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Mönchengladbach
Springen sie - oder springen sie nicht?

Mönchengladbach: Springen sie - oder springen sie nicht?
Helen Wendt spielt die 20-jährige Norwegerin Julie. Sie hat den 19-jährigen August aus Österreich, gespielt von Jonathan Hutter, zum gemeinsamen Suizid angestiftet. Anderthalb Stunden ziehen die beiden jungen Schauspieler die Zuschauer in ihren Bann. Chapeau. FOTO: Matthias Stutte
Mönchengladbach. Helen Wendt und Jonathan Hutter spielen Julie und August, die gemeinsam sterben wollen. Gebannt verfolgen die Zuschauer die emotionale Geschichte. Im Theater wurde noch einmal "norway.today" gegeben - ein Hammerstück. Von Inge Schnettler

Bis zum Schluss bleibt die Hoffnung. Nein, sie werden es nicht tun, sie werden nicht springen, sie sind viel zu jung zum Sterben, sie haben doch gerade erst ihre Liebe zueinander entdeckt. Und dann geht das Licht aus, nichts ist zu hören, kein Mucks von der Bühne, atemlose Stille im Zuschauerraum. Zaghaft klatscht einer, dann andere auch. Das Licht geht an. Die beiden Schauspieler stehen vor dem Eisengestänge, das die Bühnenfläche füllt, verneigen sich. Lachen, sind so lebendig und so wunderschön anzusehen.

Dennoch: Sie sind gesprungen, das verlangt das Stück, und das müssen Kopf und Herz akzeptieren. Das ist schwer. Haben sich doch Helen Wendt als 20-jährige Julie und Jonathan Hutter als der 19-jährige August mehr als 100 Minuten eindringlich in die Herzen der - vielfach jungen - Zuschauer im Studio des Theaters gespielt. Nach diesem Theaterbesuch fällt es schwer, herunterzufahren. Fast unmöglich ist es, später in den Schlaf zu finden. Wie mag es den beiden jungen Schauspielern dann erst ergehen, nachdem sie die Handlung so emotional, so echt und so bewegend in Szene gesetzt haben? Wie schalten sie runter? Wie finden sie in ihr wahres Leben zurück?

Ja, "norway.today" geht unter die Haut, berührt, verstört. Igor Bauersima hat das Zweipersonen-Drama - inspiriert von der wahren Geschichte zweier junger Menschen, die gemeinsam in den Tod gingen - als Auftragsarbeit für das Schauspielhaus Düsseldorf geschrieben. Seit seiner Uraufführung im Jahr 2000 ist es an vielen Häusern gespielt worden. In Mönchengladbach und Krefeld war es auch schon zu sehen. Nun kam es noch einmal zurück - glücklicherweise.

Erzählt wird die Geschichte von zwei jungen Menschen, die sich im Internet zum gemeinsamen Suizid verabreden. In Norwegen wollen sie vom 600 Meter hohen, schneeverwehten Preikestolen-Felsen am Lysefjord in den Tod springen. Julie, die schon alles erlebt, alles gesehen hat, ist genau deshalb ihres Lebens überdrüssig. August empfindet das Leben, die Welt - eigentlich alles - als "fake", er will wenigstens seinen Tod als echt erleben.

Die beide kommen sich näher, der Ton wird sanfter, sie berühren sich, gestehen sich ihre Zuneigung. Fasziniert vom Polarlicht, keimt Hoffnung in beiden auf. Sie fotografieren und filmen die Naturerscheinung, berauschen sich an ihr. Sie filmen sich gegenseitig, sie sprechen letzte Worte, die nach ihrem Ableben die Familie erreichen sollen. Zeitgemäß ist das, erschreckend auch, aber gleichzeitig rührend. Vor allem, als Julie feststellt, dass sie tatsächlich behütet und sorglos, immer umsichtig vor Gefahren geschützt, in ihrer Familie aufgewachsen ist. Und August stellt fest, dass es vor dem Tod das Leben zu entdecken gibt. Die Stimmung auf dem Gestänge, das für die Steilküste steht, wird entspannt, freundlich, lebensbejahend.

Sind die beiden jungen Menschen wirklich gesprungen? Was geschah, als das Licht gelöscht, der Studioraum des Theaters in tiefdunkles Schwarz gehüllt war? Gehört hat man nichts, keinen Schrei, keinen Aufprall - nichts. Sollten sie es sich tatsächlich doch noch anders überlegt, sich für das Leben, gegen den Tod entschieden haben? Ich entscheide mich für den positiven Ausgang der Geschichte. Oh ja, das tut gut.

Quelle: RP
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