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Mönchengladbach
Strategien gegen Stammtischparolen

Mönchengladbach. In einem Workshop der Philippus-Akademie erklärte Klaus-Peter Hufer, wie man Vorurteilen am besten entgegentritt. Es geht dabei um Argumente, um Entlarvung und darum, überhaupt zu reagieren.  Von Angela Rietdorf

Das Interesse am Thema ist unübersehbar: Es sind doppelt so viele Teilnehmer gekommen wie erwartet. Fast alles Menschen, die in irgendeiner Form mit Flüchtlingsarbeit zu tun haben und immer häufiger mit Stammtischparolen und rassistischen Sprüchen konfrontiert werden. Rund 30 Leute sitzen deshalb im Wichernhaus am Marktstieg und wollen von Klaus-Peter Hufer wissen, wie man auf solche Parolen reagiert.

Der Politikwissenschaftler ist ein im Augenblick besonders begehrter Fachmann auf diesem Gebiet. Der Duisburger Professor jettet durch die Republik. Dabei geht es ihm nicht darum, den Teilnehmern an seinen Workshops Schlagfertigkeit beizubringen oder vorgefertigte Antworten zu vermitteln - etwa auf 80 gängige Stammtischparolen 80 Erwiderungen parat zu haben.

Es geht um Argumente, um Entlarvung und darum, überhaupt zu reagieren. Meistens ist das nämlich nicht so einfach, wie auch alle Teilnehmer zu berichten wussten. Das sei kein Wunder, sagt Hufer und zählt auf, was solche Parolen auszeichnet: sie sind aggressiv, verkürzt, selbstgerecht, ausgrenzend, menschenverachtend, einfach strukturiert. "Wer dagegen ist, ist in der Defensive", weiß der Politikwissenschaftler. In einem Rollenspiel übernehmen drei Teilnehmer die Parolenposition "Die nehmen uns alles weg". Drei Teilnehmer argumentieren dagegen. Es zeigt sich, wie leicht es ist, mit den Verallgemeinerungen zu arbeiten, wie schwer das Argumentieren dagegen ist. Aber es geht.

Klaus-Peter Hufer nennt einige Möglichkeiten, mit Stammtischparolen umzugehen. Eine davon ist es, das "die" aufzulösen. Wer sind zum Beispiel "die Ausländer"? Wer ist konkret gemeint? Welche Erfahrungen hat der Sprecher mit ihnen gemacht? Außerdem: gezielt nach einer Lösung fragen. "Wenn man immer weiter fragt, kommt man schnell zu Internierungslagern, Schießbefehl an der Grenze und anderen menschen- und demokratiefeindlichen Aussagen", erklärt der Professor. Damit ändert man zwar nicht die Meinung desjenigen, der die Parolen verwendet, entlarvt ihn aber vor anderen, den Unentschiedenen, dem Publikum. "Mit Argumenten ein fundamentalistisches Weltbild zu ändern, funktioniert nicht", sagt Hufer. "Wir Menschen nehmen in erster Linie bestätigende Informationen auf. Die eigentlichen Adressaten bei Erwiderungen sind die Unentschiedenen."

Aber das Dagegenhalten sei wichtig, erklärt er und berichtet von einer Rollstuhlfahrerin, die von jungen Männern mit den Worten "Dich hat man in Auschwitz vergessen" angegriffen wurde. Das Schlimmste für die Frau sei die Tatsache gewesen, dass niemand von den Umstehenden reagiert habe. Keiner hat sich mit dem Opfer in irgendeiner Form solidarisiert. "Fast jede Reaktion ist besser als keine Reaktion", sagt der Referent.

Eine Möglichkeit, Menschen mit Vorurteilen und einem fundamentalistischen Weltbild zu erreichen, gibt es nämlich doch. Ausgestiegene Rechtsextreme berichten davon, dass sie zum Nachdenken angeregt wurden, wenn sie auf Menschen getroffen sind, die sie als Person annehmen konnten, ihre Position aber strikt abgelehnt haben. Ein Hoffnungsschimmer in einer gespaltenen Gesellschaft, in der die Positionen immer unversöhnlicher aufeinanderprallen.

Quelle: RP
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