gerüstet, wenn sie denn kommt?

Schall Wir planen natürlich weiter für die nächsten Monate. Häuser sollen angemietet, Vorhandenes ertüchtigt und auch Investoren eingebunden werden. So hoffen wir, dass wir ohne Turnhallen auskommen werden. Im Augenblick dienen noch zwei Turnhallen als Flüchtlingsunterkünfte, aber sie sollen in absehbarer Zeit leergezogen werden. So sollte es dann bleiben, aber die Planbarkeit ist weiterhin schlecht. Wir wissen nicht immer, was auf uns zu kommt.

Aber Sie rechnen mit weiteren Flüchtlingen, die in die Stadt kommen?

Schall Ja, die Zahl der Neuankömmlinge kann sich im dreistelligen Bereich bewegen. Vor allem rechnen wir mit weiteren unbegleiteten Jugendlichen, die Mönchengladbach zugewiesen werden. Hier erfüllen wir unsere Quote noch nicht. 124 sind zurzeit in der Stadt untergebracht. Die Quote liegt bei 160, und ich gehe davon aus, dass wir sie bis Jahresende erfüllen.

Wer kümmert sich um die Jugendlichen und wo sind sie untergebracht?

Schall Für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge ist das Jugendamt zuständig. Je nach Alter der Jugendlichen wird eine passende Einrichtung gesucht. Sie werden in Wohngruppen oder auch bei Pflegeeltern untergebracht. Die Unterbringung erfolgt nach den gesetzlichen Regelungen wie bei deutschen Jugendlichen auch. Allerdings kann es bei Pflegeeltern dadurch besonders schwierig werden, weil die leiblichen Eltern unter Umständen bald nachkommen. Dann verlässt der Jugendliche die Pflegefamilie sehr schnell wieder. Damit umzugehen ist nicht so einfach.

Wie sieht die Wohnsituation derzeit aus? Planen Sie die Errichtung weiterer Leichtbauhallen? Gibt es überhaupt genug oder explodieren die Preise wie bei den Containern?

Schall Leichtbauhallen sind am schnellsten zu errichten, und es gibt noch keine Engpässe in diesem Bereich. Auch die Kosten steigen nicht so stark wie bei den Containern. Aber die Planungen für die festen Gebäude laufen natürlich weiter. Insgesamt werden vier Flüchtlingsheime gebaut: am Fleener Weg, in Eicken, Mülfort und im Luisental.

Aber die Heime sind nur der erste Schritt bei der Unterbringung der Flüchtlinge. Irgendwann müssen sie Wohnungen haben.

Schall Ja, viele der Flüchtlinge werden länger in Mönchengladbach bleiben, und damit die Integration klappt, brauchen sie Wohnungen. Wir haben jetzt einen Mitarbeiter, der die Wohnungsangebote abtelefoniert. Die Integration funktioniert viel leichter, wenn die Menschen in einer eigenen Wohnung ein normales Leben führen und Nachbarn haben. Natürlich müssen sie erst ein wenig über das Leben in Deutschland gelernt haben, zum Beispiel wie bei uns die Mülltrennung funktioniert oder dass aus den Wasserhähnen tatsächlich Trinkwasser kommt. Die eigene Wohnung ist der zweite Schritt für Leute mit sicherer Bleibeperspektive.

Was meinen Sie? Schaffen wir das? Können wir die Integration stemmen?

Schall Das kommt wirklich darauf an, wie schnell wir die Menschen in Arbeit bringen oder ob wir es schaffen, sie in die Vereine zu integrieren. Wenn die Leute sich wohlfühlen, gibt es keine Probleme. Die Arbeitsagentur richtet jetzt einen Integration-Point ein, wo die Menschen immer einen Ansprechpartner haben. Das ist ein wichtiger Schritt, aber ohne die Ehrenamtler ginge es gar nicht. In Mönchengladbach hilft die gesamte Stadtgesellschaft, jeder Verein macht mit, die Nachbarn gehen in die Heime und helfen unbürokratisch. In der Stadtverwaltung ist die Stelle eines Flüchtlingskoordinators ausgeschrieben. Auch das wird einiges vereinfachen.

Und die Gesundheitskarte? Sind Sie mit der jetzigen Lösung zufrieden?

Schall Wir müssen abwarten, ob es wirklich eine Vereinfachung für die Verwaltung und die Betroffenen darstellt. Wenn ja, bin ich zufrieden. Dann bedeutet die Gesundheitskarte eine neue Qualität für die Flüchtlinge. Bisher waren sie auf die Öffnungszeiten der Verwaltung angewiesen, was natürlich nicht optimal ist. Man wird ja nicht nur an Wochentagen zwischen 9 und 17 Uhr krank.

Es besteht immer die Sorge, dass die Stimmung gegenüber den Flüchtlingen kippt. Sehen Sie in Mönchengladbach diese Gefahr?

Schall Die Diskussion darüber trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Aber grundsätzlich gibt es für die Bürger keinen Grund, Angst zu haben. Jeder bekommt weiterhin, was ihm zusteht. Niemand erhält weniger, weil die Flüchtlinge da sind.

Der Sozialetat für das kommende Jahr umfasst 53 Millionen Euro. Reicht das?

Schall Das kriegen wir hin.

Die Höhe des Etats weckt immer wieder Begehrlichkeiten. Es wird evaluiert und von Einsparungsmöglichkeiten geredet. Kann man im sozialen Bereich noch sparen?

Schall Sparen im Sozialbereich führt letztendlich meist zu höheren Kosten. Ein Beispiel: Wir sparen an Kitas, die Eltern können deshalb nicht Vollzeit arbeiten und zahlen weniger Steuern. Resultat: Wir haben gespart und damit erreicht, dass die Einnahmen sinken. Außerdem sind im Topf des Sozialbereichs sehr unterschiedliche Projekte untergebracht. Dort finden sich Vereine wie Zornröschen, der Kinderschutzbund, oder es werden auch die Frühen Hilfen finanziert, die junge Familien direkt nach der Geburt des Kindes erreichen sollen. Hier will eigentlich niemand sparen. Wir haben darin allerdings auch die sehr hohen Kosten für die Hilfen zur Erziehung. Und die sinken leider auch nicht.

Was zeichnet denn die Mönchengladbacher Sozialstruktur aus?

Schall Mönchengladbach hat immer noch eine schwierige Sozialstruktur. Es gibt viele Arbeitslose, und wir haben immer noch eine hohe Quote von Jugendlichen ohne Schulabschluss. Deshalb bessert sich die Situation auch nicht. Das zieht sich durchs Leben. Mit dem Projekt Home+ versuchen wir gegenzusteuern und eine erfolgreiche Schulkarriere zu ermöglichen. Dadurch soll der Übergang zwischen der Grundschule und der weiterführenden Schule glatter gestaltet werden. Es muss nicht jeder Abitur machen, aber jeder Schüler sollte den passenden Abschluss machen.

Auch das Problem der Schulverweigerer fällt in diesen Bereich.

Schall Ja, bei Schulverweigerern ist es sehr wichtig, früh einzugreifen. Alle müssen aufmerksam sein und sofort das Gespräch suchen, wenn Schüler häufig fehlen. Mit den Schülern und mit den Eltern. Manche Eltern glauben, dass ihre Kinder regelmäßig in die Schule gehen, andere haben selbst eine gebrochene Schulkarriere.

Trotzdem liegt der Sozialetat niedriger als im vergangenen Jahr.

Schall Ja, weil die Schulsozialarbeiter präventiv arbeiten und so dauerhaft die Kosten senken werden. Die Schulsozialarbeiter erreichen die Eltern und können eine Brücke zwischen Schule und Elternhaus schlagen. Auch andere Präventionsprojekte wie Home, Frühe Hilfen, Familienzentren und Beratungsangebote führen zu einer Entspannung im Sozialbereich. Alles zusammengenommen bewirkt auf Dauer eine Kostenreduzierung.

RALF JÜNGERMANN, GABI PETERS UND ANGELA RIETDORF FÜHRTEN DAS INTERVIEW

Quelle: RP
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