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Mönchengladbach
Triefende Reibekuchen und Milch-Fliegenpilze

Mönchengladbach: Triefende Reibekuchen und Milch-Fliegenpilze
In seinem Ordner hat Franz-Josef Wirtz viele Bilder abgeheftet. FOTO: Vittinghoff Marei
Mönchengladbach. Regelmäßig führt Franz-Josef Wirtz kleine Gruppen durch die Rheydter Innenstadt. Er erzählt von der Geschichte des Marktplatzes, von berühmten Bürgern, geschlossenen Lieblings-Läden und allerlei persönlichen Erinnerungen aus seiner Heimat. Von Marei Vittinghoff

Es ist 15.20 Uhr am Sonntag, als Franz-Josef Wirtz den Ratskeller erreicht. In seinen Händen hält er einen weißen Ordner, der - fein säuberlich geheftet und laminiert - die Geschichte Rheydts in Bildern und Zeichnungen enthält. Der gebürtige Rheydter hat sie aus dem Stadtarchiv gesammelt, nun möchte er sie mitsamt seinen Geschichten weitergeben. Der Rundgang durch die Rheydter Innenstadt ist seine Lieblingsführung. Elf Menschen haben sich versammelt, um ihn auf seiner kleinen Reise zu begleiten: Junge und ältere Teilnehmer sind dabei - alteingesessene Rheydter genauso wie Zugezogenen, die mithilfe der Führung ihr Wissen über das neue Zuhause erweitern wollen. "Mönchengladbach ist so eine liebenswerte Stadt. Man muss sie nur kennenlernen", sagt Wirtz. Dann beginnt er pünktlich um 15.30 Uhr zu erzählen.

Passend zum Standort - dem Rheydter Marktplatz - handeln seine Darstellungen zunächst von all den Veränderungen, die der Platz im Laufe der Zeit erlebt hat und den Ort zu dem machen, was er heute ist. Flüssig und ohne Notizen schildert er, wie Rheydt sich nach und nach aus sechs Honschaften (Dorf, Wateler, Heyden, Geneicken, Elsenbroich und Bonnenbroich) entwickelte und führt vom so genannten Linnapa Hof, über eine 1325 erbaute katholische Kirche, einem vom Schloss Rheydt unterstützten Beginenhof für Frauen und einem Franziskaner-Kloster durch die Einrichtungen, die einmal das Zentrum auf dem heutigen Platz darstellten. Durch den Flachsanbau und den Leinenhandel seien Holländer nach Rheydt gekommen, die ihren protestantischen Glauben mitbrachten und durch ihre Sprache das Rheydter Platt prägten. Der Stadt ging es finanziell sehr gut. Bald sollten darum eine neue Kirche - die evangelische Hauptkirche - sowie ein neues Rathaus her. Es wird von einem Ritter, einem Wappen und zwei weiteren Figuren geschmückt: "Die Figuren sind Allegorien. Sie stehen für das Bürgertum und die Verwaltung", sagt Wirtz. Auch eigene Erinnerungen an den Marktplatz teilt er mit der Gruppe: "Zur Rheydter Kirmes im Mai und September gab es hier früher immer eine so genannte Fressallee, die komplett mit Teerpappe ausgelegt wurde, da man das Fett von den Reibekuchen sonst nie mehr von der Straße bekommen hätte", schildert er lachend.

Milch aus einem Laden in Fliegenpilz-Form kaufen? War hier früher möglich. FOTO: Vittinghoff Marei

"Genug gestanden", heißt es nach einer Weile. Also geht es vorbei am Kinder- und Familienzentrum Mummi, dem ehemaligen Odeon-Kino zum Hugo-Junkers-Park. "Die Villa dort ist allerdings nicht das Geburtshaus vom Ehrenbürger Junkers", weiß Wirtz. "Sie wurde 1925/26 erbaut und gehörte der Fabrikantenfamilie Lühl". Das richtige Geburtshaus befinde sich an der Hauptstraße 16, direkt gegenüber der Heinemann-Filiale. "Es ist eigentlich mit einem großen Schild gekennzeichnet, aber mit den grünen Täschchen in der Hand fällt es den meisten beim Gang aus den Laden gar nicht auf", sagt Wirtz lachend.

Auch von weiteren berühmten Rheydtern weiß er zu berichten. So etwa von Maria Lenssen, einzige Ehrenbürgerin Rheydts und Gründerin der Fortbildungsschule für Frauen und Mädchen, von Filmemacher Heinz Sielmann oder den Pastoren Franz Balke (Hephata) und Ernst Jakob Christoffel (Blindenmission). Doch auch durch eine der dunkelsten Stunden der Stadt geht die Führung. Dort, wo früher die einzige Synagoge Rheydts stand, erinnert heute nur noch ein Denkmal an die 199 von 300 in Rheydt lebenden Juden, die im Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Hier stand bis zur Reichspogromnacht 1938 die einzige Rheydter Synagoge. FOTO: Vittinghoff Marei

Weiter geht es zur Wilhelm-Strater-Straße. An diesem Tag ist Rheydt ruhig, und so geht auch Wirtz' Strategie auf: Alle schauen sich neugierig um, beobachten jedes Haus, als sähen sie es zum ersten Mal. Der Reiseführer selbst verleiht seiner Liebe zu den Gebäuden immer wieder mit Schwärmereien Ausdruck. Über den Brunnen an der Straße erzählt er, dass er die sechs Honschaften Rheydts präsentiere, das Wasser, das die Straße abwärts fließt, symbolisiere dabei den Verlauf des Rheydter Baches. Als es auf die Hauptstraße geht, erzählt Wirtz die Geschichten, die sich hinter einigen der Häuser verbergen.

Die Hausnummer 30 sei so etwa das erste Gebäude auf der Straße gewesen, das nach dem Krieg fertiggestellt wurde und mit einem Zigarrenhändler mit eigener Tabakzucht in Südamerika sogar Kunden aus Düsseldorf anlockte. Entlang der nach der Harmonie-Gesellschaft benannten Harmoniestraße und der Stresemannstraße 39, wo die Menschen nach dem Krieg für Essensmarken Schlange standen (heute steht dort eine Xenos-Filiale leer), dem Glockenspiel am Marienplatz und dem alten "Birnbaumviertel" mit der Pfarrei St. Marien, führt Wirtz die Gruppe zum Rheydter Bahnhof - "leider heute ein Schandfleck", sagt er. "Wir hatten mal so einen schönen Bahnhof."

Hier stand man einst Schlange, um an Essensmarken zu gelangen. FOTO: Vittinghoff Marei

Wirtz hält noch weitere Überraschungen bereit, erzählt von der einzigen Windmühle Rheydts, die mal auf dem Gelände der Firma Scharmann stand, oder von einem Milchladen in Form eines Fliegenpilzes mitten auf der Moses-Stern-Straße. "Ich sollte dort immer zwei Liter besorgen, bin aber immer nur mit einem zurück gekommen, weil die Milch so lecker war", gibt er schmunzelnd zu. Zurück am Marktplatz. Die Teilnehmer sind zufrieden - und somit auch Wirtz. Der 70-Jährige konnte ein Stück seiner Heimatliebe weitergeben. Und das ist das Wichtigste für ihn: "Ich bin und bleibe eben Rheer Jong."

Quelle: RP
 
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