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Serie Denkanstoss
Tihange liegt vor unserer Haustür

Serie Denkanstoss: Tihange liegt vor unserer Haustür
FOTO: Wikipedia
Mönchengladbach. In diesen Tagen werden wir wieder an den Super-GAU in Tschernobyl erinnert: Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor in Block 4 des Atomkraftwerks von Tschernobyl. Ein technisches Experiment geriet an diesem Tag außer Kontrolle und führte zur Nuklear-Katastrophe. Von Martin Gohlke

Viele Menschen starben unmittelbar nach dem Unfall oder nach Jahren an den Folgeschäden der radioaktiven Verstrahlung. Schätzungen zufolge könnte es sich dabei um Hunderttausende Menschen handeln.

In der Folge war zu hören, dass in einem westlichen Atomkraftwerk so etwas nicht passieren könne, weil die Technik hier besser und sicherer sei. Und es wurde behauptet: Es hat eben die getroffen, die selber an diesem Vorfall schuld waren.

Tschernobyl ist jetzt 31 Jahre her. Heute ist bei uns ein solcher Super-GAU nicht nur reine Theorie, sondern durchaus denkbar geworden. Denn die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel machen überhaupt keinen vertrauenswürdigen Eindruck. Die früher im Westen so hochgepriesene Technik hat hier im wahrsten Sinne des Wortes Risse bekommen. Immer wieder hört man in der Presse von Zwischenfällen in diesen Atommeilern, so dass sie zwischendurch abgeschaltet werden müssen. Nicht von ungefähr bezeichnet man sie als "Bröckelreaktoren".

Tihange ist gerade mal 100 Kilometer von Mönchengladbach entfernt. Käme es zu einem Unfall, wären wir direkt betroffen. In kürzester Zeit würde uns die radioaktive Wolke erreichen und verstrahlen. Der Plan, Jodtabletten auszuteilen, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, abgesehen davon, dass sie ausschließlich an Schwangere und Gladbacher unter 45 Jahren gereicht werden sollen.

Mönchengladbach hat gut 260.000 Einwohner, während in Aachen ungefähr 250.000 Menschen leben. Innerhalb kürzester Zeit müsste evakuiert werden. Die Frage ist: Wohin? Wer könnte mit einem Schlag Hunderttausende Menschen aufnehmen? Und das nicht für ein paar Wochen, sondern für Jahrzehnte? Die Menschen in Prypjat, damals eine Stadt mit 49.000 Einwohnern in der Nähe zum Reaktor in Tschernobyl, hatten nur wenige Stunden Zeit, um ihre Heimat zu verlassen - wie soll das aber mit so vielen Menschen rund um Tihange funktionieren? Das Chaos wäre programmiert.

Den Kopf in den Sand zu stecken und zu denken "Es wird uns wohl schon nichts passieren", ist keine gute Lösung. Das einzig Vernünftige wäre, sofort alle "Bröckelmeiler" abzuschalten. Das Risiko für einen GAU ist einfach zu groß. Was nützt es, wenn Deutschland seine Atomkraftwerke abschaltet, aber in seiner Umgebung kein Umdenken erfolgt? Zu hinterfragen ist allerdings auch, dass Deutschland weiterhin Brennelemente an das AKW Tihange liefert. Da stimmt was nicht! Nach Tschernobyl hat es wie gesagt Stimmen gegeben, die meinten: Es hat eben die getroffen, die selber an diesem Vorfall schuld waren. Heute ist auch in unserer Nähe eine Nuklear-Katastrophe denkbar. Müsste man, wenn sie passiert, über uns nicht auch sagen: Selber schuld?

Jesus griff in einer seiner Predigten einen Vorfall auf, der sich damals ereignet hatte. Ein Turm war bei der Siloahquelle in Jerusalem eingestürzt und riss 18 Menschen mit in den Tod. Dazu sagte Jesus: "Meint ihr, dass die 18 Menschen, die getötet wurden, schuldiger waren als alle anderen Menschen in Jerusalem? Ich sage euch: Nein, sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen."

Im Gedenken an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl können wir uns nicht damit beruhigen, dass andere Fehler gemacht haben, um uns selbst in falscher Sicherheit zu wiegen. Wir sind heute vielmehr gefragt umzukehren, damit wir nicht "alle auch so umkommen". Wohlgemerkt: Tihange liegt quasi vor unserer Haustür!

MARTIN GOHLKE (51 JAHRE, VERHEIRATETET, FÜNF KINDER), IST PFARRER DER EV. KIRCHENGEMEINDE WICKRATHBERG.

Quelle: RP
 
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