| 00.00 Uhr

Mönchengladbach
Tanzend ins dritte Jahrhundert

Mönchengladbach: Tanzend ins dritte Jahrhundert
Gertrud Heidrich, Helene Paulußen, Waltraud Engelen und Mechthild Schelhove (v. l.) feierten gemeinsam. FOTO: Andreas Baum
Mönchengladbach. Helene Paulußen und Gertrud Heidrich bringen es zusammen auf glatte 200 Jahre - ein Grund zum Feiern. Von Angela Rietdorf

"Mit hundert fängt das Leben an", sagt Gertrud Heidrich und lacht schelmisch. Wenn das wirklich so ist, dann muss sie noch ein wenig warten - Gertrud Heidrich begeht nämlich erst ihren 99. Geburtstag. Das fehlende Jahr borgt sie sich sozusagen von ihrer Nachbarin: Helene Paulußen hat ihren hundertundersten Geburtstag schon hinter sich. Gemeinsam feierten sie jetzt mit den anderen Bewohnerinnen und Bewohnern des Helmut-Kuhlen-Seniorenheims ihren 200. Geburtstag.

Die beiden Geburtstagskinder sitzen vor einer bunt geschmückten Wand, lassen sich Geschenke überreichen, ein Ständchen nach dem anderen bringen, und sie stimmen munter mit ein, wenn alle "Freut euch des Lebens" singen. Und sie machten ihre Scherze. "Gott sei Dank weiß niemand, dass ich Geburtstag habe", sagt Gertrud Heidrich lachend, als Mechthild Schelhove vom Sozialen Dienst des Seniorenheims den beiden eine Geburtstagstorte mit einer "200" in Kerzenform überreicht. Als der Akkordeonspieler dann in die Tasten greift, gibt es kein Halten mehr: Die beiden ältesten Bewohnerinnen des Hauses wiegen sich im Takt der Musik - Gertrud Heidrich im Arm ihres Neffen, Helene Paulußen mit ihrer Tochter. Es sei schon das zweite Mal in diesem Monat, dass ihre Mutter tanze, stellt Helene Paulußens Tochter Waltraud Engelen, fest. Schon beim Oktoberfest wurde das Tanzbein geschwungen. "Tanzen war immer ihr Ein und Alles", erklärt die Tochter.

Helene Paulußen wurde am 24. September 1916 in Osterfeld in der Nähe von Oberhausen geboren. Die gelernte Schneiderin lebte zwischenzeitlich in Krefeld, zog aber vor mehr als 60 Jahren nach Rheydt. Neben dem Tanzen liebt sie den Karneval - Leidenschaften, die besonders zu Altweiber hervorragend zusammenpassen. Seit sieben Jahren lebt sie im Seniorenheim, regelmäßig besucht von ihrer einzigen Tochter. Aber langweilig ist ihr auch sonst nicht. "Sie ist immer unterwegs und nimmt an den Aktivitäten teil", erzählt Waltraud Engelen. Feierfreudig ist sie auch im hohen Alter immer noch: Auch mit 101 greift sie lieber zum Gläschen Sekt als zum Orangensaft.

Auch Gertrud Heidrich ist 2010 in das Awo-Seniorenheim an der Bendhecker Straße gezogen - ein Entschluss, den sie nicht bereut. "Ich bin hier so gut aufgehoben." Die 99-Jährige stammt aus Schlesien und erinnert sich noch gut an den Krieg. "Als die Russen kamen, hatte ich solche Angst", erzählt sie. "Aber dann wurde ich positiv überrascht." Als sie Schlesien verlassen musste, ging sie erst nach Wien, dann nach Nordrhein-Westfalen. "Ich wollte dahin, wo viel Arbeit ist."

Gertrud Heidrich arbeitete viele Jahre in einer Zeitungsdruckerei. "Ich habe die Zeitung expediert", beschreibt sie ihre Aufgabe. Ihr Mann fiel im Krieg - noch einmal geheiratet hat sie nicht. "Er hat immer zu mir gesagt, ich solle es nicht glauben, wenn die Nachricht von seinem Tod kommt, er könne ja auch in Gefangenschaft sein", erzählt sie. "Daran habe ich immer wieder gedacht."

Gertrud Heidrich nimmt ebenfalls sehr aktiv am Leben im Seniorenheim teil. Oder sie geht spazieren oder legt Patiencen. "Aber dazu habe ich meistens keine Zeit", sagt sie und lacht wieder.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mönchengladbach: Tanzend ins dritte Jahrhundert


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.