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Susanne Grabenhorst Und Günter Rexilius
Tihange-Havarie beträfe Gladbach stark

Mönchengladbach. Von heute bis Sonntag treffen sich die deutschen Mitglieder der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs in Gladbach zu ihrer Jahrestagung. Es geht um Flüchtlinge, Atomwaffen und die Gefahren der belgischen Atommeiler. Von Angela Rietdorf

Die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) gibt es seit mehr als 30 Jahren.1985 wurde die Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Am Wochenende treffen sich rund 80 Mitglieder der deutschen Sektion zu ihrer Jahrestagung, die erstmalig in Mönchengladbach stattfindet. Das Themenspektrum der Friedensärzte hat sich inzwischen ausgeweitet. Neben dem Einsatz zur Abschaffung der Atomwaffen treten auch Kriegsprävention, Fragen der zivilen Nutzung der Atomenergie und der sozialen Verantwortung der Medizin. Wir sprachen mit Susanne Grabenhorst, der Vorsitzenden der deutschen IPPNW-Sektion und Günter Rexilius, Mitglied der Mönchengladbacher Regionalgruppe.

Es gibt zurzeit viele bewaffnete Konflikte und Kriege, aber die Bedrohung durch Atomwaffen ist seit dem Ende des Kalten Krieges aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Ist es für Ihre Organisation nicht an der Zeit, sich einen neuen Namen zu geben und andere Ziele zu verfolgen?

Susanne Grabenhorst Keineswegs. Das Thema mag nicht so stark im Bewusstsein der Öffentlichkeit sein, aber davon verschwindet die Bedrohung nicht. Der Nichtverbreitungsvertrag liegt praktisch auf Eis, die Abrüstung geht nicht voran. Der Bundestagsbeschluss von 2010, der den Abzug der Atomwaffen aus Büchel fordert, wird nicht umgesetzt. Und in den Überlegungen der Militärstrategen spielen die Atomwaffen immer eine Rolle. Die Spannungen zwischen der Nato und Russland nehmen zu, auch bilateral zwischen dem Natomitglied Türkei und Russland, wie nach dem Abschuss des russischen Kampfjets. Stellen Sie sich vor, der Bündnisfall tritt ein. Auch in der Türkei werden Atomwaffen gelagert. Gerade jetzt wäre es wichtig, Atomwaffen international zu ächten. In Genf tagt gerade eine Arbeitsgruppe, die einen entsprechenden Beschluss vorbereitet und bei der UN einbringen will. Die IPPNW ist auch daran beteiligt.

Also keine Entwarnung bei der Gefährdung durch Atomwaffen. Die deutsche IPPNW-Sektion setzt sich auch sehr kritisch mit der zivilen Nutzung der Kernenergie auseinander. Was kritisieren Sie?

Grabenhorst Unser spezieller Zugang zu dieser Thematik hat natürlich die Gesundheitsfolgen der Strahlung im Blick. Die tödlich verlaufende Strahlenkrankheit kann zu den akuten Folgen eines Unfalls wie in Tschernobyl oder Fukushima gehören. Zu den Langzeitfolgen gehören Krebs, Fehlbildungen bei Kindern, eine schnellere Zellalterung und auch ein höheres Risiko für tödlich verlaufende Herz-Kreislauf-Erkrankungen. GÜNTER REXILIUS Hohe Strahlung kann tödlich sein, aber auch Niedrigstrahlung verursacht erhebliche Schäden. Im Umkreis von AKWs ist eine erhöhte Leukämierate festzustellen. Es gibt keinen Schwellenwert, unterhalb dessen die Strahlung ungefährlich wäre. Auch geringe Dosen richten Schaden an.

In diesem Zusammenhang wird oft auf die natürliche Strahlung verwiesen.

Grabenhorst Nicht alles, was es in der Natur gibt, ist gesund. In Gegenden mit höherer Hintergrundstrahlung sind Krebsraten nachweislich höher.

Zum Abschluss Ihrer Jahrestagung wollen Sie am Sonntag auf dem Platz vor der Citykirche Alter Markt mit einer öffentlichen Aktion auf die Folgen einer Reaktorkatastrophe im belgischen AKW Tihange aufmerksam machen. Was geschähe denn Ihrer Meinung nach bei einem Unfall?

Rexilius Wir haben oft West- oder Südwestwind in Mönchengladbach. Das heißt, wir wären unmittelbar betroffen. Das Risiko von Gesundheitsschäden wäre immens. Auch unsere Kinder und Enkel werden noch davon betroffen sein. GRABENHORST Wenn man sich das konkret für Mönchengladbach vorstellt, bekommt die Bedrohung eine ganz andere Qualität. Das hier ist eine dicht besiedelte Region. Es käme zu einer riesigen Fluchtbewegung. Auch die wirtschaftlichen Schäden durch einen Produktionsstopp wären gewaltig.

Gerade wurde über die Verteilung von Jodtabletten diskutiert.

Grabenhorst Selbst diese relativ kleine Maßnahme zeigt die ungeheure logistische Herausforderung, die ein Unfall bedeuten würde. Wie diese Tabletten verteilt werden, wer sie bekommt, wann sie einzunehmen sind, das alles zu organisieren, ist ausgesprochen schwierig.

Es wird bei Ihrer Tagung auch um Fragen der aktuellen Fluchtursachen und Fluchtbewegungen, um Gewaltprävention und friedliche Konfliktlösungen gehen. Sind die Veranstaltungen öffentlich?

Rexilius: Ja, öffentlich und kostenlos. Gäste sind willkommen. Wir sind im Gymnasium am Geroweiher, dessen Schüler und Lehrer auch eingeladen sind. Die Schule hat uns bisher ungewöhnlich stark unterstützt.

Quelle: RP
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